Stand: 18.01.2017 14:50 Uhr

Die Nebenjobs von ARD & ZDF-Sportmoderatoren

von Daniel Bouhs

Lange Zeit galt es als "business as usual", dass Sportreporter gewissermaßen Fans sind, die es auf die andere Seite des Zauns geschafft haben. Kritische Distanz zum Objekt der Berichterstattung wurde von ihnen kaum abverlangt. In den letzten Jahren jedoch ist angesichts zahlreicher Doping- und Korruptionsskandale deutlich geworden, wie hoch die Notwendigkeit für einen kritischen Sportjournalismus ist. Doch Sportmoderatoren öffentlich-rechtlicher Sender arbeiten nach wie vor auch direkt für Verbände und Vereine - oder bieten sich offen als Werbepartner an.

Marco Schreyl moderiert die FIFA Awards. © FIFA

Die Nebenjobs von ARD & ZDF-Sportmoderatoren

ZAPP -

Sportmoderatoren von ARD & ZDF arbeiten oft auch für Verbände und Vereine - oder bieten sich als Werbepartner an. Ein Widerspruch zu ihrer Journalisten-Tätigkeit?

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So berichtet zum Beispiel Markus Othmer für die ARD im "Mittagsmagazin" und in der "Sportschau" über das aktuelle Sportgeschehen. Doch im Oktober 2016 hat Othmer auch die Präsentation des Logos der Ausrichter-Stadt München für die EURO 2020 präsentiert. Auf ZAPP Anfrage verwies er auf den Bayerischen Rundfunk. Marco Schreyl moderiert im WDR-Hörfunk Sportsendungen - und hat erst in der letzten Woche die FIFA-Gala "The Best FIFA Football Awards" präsentiert. Sein Management teilte ZAPP mit, Schreyl sei im Urlaub - und stünde deshalb für Anfragen momentan nicht zur Verfügung.

Beckenbauer und sein Camp

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Hatten seitdem immer weniger Grund zu lachen: Der damalige FIFA-Präsident Joseph Blatter, Franz Beckenbauer und Fedor Radmann (v.l.) im Jahr 2000 bei der Vergabe der Fußball-WM 2006.

Julia Scharf, die den ARD-"Brennpunkt" mit dem Titel "Sommermärchen gekauft?" moderierte, in dem es unter anderem um die Rolle von Franz Beckenbauer ging, hatte im Mai 2016 wiederum eine Veranstaltung des "Camp Beckenbauer" präsentiert. Scharf erklärte ZAPP, sie sehe keinen Interessenkonflikt. Es habe sich stets um Veranstaltungen für Studenten gehandelt und nicht um die großen Sport-Netzwerk-Treffen, die "Camp Beckenbauer" ebenfalls organisiere. Scharf betonte zudem: "Mein Schwerpunkt sind TV-Moderationen. Solange mir Sender aber keine zeitliche und finanzielle Sicherheit geben, werden auch andere Tätigkeiten immer eine Rolle spielen."

Sven Voss, der unter anderem das "Aktuelle Sportstudio" im ZDF moderiert, wird von der Agentur "Projekt B", die Fußball-Größen wie Oliver Bierhoff und Jürgen Klopp betreut, als "Markenbotschafter" angeboten. "Falls es eine Anfrage als Testimonial/Markenbotschafter für Produkte oder Unternehmen gäbe, würde ich diese prüfen und in jedem Fall mit meinen Ansprechpartnern beim ZDF besprechen", sagt Voss dazu auf Anfrage von ZAPP. Bisher sei dies aber nicht vorgekommen. Der Leiter der ZDF-Sportredaktion, Dieter Gruschwitz, sagt dazu: "Es gab nie Anlass dazu, an der Integrität, der journalistischen Unabhängigkeit und der Seriosität von Sven Voss zu zweifeln."

Nebentätigkeiten freier Mitarbeiter sind erlaubt

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Problematische Nebentätigkeiten? ARD Moderatorin Julia Scharf.

Alle vier genannten Moderatoren sind freie Mitarbeiter. Die Sender betonen gegenüber ZAPP, grundsätzlich seien Nebentätigkeiten deshalb möglich - wenn sie nicht eindeutig den Interessen der Sender entgegenstünden. Der Leiter der Sportredaktion des Bayerischen Rundfunks (BR), Klaus Kastan, spricht gegenüber ZAPP allerdings auch von "Grenzfällen". Während Marco Schreyl im WDR-Hörfunk über die Veranstaltung berichtet hat, die er für die FIFA moderierte, hat der BR Othmer eine Doppelrolle untersagt. BR-Sportchef Kastan zu ZAPP: "Bei einer thematischen Interessenskollision müssen sich die Mitarbeiter entscheiden, für wen sie tätig werden wollen: für einen freien Veranstalter oder für uns als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt. Beides geht nicht.“ Für die Berichterstattung über das sportliche Geschehen bei der EURO 2020 sei dies für Othmer jedoch kein Hindernis. "Ich bin sicher, dass die Moderation der Logo-Präsentation für München seine journalistische Objektivität hinsichtlich des allgemeinen Turniergeschehens nicht beeinflusst", so Kastan.

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Die Antworten der angefragten Journalisten

Lesen Sie hier die ausführlichen Antworten der angefragten Sportmoderatoren und Sendeanstalten (PDF-Dokument). Download (113 KB)

"Sehr dunkle Grauzone"

Der Mainzer Medienwissenschaftler Thomas Koch, der sich seit Jahren mit Nebentätigkeiten von Journalisten beschäftigt, sieht hier eine "sehr dunkle Grauzone". Er glaubt, dass gerade Journalisten der Öffentlich-Rechtlichen vorsichtig sein müssen. Koch sieht Probleme, wenn Journalisten mit Organisationen "gemeinsame Sache" machen, über die sie kritisch berichten und von denen sie unabhängig sein sollten. "Wir hatten so viele Sportskandale in den letzten Jahren, die lassen sich ja gar nicht alle aufzählen", so Koch. "Der Sportjournalismus ist in der Verantwortung, hier aufzudecken, nachzuforschen, zu recherchieren, was passiert ist - und dafür muss er unabhängig sein."

Beim Norddeutschen Rundfunk sieht Sportchef Gerd Gottlob derzeit keine Probleme: "Das Kriterium ist die journalistische Unabhängigkeit und die steht für mich an erster Stelle. Solange die Unabhängigkeit nicht gefährdet ist, erwarte ich von freien Mitarbeitern im Vorfeld auch keine Informationen zu Beschäftigungen, die über das NDR/ARD-Engagement hinausgehen. Bislang hat dies nach meiner Wahrnehmung sehr gut funktioniert."

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 18.01.2017 | 23:15 Uhr