Weltbilder
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Wiederholung der Sendung
31.05.2012 02:05 Uhr
Interview
Monatelang arbeiten kurdische Familien gemeinsam mit ihren Kindern für einen Hungerlohn als Pflücker auf den Plantagen: zehn Stunden für umgerechnet 15 Euro am Tag. Es ist ihre einzige Chance, Arbeit zu finden. Weltweit kommt jede dritte Haselnuss aus dem Hochland um Ordu am Schwarzen Meer. Aber Schokocreme mit Nüssen haben diese Kinder noch nie probiert. Die Autorin des Beitrages "Die Haselnusskinder von Ordu", Rebecca Gudisch, erläutert, welche Maßnahmen Kinderarbeit verhindern könnten und worauf Verbraucher achten müssen.
Weltbilder: Kinderarbeit ist in der Türkei verboten, es gibt eine Schulpflicht. Trotzdem schuften auf den Haselnussplantagen zahlreiche Jungen und Mädchen unter härtesten Bedingungen. Gibt es keine Kontrollen, warum greifen die türkischen Behörden nicht ein?
Rebecca Gudisch: Das hat verschiedene Gründe: Zum einen sind die Haselnuss-Plantagen an sich sehr unübersichtlich. Wir sprechen über dicht bewachsene, zum Teil sehr steile und schwer zu erreichende Hänge. Überall zu kontrollieren ist schwierig. Zum anderen lösen einfach nur Kontrollen ja auch das Problem der Kurden nicht. Teilweise sind sie auf die Verdienste der Kinder angewiesen. Würden die Kinder nicht mehr arbeiten, könnte sich die Situation der gesamten Familie verschlechtern. Unserer Ansicht nach ist das auch den türkischen Behörden bewusst. Und ohne kurdische Pflücker würde die ganze Haselnuss-Ernte ins Stocken geraten.
Monatelang arbeiten kurdische Familien gemeinsam mit ihren Kindern für einen Hungerlohn als Pflücker auf den Plantagen. Es ist ihre einzige Chance, Arbeit zu finden.
Weltbilder: In Ihrem Bericht wird die Firma Ferrero als einer der Hauptabnehmer der Haselnüsse genannt. Wie hat das Unternehmen auf die Vorwürfe bezüglich Kinderarbeit reagiert?
Rebecca Gudisch: Das Unternehmen hat mich zuletzt heute angerufen und zugesagt, sich im nächsten Jahr eventuell mit allen wichtigen Politikern vor Ort in Ordu zu treffen und vielleicht über eine gemeinsame Lösung zu reden. Das ist immerhin ein erster Schritt. Ob sich daraus tatsächlich Verbesserungen für die kurdischen Wanderarbeiter und ihre Kinder ergeben, muss sich zeigen.
Rebecca Gudisch: Das Problem ist einfach die schlechte finanzielle Situation der Kurden in ihren Heimatstädten. Sie sind auf das Pflücken angewiesen und brauchen das Geld. Wenn die erwachsenen Pflücker vielleicht mehr Geld bekämen und es parallel dazu eine Sommerschule für die Kinder gäbe oder die Eltern vielleicht sogar finanzielle Anreize hätten, ihre Kinder in die Sommerschule zu schicken, könnten sie vielleicht dort etwas von dem aufholen, was sie in den ganzen Monaten des Pflückens verpassen. Die Familien pflücken ja nicht nur Haselnüsse. Sie sind samt ihrer Kinder auch bei der Baumwolle, bei Aprikosen oder der Heuernte beschäftigt. So verpassen die Kinder der Wanderarbeiter insgesamt mehrere Monate Schule. Wenn eine "Fairtrade"-Lösung das irgendwie aufgreifen würde, dann würde es Sinn machen, ansonsten nicht.
Weltbilder: Weihnachtszeit bedeutet Naschzeit: Wie können verantwortungsbewusste Verbraucher sichergehen, dass in ihrem Adventskalender oder Schokoladenweihnachtsmann keine von Kinderhänden gepflückten Nüsse stecken?
Rebecca Gudisch: Die Antwort ist so traurig wie einfach: Man muss einfach bei jeder Haselnuss-Schokolade oder bei jeder Nuss-Nougat-Creme davon ausgehen, dass die Nüsse eventuell von kurdischen Kindern gepflückt wurden. Da hilft es wohl nur, immer wieder den großen Unternehmen auf die Füße zu treten und nachzufragen, was sie ganz konkret zum Beispiel für die Kinder kurdischer Wanderarbeiter in der Türkei machen.