Stand: 11.10.2017 13:54 Uhr

Missverhältnis: Ultras in den Medien

von Daniel Bouhs und Andrej Reisin
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Wenn sich Ultras interviewen lassen, dann meist nur anonym, denn ihr Image ist schlecht.

"Fußball-Chaoten", "Fan-Schande", "Pyro-Alarm", "Stadion-Hass" - nur einige der Schlagzeilen aus den letzten Monaten, wenn Medien über Fußball-Ultras berichten. In Hannover trifft ZAPP Oliver S. (Name von der Redaktion geändert). Er ist Ultra von Hannover 96, also ein besonders glühender Anhänger seines Vereins, und sieht sich seit Jahren mit schlechter Presse konfrontiert: "In der Öffentlichkeit werden Ultras in der Regel als Gewalttäter, Pyromanen, Randalierer dargestellt. Was ich alles drei nicht ansatzweise bin."

Ein "Ultras Hannover" Graffiti auf einer Mauer. © NDR

Missverhältnis: Ultras in den Medien

ZAPP -

Mit der Berichterstattung über Ultras tun sich Medien schwer: Die einen wollen nicht differenziert berichten, andere wissen nicht wie. Schlagzeilen produzieren sie dennoch.

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Ultras haben schlechtes Image

Tagsüber geht S. einem normalen Bürojob nach. In seiner Freizeit ist er Ultra. Wüssten Kollegen und Kunden davon, könnte es für ihn sehr unangenehm werden, sogar der Arbeitsplatz könnte letztlich gefährdet sein - so schlecht sei das Image der Szene. Anderen Hannoveraner Ultras sei Ähnliches schon widerfahren.

Im Fokus der Berichterstattung häufig: Pyrotechnik. Sie ist in den Stadien verboten, für Ultras jedoch ein unverzichtbarer Teil ihrer Fankultur. Häufig werde ihr Einsatz völlig falsch interpretiert, erklärt Oliver S.: "In der Berichterstattung wird so getan, als ob die Verletzungsgefahr riesengroß sei. Dabei wird aber nicht bedacht: Wenn ich Pyrotechnik in einem Block zünde, dann stehen um mich herum meine Freunde. Ich werde den Teufel tun, sie - auch nur fahrlässig - anzuzünden. Pyrotechnik wird in den allerwenigsten Fällen eingesetzt, um andere Leute zu verletzen oder das Spiel zu unterbrechen."

War früher alles besser?

Interview
10:43

Béla Réthy: "Es gibt den Ultra nicht"

11.10.2017 23:20 Uhr

Fußballkommentator Béla Réthy hält das Pyro-Verbot für richtig, auch wenn die Bilder faszinieren. Ohne die Ultras würde jedoch ein Stück Atmosphäre fehlen. Wobei man differenzieren müsse. Video (10:43 min)

Béla Réthy berichtet schon seit den Neunzigern für das ZDF live aus Stadien in aller Welt. Er sagt: Pyrotechnik sei früher weitgehend akzeptiert gewesen. Bonmots wie "der Betze brennt" kämen nicht von ungefähr. Auf den Tribünen des Kaiserslauterer Betzenbergs hätten in der Tat die Fackeln flächendeckend gebrannt - lichterloh. "Das war völlig normal", erinnert sich Réthy, "da hat sich niemand gestört. Und das ist auch heute noch in bestimmten Ländern so - wenn wir jetzt nach Argentinien gehen oder nach Griechenland oder in die Türkei. Das gehört einfach zur Folklore."

Réthy findet das Pyrotechnik-Verbot in Deutschland dennoch richtig. Die Gefahren seien einfach zu groß. Das Sicherheitsbedürfnis des Publikums habe sich eben verändert - wie in der gesamten Gesellschaft. Früher seien weniger Familien und Kinder im Stadion gewesen, das müsse man berücksichtigen. "Man muss aber fairerweise sagen: Man sieht diese Bilder trotzdem ganz gern."

Wie gemacht fürs Fernsehen

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Christina Rose engagiert sich bei der "Fanhilfe Hannover". Sie findet, das mediale Bild der Ultras entspreche nicht der Realität, sei total verzerrt.

Faszinierende Bilder wie für das Fernsehen gemacht. Doch dem Image des modernen Hochglanzfußballs schaden sie. Deshalb müssen die Verursacher abgestempelt werden, glaubt Christina Rose. Die Jura-Studentin gehört selbst zur aktiven Fanszene von Hannover 96, ist bei fast jedem Spiel dabei. Zudem engagiert sie sich in der "Fanhilfe Hannover" und berät Fans, die mit Ordnern oder der Polizei aneinander geraten sind. Ihre Kritik: Das mediale Bild sei oft total verzerrt.

