Stand: 14.06.2017 16:46 Uhr

Katar-Blockade: Al-Jazeera das Ziel?

von Stefan Buchen
Bild vergrößern
Al-Jazeera gehört zu den Medien mit der größten Reichweite weltweit.

Um was geht es in der Krise rund um das Wüstenemirat Katar? Vier arabische Nachbarn haben eine Blockade verhängt und die diplomatischen Beziehungen abgebrochen. Gegen Katar werden Vorwürfe erhoben wegen der Unterstützung des Terrorismus, wegen einer Annäherung an den Iran. Wenn man dem Soziologen und Medienforscher Sam Cherribi glaubt, zielt die Aufsehen erregende Kampagne auf einen Fernsender. "In Wirklichkeit geht es nicht um den Staat Katar. Es geht um al-Jazeera," sagt Cherribi, ein Kenner der Region, im ZAPP-Interview. Ähnlich sieht es der Nahostexperte der Deutschen Welle, Loay Mudhoon: "Al-Jazeera steht im Fokus der Kampagne gegen Katar", sagt er. "Die große Frage ist, ob al-Jazeera das überleben wird."

Trump in Katar.

Katar-Blockade: Al-Jazeera das Ziel?

ZAPP -

Im Nahen Osten wird Katar isoliert, von den Nachbarstaaten blockiert. Der Vorwurf: Katar finanziere den Terrorismus. Das eigentliche Ziel laut Experten: der Sender al-Jazeera.

4,43 bei 7 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Al-Jazeera zählt zu den größten Medien weltweit

Al-Jazeera ist keine Kleinigkeit. Der in Katar beheimatete Fernsehsender ist das Medium mit der mutmaßlich größten Reichweite weltweit. 40 bis 50 Millionen arabischsprachige Zuschauer schalten Schätzungen zufolge täglich das Programm des Nachrichten- und Informationskanals ein. "Ich sehe, wie nervös der Sender ist," erläutert Cherribi, der in den Niederlanden ausgebildet wurde und jetzt in der Emory-Universität in Atlanta lehrt. "Der Sender bekommt jetzt die Quittung dafür, dass er 20 Jahre lang Opponenten und Dissidenten in der arabischen Welt eine Stimme gegeben hat," sagt Mudhoon.

Aufstieg des Senders begann 2001

Bild vergrößern
"Es gibt eine Zeit vor dem 'Arabischen Frühung' und eine danach", sagt Nahost-Experte Cherribi.

Al-Jazeera ist untrennbar mit der Berichterstattung über den 11. September 2001 und die darauffolgenden Krieg der Vereinigten Staaten in Afghanistan und im Irak verbunden. Der Satellitensender stieg auf, indem er dem arabischen Publikum eine Stimme gab. Ohne al-Jazeera, meinen Beobachter, seien die Aufstände des "Arabischen Frühlings" kaum denkbar gewesen, weil erst der Sender die dafür notwendige Öffentlichkeit geschaffen habe. Die Botschaft von al-Jazeera richtet sich gegen die autoritären Machthaber in der arabischen Welt, gegen das Establishment. Er behauptet, "für das Volk" zu sprechen. Ambivalent bleibt dabei, dass auch Katar selbst eine absolutistische Monarchie ist.

Kritiker werfen al-Jazeera Aktivismus vor

"Al-Jazeera war die größte real existierende Oppositionspartei in der arabischen Welt", sagt Loay Mudhoon. Der "Arabische Frühling" 2011 ist aber auch der Beginn der Krise von al-Jazeera. "Es gibt eine Zeit vor dem 'Arabischen Frühung' und eine danach", sagt Cherribi. Der Sender überschritt die Grenze vom Journalismus hin zum Aktivismus. Er ergriff Partei für die islamischen Kräfte, genauer für die sunnitischen, und wollte ihnen zur Macht verhelfen. "Al-Jazeera sah seine Mission darin, den politischen Islam zu emanzipieren und als gleichwertige Kraft zu etablieren," analysiert Cherribi. Dabei hat sich der Sender kompromittiert und einen Teil seiner Glaubwürdigkeit eingebüßt, sind sich Beobachter einig.

Trump-Besuch in Saudi-Arabien der Krisenauslöser?

Bild vergrößern
"Man hat manchmal den Eindruck, als wünschten sich die Reporter von al-Jazeera, der IS würde nicht besiegt," sagt Nahost-Experte Mudhoon.

Trotzdem ist der Sender immer noch populär bei vielen arabischsprachigen Zuschauern. Und gefürchtet von einigen Regimen in der arabischen Welt, vor allem von Saudi Arabien. Das Königreich führt die Koalition gegen Katar an. "Entscheidend dabei war der Besuch von Donald Trump in Saudi-Arabien vor einigen Wochen", erklärt DW-Mann Mudhoon. "Die saudischen Machthaber haben den Aufruf des US-Präsidenten, gegen den Terrorismus vorzugehen, als Freibrief aufgefasst." Nun sei ein "schmutziger Medienkrieg" ausgebrochen zwischen prosaudischen Sendern wie al-Arabia und al-Jazeera.

Laufender Medienkrieg in Nahost

Der Druck auf den aus Katar sendenden Satellitenkanal ist riesig. Tatsache ist, dass al-Jazeera sich schwertut, zur Terrorbande IS auf kritische Distanz zu gehen. "Man hat manchmal den Eindruck, als wünschten sich die Reporter von al-Jazeera, der IS würde nicht besiegt. Das ist sehr verstörend," sagt Loay Mudhoon. Das ist auch ein Charakteristikum von al-Jazeera, der Begriff der legitimen "Opposition" ist dort sehr weit gefasst. Im laufenden Medienkrieg werden populäre Interviewgäste wie der islamische Prediger Yusuf al-Qaradawi von den prosaudischen Medien als "international gesuchte Terroristen" bezeichnet, die "ausgeliefert" werden müssen. Diese Forderung entbehrt nicht einer gewissen Komik, weil Saudi-Arabien selbst weltweit islamistische Bewegungen unterstützt. Tatsache ist auch, dass Kritiker des saudischen Königshauses in Katar Zuflucht gefunden haben und sich regelmäßig auf al-Jazeera äußern.

Zukunft des Senders ungewiss

"Die Zukunft von al-Jazeera steht jetzt auf dem Spiel," meint Sam Cherribi. Der Forscher erwartet, dass der Sender seine Anti-Establishment-Botschaften wird mäßigen müssen, wenn er fortbestehen will. "In der jetzigen Form wird das nicht weitergehen." Was die Verantwortlichen von al-Jazerra zu der Einschätzung sagen, wissen wir nicht. Der Sender hat auf die Anfragen von ZAPP nicht reagiert.

Weitere Informationen

Kein gemeinsames großes Ganzes am Golf

06.06.2017 18:30 Uhr
NDR Info

Mehrere arabische Staaten haben Katar isoliert. Sie beschuldigen den Golfstaat, Terrorgruppen zu unterstützen. Wie brisant ist die Situation? Björn Blaschke kommentiert. mehr

Link

Trump in Saudi-Arabien: Endlich einmal ausgelassen

21.05.2017 02:25 Uhr

Tag eins von Trumps erster Auslandsreise als US-Präsident endete mit einem Tänzchen: Bei einem Empfang wiegten sich Trump und der saudische König zu traditioneller Musik. Mehr bei tagesschau.de. extern

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 14.06.2017 | 23:20 Uhr