Stand: 01.11.2017 17:55 Uhr

Mediales Stigma: Kachelmann auf ewig ein Verbrecher?

von Robert Bongen & Fabienne Hurst

Es ist ein spektakulärer Sieg für Jörg Kachelmann: Im Juli 2017 gibt die Staatsanwaltschaft Mannheim eine Unterlassungserklärung ab. Sie verpflichtet sich, nicht mehr zu behaupten, dass am angeblichen Tatmesser DNA-Spuren des Wetterexperten gefunden worden seien. Das ist nämlich falsch. Kachelmann wurde vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Die Tat hat nie stattgefunden, auf dem vermeintlichen "Beweisstück" war nie die DNA des Wettermanns nachweisbar. Und trotzdem hatte die Staatsanwaltschaft mehr als ein Jahr nach dem Prozess ein solches Pressestatement herausgegeben.

Jörg Kachelmann © NDR

Stigma: Kachelmann auf ewig ein Verbrecher?

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Jörg Kachelmann - einst war er Deutschlands berühmtester Wettermoderator. Dann trifft ihn ein Vergewaltigungsvorwurf. Er ist unschuldig - doch ein Makel bleibt.

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Eine Staatsanwaltschaft muss per Gerichtsbeschluss gezwungen werden, falsche Beschuldigungen zu unterlassen. Doch mittlerweile interessiert sich fast niemand mehr für die Wahrheit im Fall Kachelmann. Es herrscht an diesem Julitag gähnende Leere im Gerichtssaal. Der Ausgang der Verhandlung wird allenfalls klein vermeldet, manche Medien berichteten gar mit der Titelzeile: "Kachelmann: keine DNA am Tatmesser" - obwohl es doch gar keine Tat gegeben hat.

Der Kampf gegen ein Bauchgefühl

Ja, Jörg Kachelmann ist unschuldig. Aber wenn man die Menschen auf der Straße danach fragt, was Ihnen alles spontan zu Kachelmann einfällt, dann hört man auch so etwas: "Den haben Sie abgesägt, der soll vergewaltigt haben." Und: "Meine Meinung ist, dass er schuldig ist. Was damals so passiert ist." Eine Meinung zum Fall Kachelmann scheint jeder zu haben: "So intuitiv hab ich so das Gefühl, dass da auch so ein bisschen Wahrheit dran war, aber das ist jetzt so ein Bauchgefühl."

Und so kämpft Jörg Kachelmann gegen dieses Bauchgefühl. Vor allem aber kämpft gegen die Lüge, die seine Ex-Freundin, Richter, Staatsanwälte und Medien verbreiteten. Und die sich tief in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat.

Medieninteresse am Vorwurf ist riesig

Als der ehemalige ARD-Wettermoderator Anfang 2010 verhaftet wird, ist das Medieninteresse riesig. Seine Ex-Geliebte Claudia D. hatte ihn wegen Vergewaltigung angezeigt. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass über neue vermeintlich pikante Details in dem Fall berichtet wird. Schon vor Prozessbeginn gelangen Verfahrensakten an die Presse, Journalisten spekulieren über ein vermeintliches "Tatmesser", einen "Tatort", DNA-Spuren. Kachelmanns Privatleben wird zum öffentlichen Gut, etwa, dass er zahlreiche Geliebte gehabt haben soll - alles unter dem Vorwand der "Tataufklärung".

Im Prozess verstrickt sich Claudia D. in Widersprüche. Im Mai 2011 verkündet das Landgericht Mannheim seinen Freispruch. Doch in der Urteilsbegründung treten die Richter nach: "Der heutige Freispruch beruht nicht darauf, dass die Kammer von der Unschuld von Herrn Kachelmann (...) überzeugt ist." Die mediale Wirkung bleibt nicht aus: "Bild" titelt am Tag danach plakativ das, was die meisten Menschen denken: "Freispruch, aber."

Medien schüren Zweifel

Die Zweifel an der Unschuld Kachelmanns sind in der Welt. Und sowohl Justiz als auch Medien sorgen dafür, dass sie am Leben gehalten werden.

