Stand: 31.01.2017 18:16 Uhr

Entgeltdiskriminierung: Klage abgewiesen

von Gudrun Kirfel und Annette Leiterer
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Auch im Journalismus herrscht ein Gender-Pay-Gap: Männer verdienen im Schnitt mehr als Frauen.

Richter Ernst fackelte nicht lange, als er am Mittwochmorgen, pünktlich um 8:55 Uhr das Urteil verkündete in einem der seltenen "Entgeltgleichheitsprozesse", die Deutschland bisher gesehen hat. Selten deshalb, weil nur wenige diesen harten Weg einschlagen. Weder die Klägerin noch die Beklagte waren erschienen, dafür aber 30 Zuschauer. Warum so viele? Weil es sich um einen Aufsehen erregenden Fall in den Medien handelt, um den Status freier Mitarbeiter und um Diskriminierung, die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau.

Jemand hält ein Schild mit der Aufschrift "Lohngerechtigkeit jetzt!" hoch.

Entgeltdiskriminierung: Klage gegen ZDF

ZAPP -

Frauen verdienen im Schnitt weniger als Männer - auch in den Medien. Eine "Frontal21"-Reporterin hatte deshalb das ZDF verklagt. Die Klage wurde jetzt abgewiesen, doch der Kampf geht weiter.

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Freie Mitarbeiterin hatte ZDF verklagt

Eine langjährige freie Mitarbeiterin des ZDF hatte den Sender verklagt. Sie berichtet als Fernseh-Journalistin über Missstände in Wirtschaft und Politik und hat für ihre Arbeit einen Preis bekommen. Doch irgendwann war da ein Verdacht: Dass ihre männlichen Kollegen für dieselbe Arbeit mehr Geld bekommen. Jahrelang versuchte sie, die Sache intern zu regeln - bis sie ihren Arbeitgeber schließlich verklagte. Das ZDF argumentierte vor Gericht, die männlichen Kollegen hätten eine fundiertere Berufserfahrung.

Klage in allen Punkten abgewiesen

Dem Richter erschien es wichtig zu betonen, dass das Urteil nicht allein von ihm, sondern von drei Personen gefällt wurde. Es lautete schlicht: Die Klage wird in allen Punkten abgewiesen. Weder konnte das Gericht feststellen, dass die "Frontal21"-Mitarbeiterin, vom Gericht mehrfach als "Redakteurin" betitelt, inhaltliche Tätigkeiten weisungsgebunden verrichtet, was ein Arbeitnehmerverhältnis zu einer freien Tätigkeit abgrenzt. Noch wurde nach Ansicht des Gerichts eine unzulässige Ungleichbehandlung genügend dargelegt. Die schriftliche Urteilsbegründung steht aber noch aus.

Anwalt kündigte weitere Schritte an

Der Anwalt der klagenden Journalistin saß während der Urteilsverkündung mit im Publikum - gut vorbereitet für anschließende Presseanfragen. Er kündigte an, dass seine Mandantin, wenn sie sich nicht mit ihrem Arbeitgeber einige, notfalls bis zum Bundesverfassungsgericht, möglicherweise auch bis zum Europäischen Gerichtshof gehen werde. Er charakterisierte seine Mandantin als "starke Frau" und "selbstbewusste Klägerin". Das sei gut, denn alle, die in der Vergangenheit solche Klagen angestrengt hätten, seien "extrem hohen psychischen Belastungen ausgesetzt".

Grundsatzproblem bleibt: Der Gender-Pay-Gap

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Als die Klägerin in den Verhandlungen fragte, warum Kollegen mit weniger Erfahrung mehr verdienen, antwortete der Richter: "Weil die Kollegen besser verhandelt haben? Das nennt man Kapitalismus."

Eine wenig verwunderliche Reaktion zeigt das ZDF. Gegenüber ZAPP schrieb der Sender: "Mit der Abweisung der Klage durch das Arbeitsgericht Berlin sieht sich das ZDF daher in seiner Einschätzung bestätigt, dass Frau Meier rechtmäßig und tarifkonform vergütet wird." Damit erscheint der aktuelle Fall bis zur nächsten Instanz erledigt. Das übergeordnete Problem aber nicht. Journalistinnen in Deutschland verdienen im Laufe ihres Erwerbslebens etwa 27 Prozent weniger als Männer. Das haben Berechnungen der Künstlersozialkasse ergeben. Gerade in einer Berufsgruppe, die sonst vehement auf gesellschaftliche Missstände hinweist, geht es hinter den Kulissen gar nicht fair zu. Dabei haben sich für die Forderung nach Lohngerechtigkeit schon unsere Mütter und Großmütter stark gemacht. Ohne Erfolg?

Lohnlücke von sieben Prozent

Rechnet man alle Berufsgruppen zusammen, verdienen Frauen in Deutschland durchschnittlich 21 Prozent weniger als Männer. Damit liegt die Lohnlücke - der sogenannte Gender-Pay-Gap - in der Bundesrepublik am oberen Ende der EU-Länder. In Tschechien und Estland ist der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern noch größer. Die Ursachen: Frauen arbeiten eher in schlechtbezahlten Branchen, häufiger in Teilzeit und selten nur als Führungskräfte. Dazu kommt, dass Frauen in Medienberufen häufig in freien Arbeitsverhältnissen arbeiten. Rechnet man all diese Faktoren mit ein, ergibt sich die sogenannte bereinigte Lohnlücke, die sich auf etwa sieben Prozent beläuft.

Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit

Diese bereinigte Lohnlücke lässt sich durch nichts anderes als durch das Geschlecht erklären. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat letzten Monat einen Gesetzentwurf für mehr Lohngerechtigkeit von Frauen und Männern durch das Bundeskabinett gebracht. Um dieses Gesetz ist jahrelang gestritten worden. Der Entwurf sieht vor, dass Frauen in Unternehmen mit mehr als 200 Beschäftigten Auskunft darüber verlangen können, nach welchen Kriterien sie bezahlt werden und wie viel Geld männliche Kollegen in vergleichbaren Positionen verdienen. Schwesig wollte diesen Auskunftsanspruch eigentlich für alle Betriebe ab sechs Beschäftigten einführen, scheiterte aber am Widerstand des Koalitionspartners.

"Raus aus dem Freien-Dasein, wenn es irgend geht!"

Das neue Gesetz gilt aber nur für Frauen in größeren Betrieben und nicht für Freiberuflerinnen. Dabei arbeiten in den Medien besonders viele Frauen als Freie. Von dem neuen Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit, wenn es denn schon in Kraft wäre, würde die Klägerin nicht profitieren. Es gilt nur für Festangestellte, sie ist eine feste Freie. Patricia Schlesinger, eine von zwei weiblichen Intendantinnen der zwölf ARD-Intendanten, sagte im Interview mit ZAPP als Tipp für weibliche Karrieren: "Raus aus dem Freien-Dasein, wenn es irgend geht! Teilzeit ist auch auf Dauer eine Falle für Frauen. Wenn sie wegen der Kleinkinder ist, dann möglichst nur ganz kurz. Und nicht nur den Fuß oder das Bein in der Tür lassen, sondern die Hüfte und den ganzen Körper hinter herschieben und sagen: Hier bin ich und ich bin dann auch voll wieder da!"

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