Stand: 02.11.2016 17:30 Uhr

Bundeswehr im Netz - Wehrdienst als Daily Soap

von Daniel Bouhs und Stefanie Groth
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Seit dem 1. November läuft die Web-Serie "Die Rekruten" der Bundeswehr auf YouTube.

"Ab November wird draußen gespielt, werden die Tage länger, wirst auch Du an Deine Grenzen kommen": Mit "Die Rekruten", einer "Bundeswehr Originalserie", wie es weiter süffisant im Trailer heißt, erreicht die Image- und Nachwuchskampagne der deutschen Armee ihren vorläufigen Höhepunkt. Eine Produktionsgesellschaft begleitet zwölf junge Menschen bei ihrer Grundausbildung, fragt heroisierend: "Bereit für die vielleicht härtesten drei Monate deines Lebens?" Das Ergebnis: Die flotte Web-Serie "Die Rekruten". Um ein zentrales Thema machen die bereits bekannten Teile der Serie allerdings einen großen Bogen: die spezifischen Risiken des Berufsbildes Soldat.

Soldaten beim Training

YouTube-Offensive: Bundeswehr will Nachwuchs erobern

ZAPP -

Mit der Web-Serie "Die Rekruten" wirbt die Bundeswehr um Nachwuchs. Auf YouTube können Interessierte die Grundausbildung beim Bund verfolgen. Doch werden sie auch über das Berufsrisiko aufgeklärt?

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Was gezeigt wird, entscheidet die Bundeswehr

"Streitkräfte sind ja generell dazu da, im Auftrag des Staates Gewalt auszuüben. Auf diese simple Formel muss man es bringen", sagt der Journalist Thomas Wiegold, der die Truppe seit mehr als 20 Jahren und nun auch die Doku-Serie "Die Rekruten" beobachtet. Er kennt die ersten Folgen - und vermisst zumindest hier diese Diskussion, schon allein, wenn sich Eltern von ihren Kindern verabschieden. ZAPP hat die Rekruten in Parow bei Stralsund besucht, bei ihrer Grundausbildung samt Dreharbeiten. Die jungen Soldaten machen klar, dass sie "natürlich" bereits über Kriegseinsätze, Töten und getötet werden reden, "mit den Ausbildern" und "untereinander". Vielleicht sei dabei auch "hin und wieder" eine Kamera dabei, doch am Ende sei es nicht ihre Entscheidung, "was reingeschnitten wird in die Serie und was nicht".

Die Bundeswehr betont: Für "Die Rekruten" gibt es kein Drehbuch. Die Serie zeige die Grundausbildung "so, wie sie ist, mit allen Vor- und Nachteilen", sagt Dirk Feldhaus, der für die Personaloffensive der Bundeswehr spricht. Allein: Die Serie ist natürlich gesteuert. Die Ausbilder sind handverlesen, die Kaserne ist schon modernisiert, also ohne Gruppendusche und mit modernen Stuben. Und von den bis zu zehn Drehstunden am Tag schaffen es am Ende rund fünf Minuten ins Netz.

Interview
17:16

"Die Bundeswehr versucht die Snapchat-Ästhetik"

Journalist Thomas Wiegold ist Militärexperte und hat sich die Web-Serie "Die Rekruten" angeschaut, mit der die Bundeswehr um Nachwuchs wirbt. Auch das Thema Leben und Tod müsse darin vorkommen. Video (17:16 min)

Positive Aspekte stehen im Vordergrund

Wiegold macht sich nichts vor: Die Serie sei Werbung und da verhalte sich die Bundeswehr letztlich wie jeder andere Arbeitgeber auch. "Wenn ein Land Lehrer sucht, dann wird es auch nicht damit werben, dass die Klassen zu groß sind, die Lehrerzimmer zu klein und die technische Ausstattung mangelhaft", sagt der Journalist. Man müsse "dem Staat als Arbeitgeber nachsehen", dass er die positiven Aspekte in den Vordergrund stelle und die negativen "nicht ganz so doll" raushängen lasse. "Da ist die Bundeswehr nicht anders als eine Oberschuldirektion in Hessen", sagt Wiegold.

Für den Verteidigungsexperten der "Tagesschau", Christian Thiels, passt die Serie in das Bild, das er von der Außendarstellung der Bundeswehr zuletzt gewonnen hat. In den vergangenen Jahren versuche der Bund den Soldatenberuf "ein bisschen flippiger, ein bisschen hipper, ein bisschen toller darzustellen – und vielleicht auch ein bisschen risikoärmer als er tatsächlich im realen Leben ist". Das zeige sich auch bei den Job-Portraits auf Facebook und beim jüngsten und umstrittenen Auftritt der Truppe auf der Gamescom, unter Computerspielern und zusammen mit YouTube-Stars. Erfahrene Soldaten klagten derweil über ihre persönliche Belastung durch Auslandseinsätzen und mangelhafte Ausstattung. "Das findet in diesen ganzen sehr jugendaffinen Auftritten an keiner Stelle statt", kritisiert Thiels.

Kritiker fordern auch Darstellung von Berufsrisiken

Beide Journalisten erwarten dann auch von den "Rekruten", dass sie sich wenigstens später in den insgesamt 90 Folgen noch mit den Risiken und Problemen der Soldaten beschäftigt. "Da muss vorkommen, dass diese Protagonisten, die sich sonst auch mit allem sehr detailliert auseinandersetzen - warum man früh aufsteht, wie man ein Bett macht und so weiter -, dass die auch gezeigt werden in ihrer Reflexion: Was bedeutet das jetzt eigentlich, wenn ich eine Waffe habe, wenn ich jemanden totschießen kann?", fordert Wiegold.

Streitkräfte in anderen Ländern, vor allem in Großbritannien und den USA, gehen unterdessen in ihrer Image- und Rekrutenkampagnen noch wesentlich weiter. Unter dem Schlagwort "Militainment" unterstützt das Pentagon etwa sowohl Hollywood-Produktionen als auch die Computerspiele-Industrie dabei, das Militär zu inszenieren. Davon, da sind sich die Experten trotz ihrer Kririk einig, ist die Bundeswehr noch weit entfernt. "Mich beruhigt sehr, dass Deutschland ein eher nüchternes Verhältnis zu seinen Streitkräften hat", sagt Thiels. Wiegold wiederum betont: "Mit dem Begriff 'Militainment' können wir die Bundeswehr-Aktivitäten noch lange nicht belegen."

Weitere Informationen
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Bundeswehr verteidigt Web-Serie

Seit Dienstag zeigt die Bundeswehr die Reality-Serie "Die Rekruten". Vor dem Start hatte es Kritik gegeben - vor allem an den Produktionskosten. Die Bundeswehr wies das zurück. mehr

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Ab November wird draußen gespielt

NDR Info

Zwölf Wochen lang täglich Highlights aus der Ausbildung von zwölf Rekruten in Mecklenburg-Vorpommern: Die Bundeswehr wirbt per YouTube-Serie um Nachwuchs. Detlev Gröning bittet auf ein Wort. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 02.11.2016 | 23:20 Uhr