Interview

Philippinen: Bildung hilft gegen Kinderarbeit

Fotograf Hartmut Schwarzbach mit einem philippinischen Mädchen © Hartmut Schwarzbach Detailansicht des Bildes Der Hamburger Fotograf Hartmut Schwarzbach mit einem philippinischen Mädchen. Laut einer UN-Studie arbeiten allein in der Region Bulacan rund 4.000 Kinder in Feuerwerksfabriken. Sie sind hochexplosiven Substanzen ausgesetzt. Es gab schon mehrere Tote. Wegen der Explosionsgefahr liegen die Fabriken fernab der Dörfer - versteckt im Reisfeld sind sie schwer zu finden. Der Hamburger Fotograf Hartmut Schwarzbach hat mit seinem philippinischen Führer wochenlang nach ihnen gesucht, und erst nach tagelangen Gesprächen mit den Besitzern eine Dreherlaubnis bekommen. Über Kinderarbeit auf den Phillippinen spricht er mit den Weltbildern.

Weltbilder: Eigentlich verbietet doch das philippinische Arbeitsgesetz, dass Kinder unter 15 Jahren arbeiten. Warum gibt es trotzdem so viel Kinderarbeit?

Hartmut Schwarzbach: Kinder gelten in den überwiegend christlich geprägten Philippinen als Geschenke Gottes, nicht nur weil sie die Zuneigung der Eltern zueinander zeigen, sondern auch, weil sie eine wichtige Altersvorsorge sind. In einem Land, in dem es so gut wie keine Sozial-, Kranken- und Rentenversicherung gibt, funktioniert die Familie wie eine Art Sozialamt: Von den Kindern wird erwartet, so früh wie möglich im Haushalt oder bei der Arbeit zu helfen.

Feuerwerks-Kinder auf den Philippinen

Zurzeit herrscht Hochbetrieb in vielen Hütten philippinischer Slums: Ganze Familien produzieren Silvester-Feuerwerk. Ganz selbstverständlich dabei: Kinder.

Weltbilder: Die Philippinen haben die UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet. Bedeutet das nicht, dass Kinder unter 18 Jahren nicht arbeiten sollten?

Hartmut Schwarzbach: Zwar verbietet das philippinische Arbeitsgesetz, dass Kinder unter 15 Jahren arbeiten. Gefährliche Arbeit ist für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre verboten. Allerdings bietet das Gesetz ein großes Schlupfloch: Es unterscheidet zwischen "akzeptabler Beschäftigung" Minderjähriger und Kinderarbeit im Allgemeinen. Darüber hinaus gestattet das Gesetz Kinderarbeit, wenn sie von den Eltern erlaubt wird. In einem armen Land wie den Philippinen besteht zwischen gesetzlichen Vorschriften und der gesellschaftlichen Realität ein großer Unterschied. Obwohl es zahlreiche Gesetze zum Schutz von Kindern auf den Philippinen gibt, wird ihre Umsetzung von staatlicher Seite oft nicht überwacht.

Weltbilder: Sind die Philippinen eigentlich da eine Ausnahme?

Hartmut Schwarzbach: Auf den Philippinen gibt es keine Kindersklaven wie in Nepal oder Indien. Fragt man die Eltern, dann bekommt man zur Antwort, "they are only helping". Leider bedeutet das oft über zehn Stunden Arbeit am Tag. Die Eltern haben auch schon als Kinderarbeiter geschuftet, für sie ist das normal. Viele Kinder sind gleichbedeutend mit einer gute Altersabsicherung. Ein Ausweg, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, ist eine gute Schulbildung. Es gibt Hilfsorganisationen, die Schulstipendien organisieren. Leider erreichen sie einen großen Teil der vielen Kinder bisher nicht.

Weltbilder: Was kann man tun, um zu verhindern, dass Silvester-Feuerwerkskörper von Kindern hergestellt wurde?

Hartmut Schwarzbach: Der Export der Feuerwerkskörper ist verboten, aber ein Teil der Produktion wird über Vietnam außer Landes geschmuggelt. Es ist gut möglich, dass die Pyrotechnik dortumfirmiert wird, um dann auf "legalem" Weg nach Europa zu kommen. Die Silvesterrakete, die wir in den Himmel schießen, kann also von philippinischen Kindern hergestellt worden sein.

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