Stand: 24.04.2017 11:17 Uhr

Lehrer lernen von Journalisten

von Caroline Ebner

Eine Pressekonferenz des VFL Wolfsburg - es geht um die Jugendspieler, aber auch alle anderen Fragen sind erlaubt. "Wie erklären Sie sich, dass Homosexualität im Fußball noch immer ein Tabuthema ist?" fragt Johannes Thoböll. "Ich glaube, dass es keine schwulenfeindlichen Fußballspieler gibt", so die routinierte Antwort des U23-Kapitäns. Nächste Frage.

Mikrofon und ein Mann vor einem Spiegel

Lehrer lernen von Journalisten

ZAPP -

In mehrtägigen Seminaren lernen Lehrer von Journalisten, wie man Nachrichten schreibt und recherchiert. Ziel ist es, die Medienkompetenz zu erhöhen - von Lehrern und Schülern.

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Danach ärgert sich der Fragende: "Das Nachhaken. Das hat uns komplett gefehlt. Ich habe zwar eine Frage gestellt, aber es versäumt, da noch tiefer zu fragen und ihn da nicht so stehen zu lassen." Thoböll und die 13 anderen Teilnehmer der für diese Zwecke eigens organisierten Pressekonferenz sind keine Journalisten, sondern Lehrer. Sie sollen ihren Schülern in selbst gewählten Projekten Medienkompetenz beibringen. Dafür belegen sie vier zweitägige Journalismus-Crashkurse.

Recherchieren, nachhaken, schreiben

Finanziert vom niedersächsischen Kultusministerium und der Landesmedienanstalt lernen die Pädagogen von Journalisten etwa der "Zeit", wie man Nachrichten schreibt, Geschichten erzählt, recherchiert und eben auch unangenehme Fragen stellt und nachhakt. "Das nimmt man auch für die Schüler mit, weil es eine eigene Erfahrung war, die man gemacht hat und man im Nachhinein sagt: Ach, das hätte man jetzt besser machen müssen", so Thoböll, Lehrer für Mathematik und Geschichte am Erich-Kästner-Gymnasium in Laatzen.

Medienbildung an Schulen

Insgesamt geht es darum, den Schülern kritisches Denken und den Wert des Journalismus beizubringen, sodass diese beispielsweise Fake News von Recherchen unterscheiden lernen. "Qualität im Journalismus zu erkennen, das fehlt Schülern oft noch", erläutert Hans-Jakob Erchinger, der das Projekt, das sich "n-report" nennt, für das niedersächsische Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung organisiert und betreut: "Wenn ein Lehrer Texte etwa aus der 'Süddeutschen Zeitung' mitbringt, sagen sie, ich habe das über YouTube sowieso schon viel schneller bekommen und mich dort informiert - in dieser Konkurrenzsituation stecken wir."

Doch Lehrer wie Schüler könnten von Journalisten, die mit Interviews im Grunde genommen die Suche nach der Wahrheit betrieben, noch mehr lernen - "dass man sagt, ich frage einfach mal selber nach". Denn Medienbildung habe etwas mit Kommunikation zu tun, so Erchinger: "Wenn wir das erreichen an der Schule, dass die Schüler einfach mal selbst nachfragen, ist viel gewonnen."

Hamburg streicht Geld

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Fragen stellen und nachhaken - auch das lernen die Lehrer auf der Pressekonferenz, die sich in Medienkompetenz weiterbilden.

Seit mehr als zehn Jahren werden so in Niedersachsen Lehrer ausgebildet: In Zeiten von Sozialen Medien, Mobbing und politischer Propaganda im Netz finden viele Eltern das wichtiger denn je. Umso erstaunlicher, dass in Hamburg solche außerschulischen Projekte in Zukunft nicht mehr gefördert werden: Die Mittel für die Förderung von Medienkompetenzprojekten Dritter sind seit dem 1. April 2017 bei der Landesmedienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein (MA HSH) gestrichen. Mit dem sechsten Medienänderungsstaatsvertrag HSH "ist das Thema Medienkompetenz nur noch eine Kann- und nicht mehr wie bisher eine Pflichtaufgabe der MA HSH", wie es in der Mitteilung der Landesmedienanstalt heißt. Viele Projekte an den Schulen sind damit gefährdet.

Die Pädagogen in Niedersachsen haben in jedem Fall großes Interesse an Fortbildungen im Bereich Medienkompetenz: Mehr als 20.400 Lehrer haben nach Angaben des Kultusministeriums im vergangenen Jahr entsprechende Angebote wahrgenommen.

Weitere Informationen
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Medienberatung Niedersachsen

Das Portal des Niedersächsischen Landesinstituts für schulische Qualitätsentwicklung zeigt, wie Schülern Medienkompetenz vermittelt werden kann. extern

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