Stand: 15.11.2017 21:05 Uhr

Kritisierte Kooperation - NDR, WDR und SZ

von Daniel Bouhs

Bei den "Paradise Papers" hat Klaus Brinkbäumer das wieder einmal vor Augen geführt bekommen: Ein Datenschatz über Steuervermeidung im großen Stil - geteilt von der "Süddeutschen Zeitung" mit Partnern in aller Welt - war wie auf Knopfdruck medial präsent. Hierzulande mit dabei: NDR und WDR. "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer lobt ausdrücklich die Arbeit seiner Konkurrenz als "herausragend gut" und "hervorragend multimedial aufbereitet". Da seien "Profis am Werk". Doch Brinkbäumer hat mit der Recherche-Kooperation NDR/WDR/SZ auch so seine Probleme - und damit ist er nicht alleine.

Lichtkegel © iStock, Fotolia Fotograf: Petrovich9, PROBilder

Kritisierte Kooperation - NDR, WDR und SZ

ZAPP -

Große Recherchen - große Aufmerksamkeit: Seit vier Jahren arbeiten NDR, WDR, SZ in einer Recherche-Kooperation. In der Tagesschau wird sie oft zitiert - eine Vorzugsbehandlung?

4 bei 22 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

"Zitier-Kartell" um die Recherche-Kooperation?

Der "Spiegel"-Chefredakteur berichtet, in der Branche sei von einem "Zitier-Kartell" die Rede. Er selbst wolle sich diesen Begriff zwar nicht zu eigen machen, sagt aber gegenüber ZAPP: " Gemeint ist damit, dass Nachrichten, die aus diesem Verbund entstehen eine Vorzugsbehandlung erhalten, ja? Und das, glaube ich, ist die Wahrheit." Auch Julian Reichelt, Vorsitzender der "Bild"-Chefredaktionen, ärgert sich darüber, dass die SZ im Zuge der Kooperation immer wieder prominent in der "Tagesschau" und den "Tagesthemen" erwähnt werde. "Das ist eine ganz klare Form von Media-Leistung, von Markenwerbung für die 'Süddeutsche Zeitung'", sagt Reichelt. "Ohne diesen Verbund gäbe es das so in diesem Umfang niemals."

"Keine Vorzugsbehandlung"

Es geht also unter anderem um den Vorwurf, die SZ schaffe es - über die inzwischen vierjährige Kooperation mit zwei ARD-Anstalten - leichter in die wichtigste deutsche Nachrichtensendung. "Tagesschau"-Chefredakteur Kai Gniffke beteuert wiederum: "Es gibt keine Vorzugsbehandlung für irgendein Medium. (…) Wenn eine Recherche so gut und Ereignis so relevant ist, dass sie die Relevanzkriterien der 'Tagesschau' erfüllt, dann kommt sie in die Sendung. Wenn nicht, dann nehmen wir auch Abstand von solchen Recherchen." Tatsächlich lehne er für seine "20 Uhr" häufiger Themen ab, die ihm die Recherche-Kooperation vorschlage, als dass er Vorschläge in die Sendung nehme - obwohl die NDR-Investigation in Hamburg sogar im selben Haus sitze wie die "Tagesschau".

Weitere Informationen
06:46

Gniffke: "Die 'Tagesschau' gewährt niemandem Medialeistung"

15.11.2017 23:20 Uhr

Kai Gniffke, der Chefredakteur von ARD-aktuell, weist im ZAPP-Interview den Vorwurf zurück, die SZ tauche über die Recherche-Kooperation mit NDR/WDR in der "Tagesschau" werblich auf. Video (06:46 min)

"Bild" und "Spiegel" häufiger erwähnt

Gniffkes Redaktion ARD-aktuell hat für die Jahre 2015 und 2016 zudem Buch geführt: Wie häufig wurde die Recherche-Kooperation in der Hauptausgabe der "Tagesschau" und in den "Tagesthemen" zitiert und wie oft dagegen "Bild" und "Spiegel"? Das Ergebnis: In beiden Jahren wurden sowohl "Bild" als auch "Spiegel" - nach der eigenen Auswertung von ARD-aktuell - häufiger erwähnt. Allerdings kann diese Statistik nichts darüber aussagen, wie oft die "Süddeutsche Zeitung" erwähnt worden wäre, hätte sie ihre Recherchen alleine veröffentlicht, wie "Bild" und "Spiegel" auch.