Einer der negativen Höhepunkte: Jahre nach dem Freispruch sendet der Sender "kabel eins" einen Trailer für die Reihe "Die spektakulärsten Kriminalfälle" und zeigt Kachelmann als einen "Verbrecher, den jeder kennt", in schlechter Gesellschaft etwa mit Mördern wie den Gladbecker Geiselnehmern Degowski und Rösner. Eine reißerische Sprecherstimme kündigt an "Diese Menschen sind bis zum Äußersten gegangen und wurden zu Verbrechern, die jeder kennt. Welche Motive hatten sie? Und warum ziehen sich wahre Kriminalfälle so in ihren Bann?" Gegen den "kabel eins"-Beitrag erwirkt Kachelmann eine Unterlassung.

Neue Prozesse - neue Pyrrhussiege?

Längst ist ihm ist klar: Er braucht neue Gerichtsentscheidungen, damit alle endlich verstehen, dass er wirklich unschuldig ist. "Alle haben mir geraten: Jetzt musst du Ruhe geben, sei doch froh", sagt er. "Das war für mich kein gangbarer Weg, ich wollte kämpfen." Er verklagt zahlreiche Medien, die falsch berichteten oder seine Privatsphäre verletzten; wehrt sich auch gegen Privatleute, die ihn in sozialen Medien als "Vergewaltiger" oder "Frauenhasser" beleidigen. Ein Gericht spricht ihm schließlich die Entschädigungssumme von 395.000 Euro zu, weil Artikel in "Bild", "Bild am Sonntag" und auf "bild.de" seine Persönlichkeitsrechte verletzt hatten. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig, der Springer Verlag hat Beschwerde beim Bundesgerichtshof eingelegt.

2016 dann der entscheidende Prozess: Kachelmann geht zivilgerichtlich gegen Claudia D. vor - formal wegen Gutachterkosten, die sie ihm erstatten soll, aber eigentlich will er seinen Ruf wieder herstellen. Der Fall wird am Oberlandesgericht Frankfurt noch einmal komplett aufgerollt. Das ungewöhnlich deutliche Urteil: Das vermeintliche Opfer hat Kachelmann "vorsätzlich wahrheitswidrig der Vergewaltigung bezichtigt" und sich "die Verletzungen selbst zugefügt". Spät: ein "echter" Freispruch. Doch im Vergleich zum Strafprozess 2011 ist nun kaum noch Presse im Saal.

Jobverlust trotz Freispruch

Auch die ARD beschäftigt ihn nach dem Freispruch nicht mehr als Wettermoderator. "Das war sehr, sehr schwer auszuhalten, dass nach den vielen Jahren, die ich für die ARD gearbeitet habe, sich niemand auch nur mal gemeldet hat", sagt Kachelmann.

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Ulrich Wickert hat Jörg Kachelmann jahrelang anmoderiert.

Der ehemalige Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert hat den Wettermann jahrelang angekündigt, er kennt nicht nur ihn - sondern auch den Sender gut. "Ich vermute, dass die Entscheidung, ihn nicht mehr einzusetzen, getragen wurde von der Überlegung: Was denken die Zuschauer, wenn sie Kachelmann wiedersehen?", sagt Wickert. "Werden sie dann nicht wieder an den ganzen Prozess erinnert? Ist all das in der Erinnerung nicht etwas, was dann seine Aussagen über das Wetter verdeckt?"

Medien sollten sich prüfen

Selbst in diesem Jahr gab es noch Meldungen, Kachelmann sei "freigesprochen, weil die Straftat nicht bewiesen werden konnte." Und so bleibt Kachelmann stigmatisiert, bis heute. Trotz aller Urteile, die seine Unschuld belegen. Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen findet es richtig, dass Kachelmann sich wehrt. Seine Geschichte sieht sie auch Apell an Justiz und Journalisten, sorgfältig zu arbeiten.

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ZAPP | 01.11.2017 | 23:20 Uhr