Weltbilder
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Wiederholung der Sendung
01.03.2012 02:05 Uhr
Interview
Mikrokredite: Eigentlich sollen Sie den Ärmsten der Armen aus dem Elend helfen.
Mikro-Kredite galten lange Zeit als erfolgreiche Strategie, um den Ärmsten der Armen aus dem Elend zu helfen. Der Erfinder des Konzepts und Gründer der Mikro-Kredite-Bank Grameen, der Bangladeschi Muhammad Yunus, erhielt für sein Engagement sogar den Friedensnobelpreis. Doch was als Non-Profit-Gedanke begann, wurde ein milliardenschweres Geschäft: In Indien haben profitorientierte Banken Mikro-Kredite als Geschäftsfeld entdeckt. Der Ökonom und Entwicklungshilfe-Experte Dietrich Kebschull kritisiert, dass Banken Kredite an Menschen vergeben, die keine Chance haben, sie jemals zurückzuzahlen. Mit dramatischen Konsequenzen. Viele landen in der Schuldenfalle. In Indien häufen sich Meldungen über Selbstmorde von Kreditnehmern, die in den Ruin getrieben wurden. Im Weltbilder-Interview plädiert Kebschull, der seit 24 Jahren in Neu Delhi lebt, für eine Verbannung von Fonds und Banken aus dem Mikro-Kredite-Geschäft.
Dietrich Kebschull: Ich bin nicht der Ansicht, dass Mikro-Kredite weltweit als geeignetes Mittel zur Armutsbekämpfung gefeiert werden oder wurden. Der Applaus beschränkt sich auf eine Gruppe meist wirtschaftsferner Personen und Institutionen, die sich vorwiegend selbst beweihräuchern. Übersehen wird von ihnen, dass die Kredite in den seltensten Fällen für Investitionen eingesetzt werden und deshalb nicht zu nachhaltigen wirtschaftlichen Verbesserungen führen können.
Arbeitet seit 45 Jahre praktisch und wissenschaftlich im Bereich Entwicklungspolitik. Einen Namen hat er sich durch die erfolgreiche Verknüpfung von Privatwirtschaftsförderung, Außenhandel und nachhaltigem Wachstum gemacht. Er ist Vorsitzender der Stiftung "Indo-German Export Promotion". In dieser Funktion unterstützt er norddeutsche Unternehmen im Rahmen des "Hamburg und Schleswig-Holstein Business Centre" und setzt sich für sozial und ökologisch verantwortliche Produktion ein.
Kebschull: Bei den positiven Bewertungen steht zu sehr das Ausleihen im Vordergrund, nicht die Verwendung und die wirtschaftlichen Auswirkungen. Für unternehmerische Tätigkeit aufgrund der Kreditvergabe sind die Sparbeträge zu bescheiden und die Kredite zu gering. Generell wird die Möglichkeit armer Menschen zu sparen völlig unrealistisch überschätzt und romantisiert.
Kebschull: Die Neigung, dort das System der Grameen Bank aus Bangladesch zu übernehmen, war bei Regierung und Wirtschaftsfachleuten nie sehr groß. Dies änderte sich teilweise, als vor etwa drei bis vier Jahren sehr reiche Philanthropen und Spekulanten gleichzeitig Mikro-Kredite für Indien propagierten und sogar Fonds einrichteten, die Mittel vom Kapitalmarkt aufnahmen. Damit verlagerte sich die Vergabe der Mikro-Kredite von relativ kleinen, eher philanthropischen Nicht-Regierungsorganisationen auf Banken und Fonds. Sie agierten nahezu ausschließlich in rückständigen, ländlichen Regionen, insbesondere im Bundesstaat Andhra Pradesh und in Nachbarregionen. Dort besteht, vor allem bei Kleinbauern, aufgrund ausgeprägter Armut und häufiger Ernteausfälle, immer Nachfrage nach Klein- und Kleinstkrediten.
Kebschull: Anders als die anfänglich im Mikro-Kreditbereich engagierten Hilfs- und Selbsthilfeorganisationen verfolgen die indischen Banken und Fonds klare Gewinnabsichten. Dazu ist ein möglichst großes Geschäftsvolumen erforderlich. Dementsprechend wurde der Kreis der möglichen Kreditnehmer ausgeweitet. An die Stelle von Frauengruppen, die ihre "Kunden" seit Langem persönlich kannten, rückten Manager mit klaren Renditezielen. Wegen der hohen vorhandenen Liquidität wurden die Prüfungen der Mittelverwendung und der Rückzahlungsfähigkeit gelockert. Möglichen Kreditnehmern wurden Mittel förmlich aufgedrängt. Es kam häufig zu Mehrfachkrediten verschiedener - oder auch der gleichen - Einrichtungen an dieselbe Person. Menschen, die ohnehin am Existenzminimum leben, wurden in die Kreditfalle gezerrt.
Kebschull: Schlechte Ernten, hohe Schulden und absolute Ausweglosigkeit führten zu einer deutlichen Erhöhung von Selbstmorden aus Verzweiflung. Diese Freitode haben gerade in Andhra Pradesh eine lange, traurige Tradition.
Kebschull: Mikro-Kredite machen nur dann Sinn, wenn sie zu günstigen Zinsen und für wirklich sorgfältig ausgesuchte und geprüfte Zwecke verwendet werden. Das heißt, sie müssen von der allgemeinen Markt- und Zinsentwicklung weitgehend abgekoppelt werden. Dies ist kein Geschäft für Banken und Fonds, die unter dem Banner der Weltverbesserung schnelles Geld machen wollen.
Kebschull: Die indische Regierung wäre gut beraten, wenn sie diese Akteure aus dem Mikro-Kreditbereich heraushält. Sie hat eigene Institutionen für landwirtschaftliche und ländliche Entwicklung, die auf diesem Gebiet lange Erfahrungen haben. Sie haben auch die erforderlichen Beziehungen zu Selbsthilfegruppen. Hier gilt es, Fachpersonal besser zu schulen, insbesondere im Hinblick auf die Einschätzung von Kreditrisiken bei Armen. Das bedeutet, dass nicht die Masse der Kredite zählt, sondern ihr sinnvoller Einsatz.
Kebschull: Die deutsche Entwicklungshilfe arbeitet seit rund zehn Jahren mit ausgewählten Partnern in Indien. Allerdings beschränkt sie sich in der Regel auf die Vergabe von Zuschüssen. Sie gehen an Spezialeinrichtungen, mit denen die Verwendung und Steuerung abgesprochen wird. Angesichts der hohen Liquidität dieser indischen Einrichtungen erscheint es allerdings fraglich, ob solche finanziellen Zuschüsse überhaupt erforderlich sind. Denn ein sehr großer Teil der Mittel wird nicht ausgeliehen – weder im Klein- noch im Kleinstkreditbereich - weil die Risiken als zu hoch angesehen werden. Deshalb sollte jede Mittelvergabe in diesem Bereich mit größter Vorsicht erfolgen. Beratung durch deutsche Experten ist wegen des umfangreichen Fachwissens, das in Indien bereits vorhanden ist, nicht gefragt und auch nicht mehr erforderlich.
Die Fragen stellte Hendrik Backhus.