Kritik auch aus der Wissenschaft

Die Kritik an der Konstruktion NDR/WDR/SZ kommt auch aus der Wissenschaft. In seinem neuen meinungsstarken Buch "Die informierte Gesellschaft" spricht Stephan Ruß-Mohl von der Universität in Lugano (Schweiz) davon, es würde in "gefühlt jeder zweiten 'Tagesschau' oder 'Tagesthemen'-Sendung namentlich der Recherchepool von NDR, WDR und 'Süddeutscher Zeitung' als Quelle genannt'". Das sei "nicht nur Selbstbeweihräucherung, sondern auch Gratiswerbung für eine von mehreren deutschen Qualitätszeitungen".

Weitere Informationen
07:22

Lilienthal: "NDR/WDR/SZ ist schon etwas Spezielles"

15.11.2017 23:20 Uhr

Journalistik-Professor Volker Lilienthal erklärt im ZAPP-Interview, dass die SZ in der Recherche-Kooperation mit NDR/WDR durchaus "einen gewissen Markenvorteil" hat. Den wägt allerdings gegen den gesellschaftlichen Nutzen ab. Video (07:22 min)

Volker Lilienthal, Professor für Qualitätsjournalismus an der Hamburger Universität, sagt hingegen, die Kooperation "mag leichte wettbewerbliche Effekte" haben. Allein: "Die Zielpublika, die die öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen rezipieren, wissen sehr wahrscheinlich auch, was die SZ ist. (...) Die Leute greifen deswegen einfach nicht zur Zeitung - sie werden ja schon durch die kooperierenden Fernseh- und Radiosendungen hinreichend informiert."

Kritik an einer möglichen Dauersituation

Die Kritik richtet sich aber nicht nur auf die Nennung zum Beispiel in der Tagesschau, sondern auch auf die spezielle auf Dauer angelegte Konstruktion. "Die 'Süddeutsche Zeitung' steht in einem privaten Wettbewerb mit Häusern wie der FAZ, der 'Zeit', uns, dem 'Stern' und den großen Regionalzeitungen", mahnt "Spiegel"-Chef Brinkbäumer. "Bild"-Chefredakteur Reichelt sagt, er habe nichts gegen eine punktuelle Zusammenarbeit. "Aber als Dauersituation ist das in unserem System nicht vorgesehen."

Weitere Informationen
19:48

Reichelt: "Finanziere mit Gebühren meine Konkurrenz"

15.11.2017 23:20 Uhr

Im ZAPP-Interview erklärt der Vorsitzende der "Bild"-Chefredaktionen, Julian Reichelt, warum aus der SZ durch die Recherche-Kooperation mit NDR/WDR eine "öffentlich-rechtliche Zeitung" werde. Video (19:48 min)

Die Investigativ-Journalisten der "Süddeutschen Zeitung" wollten ZAPP - wie auch Vertreter der WDR-Investigation - kein Interview geben. Es sei schon alles gesagt, will heißen: an den Vorwürfen wie "Zitier-Kartell" und auch Quersubventionierung für eine Zeitung durch beitragsfinanzierte Sender sei nichts dran.

Dreiklang aus Print, Fernsehen und Online

Der Leiter der NDR-Investigation, Stephan Wels, erklärt jedoch, wie die Kooperation praktisch arbeitet: "Jeder der Partner kommt für seine Kosten, für sein Personal selber auf, macht seine eigenen Dinge", sagt Wels. "Für uns ist ein Wesenskern unserer Zusammenarbeit auf Dauer einfach ein fairer Tausch von Geschichten, eine faire Zusammenarbeit beim Austauschen von Informationen." Bei alledem helfe nicht zuletzt eine wöchentliche Telefonkonferenz. Ob ein Partner bei einer Geschichte mit einsteige, entscheide dieser allerdings unabhängig von allen anderen.

