Weltbilder
Die Weltbilder blicken Woche für Woche bis zum Horizont und weiter. Sie erzählen die wichtigen Geschichten aus dem Ausland: bildstark und informativ.
Wiederholung der Sendung
31.05.2012 02:05 Uhr
Interview
Aktuelle Mode, kleine Preise - diese Strategie hat H&M groß gemacht. Doch Kritiker monieren, dass Näherinnen unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten müssen.
Günstig und trendig - dafür schätzen die Kunden H&M. Deutschland gehört zum größten Markt für die schwedische Modekette. Hier gibt es fast 400 Läden - so viele wie in keinem anderen Land, wo H&M präsent ist. Doch in jüngster Zeit gerät der Mode-Gigant immer wieder in die Schlagzeilen: Miserable Löhne, Überstunden, mangelnder Gesundheitsschutz - bei den von Zuliefererfirmen in Kambodscha und Bangladesch betriebenen Textilfabriken, die unter anderem auch für H&M produzieren, sollen unhaltbare Zustände herrschen. Jüngst erlitten wieder kambodschanische Näherinnen eine Massen-Ohnmacht. Ob Chemikalien, Hitze oder Sauerstoffmangel dafür verantwortlich waren, ist bis heute nicht geklärt. Reporter Norbert Lübbers hat vor Ort recherchiert und mit betroffenen Näherinnen gesprochen.
Weltbilder: Welchen Rang nimmt die Textilindustrie in Kambodschas Wirtschaft ein?
Norbert Lübbers: 90 Prozent aller Exporte kommen in Kambodscha aus der Textilwirtschaft. Sie ist mit Abstand der wichtigste Industriezweig des Landes. Denn Kambodschas Kapital sind billige Arbeitskräfte, mindestens 350.000 Menschen arbeiten in den Textilfabriken des Landes. Die meisten von ihnen sind Frauen vom Land, die versuchen, mit dem verdienten Geld ihre Familien zu unterstützen.
Miserable Löhne, Überstunden, mangelnder Gesundheitsschutz: Die Modekette H&M gerät in die Schlagzeilen. Jüngst erlitten kambodschanische Näherinnen eine Massen-Ohnmacht.
Weltbilder: Gibt es in Kambodscha überhaupt den politischen Willen, an den schlechten Arbeitsbedingungen etwas zu ändern?
Lübbers: Zwar hat Ministerpräsident Hun Sen jetzt angekündigt, die Vorkommnisse bei einem der Zulieferer von H&M untersuchen zu lassen. Doch ansonsten bewegt sich wenig in Kambodschas Textilindustrie. Dass die Näherinnen sieben Tage die Woche und bis zu 14 Stunden am Tag arbeiten, ist kein Einzelfall. Unerlaubte Überstunden, kaum Pausen und schlechte Belüftung gehören für viele Frauen zum Alltag. Allein in diesem Jahr sollen in mehreren Fabriken mindestens 1.000 Arbeiterinnen zusammengebrochen sein.
Weltbilder: Was ist Ihnen bei diesem Dreh besonders in Erinnerung geblieben?
Lübbers: Das war der Besuch bei den Näherinnen Zuhause. Dass neun Frauen in einer einfachen Bambushütte hausen müssen, ohne irgendeine Form von Privatsphäre, damit hätte ich nicht gerechnet. Die Frauen sparen an allem, um ausreichend Geld an ihre Familien schicken zu können. Zehn bis 20 US-Dollar behalten sie für sich, um damit einen Monat überleben zu können. Eine Näherin sagte uns am Ende des Tages, dass der Lohn nicht einmal das Wichtigste für sie sei. Das Wichtigste sei, an dem Ort, wo sie arbeitet, wie ein Mensch behandelt zu werden.
Weltbilder: Wie groß ist das Risiko der Näherinnen, wenn sie mit Journalisten sprechen?
Lübbers: Die meisten haben Angst zu reden. In den Textilfabriken, die wir besucht haben, herrscht eine Kultur des Schweigens. Wer sich über Arbeitsbedingungen oder massive Überstunden beschwert, kann schnell seinen Job verlieren. Druckmittel sind die Arbeitsverträge. Viele der Frauen haben nur einen kurzfristigen Vertrag über drei Monate, sie sind abhängig von der Verlängerung. Wir wurden bei unseren Dreh von einer unabhängigen Gewerkschaft unterstützt und stehen in Kontakt mit den Arbeiterinnen, um zu verhindern, dass die Frauen für ihren Mut zu reden bestraft werden.
Weltbilder: Was ist von der Selbstkontrolle der Textilindustrie beziehungsweise vom selbst auferlegtem Verhaltenskodex von Herstellern wie H&M zu halten?
Lübbers: In Kambodscha soll das Programm "Better Factories Cambodia" der "International Labour Organisation" die Arbeitsbedingungen in den Fabriken kontrollieren. Auch die von uns dargestellten Missstände will H&M so untersuchen lassen. Gewerkschaften kritisieren das Programm als zu industrienah - finanziert wird es unter anderem von den Arbeitgebern und großen Markenherstellern. Ein im August veröffentlichter Bericht stellt den meisten Textilfabriken denn auch ein sauberes Zeugnis aus. Das Problem besteht vor allem in einer unabhängigen Kontrolle der Zustände in den Fabriken. Zwar setzt sich auch H&M gegen Ausbeutung bei seinen Zulieferern ein. Doch ein solcher Verhaltenskodex wird zum Lippenbekenntnis angesichts des Arbeitsalltags der Näherinnen in Kambodscha.
Die Fragen stellte Karin Dohr.