"Als Besucherin des Spiels habe ich oft das Gefühl, 'Ach Mensch, heute war es ruhig'. Aber am nächsten Tag gucke ich in die Zeitung oder in die Online-Medien und sehe, dass angeblich alles wieder eine einzige Katastrophe war. Also meine Wahrnehmung als Teilnehmende geht überhaupt nicht einher mit dem, was am Ende in der Presse steht."

Hat die Lokalpresse an den Ultras einen Narren gefressen?

Die Berichterstattung scheint Rose zu bestätigen: In den beiden Hannoveraner Lokalzeitungen "Hannoversche Allgemeine" ("HAZ") und "Neue Presse" ("NP") finden sich praktisch jede Woche große Berichte, in denen Ultras eine Rolle spielen - fast immer: eine schlechte. Die Ultras kontern im Stadion mit Spruchbändern wie: "In Hannover die größte Schande: HAZ, NP und Martins Bande".

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Die "Neue Presse" und die "Hannoversche Allgemeine" berichten häufig über Ultras - meist negativ.

Worauf basiert diese heftige Form der Ablehnung? Auf Geschichten wie der dieser: Im Juni durchsucht die Polizei in Hannover die Wohnungen mutmaßlicher Ultras. Der Hintergrund: Ermittlungen wegen des Sprühens von Graffiti. Vor Ort mit dabei: Reporter von "HAZ" und "NP". Laut Polizei wiederum einer der Auslöser der Aktion: ein Foto, das die betroffenen Personen dabei zeigt, wie sie die Fahne einer Ultra-Gruppe im Stadion halten. Zur Verfügung gestellt wurde das Bild laut Polizei von Hannoveraner Medien. Bei Ultras schürt das den Verdacht, dass Medien und Polizei gemeinsame Sache machen - gegen sie.

"Ich glaube, dass es da persönliche Verbindungen einerseits gibt zwischen der Polizei und den entsprechenden Journalisten", so Christina Rose, "und die Leute haben mittlerweile so ein persönlich negatives Verhältnis zur Ultraszene, dass so ein persönlicher Hass da ist, dass sie gar nicht mehr anders können, als negativ zu berichten und permanent total scharf darauf zu sein, dass jetzt mal wieder was Schlimmes passiert bei den Ultras."

Kaum Antworten aus den Redaktionen

Gerne hätten wir über diese harten Vorwürfe mit den betroffenen Redaktionen gesprochen. Sowohl die "HAZ" als auch die "NP" erscheinen in der Verlagsgesellschaft Madsack. Doch ein Interview vor laufender Kamera bekommen wir nicht. Und auf schriftlichen Fragen wird nicht konkret geantwortet. Stattdessen eine allgemein gehaltene E-Mail: "Bei unserer Berichterstattung legen wir stets Wert auf Unabhängigkeit, Unvoreingenommenheit und die Einhaltung journalistischer Standards. [...] Fußball ist ein emotionaler Sport, der oftmals polarisiert. Wir sehen unsere Rolle dabei auch weiterhin als neutraler journalistischer Beobachter für alle unsere Leser."

Auf Twitter ist zumindest "HAZ"-Chefredakteur Hendrik Brandt weniger zurückhaltend:

Eine verfahrene Situation?

Die Lage scheint verfahren, nicht nur in Hannover. Auch Béla Réthy kann berichten, dass Journalisten in dem Stadion zum Teil alles andere als beliebt sind: "Man merkt das auch, wenn man im Fußball-Stadion einen Kameramann hinter dem Tor hat. Wenn der Emotionen einfangen will nach einem Tor und sich Richtung Kurve umdreht, kommen sofort Mittelfinger und es fliegen sofort Bierbecher. Die wollen nicht gefilmt, nicht gezeigt werden."

Und dennoch: Hier und da ist das Bemühen erkennbar, die Situation zu verbessern. Die "Fanhilfe Hannover" gibt etwa regelmäßig Pressemitteilungen heraus. Auch wenn der gewünschte Erfolg nicht immer eintritt, werden laut Christina Rose manchmal Teile daraus zitiert. Doch sie würde sich wünschen, dass Medienvertreter auch aus eigener Initiative nachfragen - und sich für die Perspektive der Fanszene interessieren.

Auch Ultra Oliver S. formuliert den Wunsch, schlicht und ergreifend differenziert dargestellt zu werden: "Zumindest überregional gibt's gefühlt schon immer mehr Journalisten, die das ganze Thema auch mal differenziert betrachten", meint er, "die zwar das, was kritikwürdig ist, auch kritisieren, aber eben differenziert kritisieren und nicht alle pauschal in einen Topf schmeißen."

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 11.10.2017 | 23:20 Uhr