Dass die Kooperation seit Jahren viele verschiedene Kanäle bespiele, wertet Wels als Erfolg seiner Arbeit. "Das ist auch für mich als Leiter, der aus dem Fernsehen kommt, eine gute Erfahrung in den letzten vier Jahren, zu sehen, welche Kraft man auch mit Publikationen im Hörfunk und online erreicht", sagt er. Dieser Dreiklang sei "völlig richtig ist in der heutigen journalistischen Welt".

Weitere Informationen
16:15

Wels: "SZ ist uns als Partner sehr nah"

15.11.2017 23:20 Uhr

NDR-Investigativchef Stephan Wels erklärt im ZAPP-Interview, wie es zur Kooperation mit der "Süddeutschen Zeitung" kam und wie die Zusammenarbeit nach vier Jahren praktisch läuft. Video (16:15 min)

Rechtsaufsichtsbeschwerde gegen NDR/WDR/SZ

Der Privatsenderverband VPRT hatte 2015 sogar Rechtsaufsichtsbeschwerde gegen NDR/WDR/SZ eingereicht bei der nordrhein-westfälischen Landesregierung, die für den WDR zuständig ist. Die hat die Beschwerde zwar abgewiesen, allerdings auf einen neuen Passus im WDR-Gesetz hingewiesen: Der WDR muss bei der "Zusammenarbeit mit anderen Öffentlich-Rechtlichen und Dritten" seitdem seine Gremien stärker einbinden und jährlich Bericht erstatten.

Mehr Transparenz

Ein erster Jahresbericht steht noch aus, wie der WDR auf ZAPP-Anfrage erklärte. 2018 soll dieser Bericht über alle Kooperationen des Senders erstmals dem WDR-Rundfunkrat vorgelegt werden. Der Privatsenderverband VPRT lobbyiert unterdessen bei allen Ländern: Er will, dass die Regeln, die er für den WDR angestoßen hat, bald bundesweit gelten - für alle Kooperationen von öffentlich-rechtlichen mit privaten Medien, nicht nur, wenn es um gemeinsame Recherchen geht. Geregelt werden könnte dies im Rundfunkstaatsvertrag, den die Länder gerade überarbeiten.

Weitere Informationen
19:10

Brinkbäumer: "Vorzugsbehandlung für NDR/WDR/SZ"

15.11.2017 23:20 Uhr

"Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer ist sich im ZAPP-Interview sicher, dass die Recherche-Kooperation leichter in die "Tagesschau" kommt als Scoops anderer Medien. Video (19:10 min)

Die Recherche-Kooperation kippen würde das sicher nicht, aber für mehr Transparenz sorgen. "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer erklärt: "Ich möchte nicht gegen Georg Mascolo [Anm. d. Red.: Leiter der Kooperation und früheren "Spiegel"-Chefredakteur] oder die ebenfalls geschätzten Kollegen der SZ vor Gericht stehen, weil wir uns in einem journalistischen Wettbewerb befinden. Und den nehmen wir sportlich, den gewinnen wir gerne, den führen wir gerne." Es müsse aber erlaubt sein, kritische Fragen zu stellen - wie zur Recherche-Kooperation NDR/WDR/SZ.

Weitere Informationen
11:21

Marmor: "Keine Gefahr einer Monopolisierung"

15.11.2017 23:00 Uhr

NDR-Intendant Lutz Marmor erklärt im ZAPP-Interview, warum er Fan von Recherche-Kooperationen ist und das Modell NDR/WDR/SZ für andere kein ernsthaftes Risiko sei. Video (11:21 min)

 

Weitere Informationen

Ressort Investigation im NDR

Das Ressort Investigation arbeitet an komplexen Themen abseits der Tagesaktualität - medienübergreifend und in Kooperation mit dem WDR und der "Süddeutschen Zeitung". mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 15.11.2017 | 23:20 Uhr