Weltbilder
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Wiederholung der Sendung
31.05.2012 02:05 Uhr
Interview
Eröffnete eine Koranschule für gäubige Transsexuelle: die Indonesierin Maryani.
Die Indonesierin Maryani hat in der Stadt Yogyakarta eine Koranschule für Transsexuelle gegründet. Die 52-Jährige ist selbst eine "Waria". So nennen sich die Transsexuellen in Indonesien. Die Bezeichnung ist eine Mischung aus den Wörtern für Frau, "wanita", und Mann, "pria". Im bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Welt sind sie Aussätzige. Maryanis kleine Gemeinde trifft sich sonntags, meist gut geschminkt, in einem kleinen Raum hinter ihrem Schönheitssalon. Weltbilder-Reporter Norbert Lübbers hat Maryani besucht. Im Interview erzählt er vom schwierigen Leben der Transsexuellen - und wie sie sich in dem streng gläubigen Land behaupten.
Weltbilder: Was bedeutet es eigentlich, als Transsexueller oder Transvestit in Indonesien zu leben?
Norbert Lübbers: Ihr Alltag findet meist am Rande der Gesellschaft statt. Die meisten Waria leiden unter Diskriminierung, Spott und Ausgrenzung. In Großstädten wie Yogyakarta oder Jakarta finden sie zumindest Gleichgesinnte. Denn viele Waria wurden von ihren Familien verstoßen und mussten ihre Heimatdörfer verlassen. In den Städten singen sie an Straßenkreuzungen für ein paar Rupien oder sie prostituieren sich, um über die Runden zu kommen. Die wenigsten haben einen festen Job. Wer es bis in einen Kosmetiksalon schafft, hat Glück gehabt. Maryani, die Gründerin der Koranschule für Transsexuelle, ist dabei für viele eine Art "Mutter Theresa". Bei ihr finden sie einen sicheren Ort, an dem sie reden können, an dem sie ihre Identität nicht verleugnen und ihren Glauben ausleben können.
Reporter im ARD Studio in Singapur. Er berichtet vor allem aus Thailand, Malaysia, Kambodscha - und immer wieder auch Indonesien.
Weltbilder: Transsexualität und Islam - wie geht das überhaupt zusammen?
Lübbers: Es wirft auf jeden Fall jede Menge Fragen auf. Einfach so in die Moschee zu gehen, das ist für die Waria so gut wie unmöglich: Während der Gebete sind Männer und Frauen getrennt. Platz für das dritte Geschlecht ist dabei nicht vorgesehen. Die Waria könnten sich entscheiden, entweder als Frau oder als Mann zu gehen. Doch vor dem Spott und den Blicken schützt sie das nicht. Viele von ihnen haben erlebt, dass sie nicht erwünscht sind, weder in der Moschee noch beim Koranunterricht. Gläubig sein und gleichzeitig transsexuell, das ist so nicht vorgesehen und letztendlich der Grund, warum Maryani die wohl weltweit einzige Koranschule für Transsexuelle ins Leben gerufen hat.
In Indonesien werden Transsexuelle ausgegrenzt, Moscheen dürfen sie oft nicht betreten. Eine mutige "Waria" setzt sich für gläubige Transsexuelle ein.
Weltbilder: Wie ist Ihr Eindruck: Wohin bewegt sich Indonesien, dieses größte islamische Land der Welt?
Lübbers: Eine Koranschule für Transsexuelle - das ist auf jeden Fall eine Belastungsprobe für die religiöse Toleranz. Bisher gab es keine Drohungen. Im Gegenteil. Maryani hat nicht nur die Unterstützung der Nachbarn, sondern auch die der Behörden in Yogyakarta. Obwohl die Schlagzeilen aus Indonesien immer wieder militante Organisationen bestimmen, die mit Gewalt gegen das vorgehen, was in ihren Augen "unislamisch" ist. Die meisten Übergriffe richten sich gegen Christen und Mitglieder der muslimischen Glaubensgemeinschaft Ahmadyaa. Die Ausübung ihres Glaubens ist ihnen in Indonesien untersagt. Sie gelten vielen Muslimen als nicht zu akzeptierende Abweichler. Erst vor einem Jahr wurden drei Mitglieder von einem aufgebrachten Mob zu Tode getreten. Solch religiös motivierten Übergriffe und die zum Teil schleppende Aufarbeitung bedrohen das friedliche Miteinander der Religionen.
Weltbilder: Was hat Sie beim Dreh besonders beeindruckt?
Lübbers: Mich hat vor allem der Optimismus und Kämpfergeist von Maryani beeindruckt. Sie ist bereits mit 15 Jahren anschaffen gegangen. Doch sie hat sich durchgekämpft, um sich ihren Traum vom eigenen Schönheitssalon zu erfüllen. Für sie ist es heute ganz selbstverständlich für die da zu sein, die diese Kraft nicht haben. Während unseres Drehs hat sie HIV-Kranke besucht und die Mutter einer guten Freundin getröstet, die erst vor wenigen Tagen gestorben ist. Besonders intensiv war der Besuch auf einem öffentlichen Friedhof. Maryani hat dafür gekämpft, dass auch Waria dort beigesetzt werden dürfen. Mit ihren Freunden hat sie die Gräber aller verstorbenen Waria besucht, Blüten über die Gräber gestreut und für die gebetet, für die sonst niemand mehr betet.
Die Fragen stellte Bettina Schön.