Interview

"Selbst kleine Spaziergänge kaum möglich"

Eine Reise in das letzte stalinistische Land der Welt - Urlaub in Nordkorea? Andreas Schanze ist mit einer Reisegruppe von China aus durch das Land gereist. Vor wenigen Wochen hatte er als Tourist unter strenger Kontrolle Einblick in das Land, das verschlossener kaum sein könnte. Offiziell darf er nicht über seine 8-Tagestour berichten, daher möchte er zum Weltbilder Interview kein Foto von sich veröffentlicht sehen.

Herr Schanze, sie sind als Tourist nach Nordkorea gereist. Ist das theoretisch jeder Person möglich, mit welchem organisatorischen Aufwand war diese Reise verbunden?

Andreas Schanze: Reisen in Nordkorea sind nur in streng organisierten Gruppen möglich. Die Ein- und Ausreise geht immer über China – auch da braucht man dann jeweils ein Visum. Es kann aber jeder privat so eine Tour buchen. Man muss sich nur weit vorher anmelden, meist besorgt der Reiseveranstalter Visum und Hotels. Der Reiseverlauf ist allerdings streng vorgegeben. Und alle Touristen sehen eigentlich immer das Gleiche. Im Land flexibel umherreisen ist so wenig möglich, wie in wohl keinem anderen Land der Welt. Man hat also keinerlei organisatorischen Spielraum – selbst kleine Spaziergänge sind nur schwer spontan möglich und führen zu großen ängstlichen Diskussionen. Meist darf man außerhalb vorher abgesprochener genehmigter Ausflüge (Museen, Denkmäler, Staudamm, Mausoleum, Massen-Aufführungen u.s.w.) und erlaubter Besichtigungen (U-Bahn, Kunsthalle, Eisstadion u.s.w.) das Hotel nicht verlassen. Die sehr kundigen Reiseleiter, die je nach Gruppe englisch oder sogar deutsch sprechen, fungieren gleichzeitig als strenge Aufpasser und sie sind angehalten alles zu tun, damit man möglichst wenig mit der Bevölkerung in Kontakt kommt. Da ist die Angst spürbar. Es hat übrigens wenig Sinn, mit dem Reiseleiter Diskussionen zu beginnen, schon gar nicht über aktuelle Entwicklungen oder Politik. Auch wenn das noch so interessant wäre, zu erfahren, was die über das Regime und ihr Land denken: man bringt ihn und seine Familie damit nur in Schwierigkeiten. Die Begleiter beschatten sich auch untereinander.

Gab es während der Reise irgendwelche Restriktionen, kam es zu Situationen, mit denen Sie so nicht gerechnet hatten?

Schanze: Wir Europäer sind es generell nicht gewohnt, so kontrolliert, immer in Gruppen und in den persönlichen Freiheiten eingeschränkt zu leben - sich niemals frei bewegen zu können, keinen Meter ohne Erlaubnis oder Guide an der Seite. Und das Fotografieren ist immer ein Problem. Der Staat möchte keine falschen Eindrücke nach außen dringen lassen. In Nordkorea darf man zwar knipsen – bei allen Statuen der Kim Dynastie wird man geradezu angehalten Fotos zu machen -  aber sonst ist alles sehr eingeschränkt. Immer wieder weist der Reiseleiter ohne Begründung darauf hin, dass man jetzt bitte nicht fotografieren solle. Beim Militär ist das klar. Bei Menschenmassen, jeder Form von Armut aber auch, wenn z. B. Einheimische vor Kim Ill Sung-Statuen Geschenke ablegen oder Ochsenkarren durch die Straßen fahren, oder die Autobahn zu leer ist, also quasi "arm" an Autos oder einfach eine Landschaft mit Dörfern. Vieles sieht man dann eben nur aus dem Busfenster im Vorbeifahren. Erstaunt hat mich, dass man im Gegensatz zu den Einheimischen im Hotel schon Internet zur Verfügung hatte, dass man inzwischen auch sein Handy mitnehmen darf (früher wurde es bei Einreise eingeschweißt und erst bei Ausreise wieder zurück gegeben). Es gibt inzwischen sogar Telefonkarten für westliche Handys. Die Einheimischen können mit ihren Handys allerdings nur im Land telefonieren und haben weiterhin überhaupt keinen Zugang zum Internet. Es macht den Eindruck, dass die Bevölkerung wirklich nichts weiß, über die Situation des Landes in der Welt und was sich gerade abspielt – außerhalb der offiziellen Propaganda. Das war sehr bedrückend, zu erleben, wie es noch immer gelingt, dass man 25 Millionen Menschen so abschotten und ihr gesamtes Leben so beherrschen kann.

Welche sonstigen Informationsmöglichkeiten hat die nordkoreanische Bevölkerung? Wissen oder ahnen die Menschen, dass z. B. in Südkorea wesentlich bessere Lebensverhältnisse herrschen?

Schanze: Die Bevölkerung, gerade auf dem Land, ist völlig isoliert von allem. Sie hat sichtbar damit zu tun, sich um die persönliche Versorgung, ums sprichwörtliche Überleben zu kümmern. Früher soll es noch schlimmer gewesen sein, inzwischen gibt es ja einige kleine Bauernmärkte, aber viele Menschen sind dennoch unterernährt. Kritik daran oder irgendeinen Ansatz von Opposition ist aber nicht erkennbar. Wenn man den Menschen mal nahe kommt, dann sieht man eher Angst als Neugier in ihren Gesichtern. Kontakt mit anderen kann nichts Gutes bringen, so scheint es. Oppositionelles würde sicher auch sofort unterdrückt. Eine totale Kontrolle wird überall deutlich.  An "Massenmedien" gibt es eigentlich nur ein paar Parteizeitungen, die in Bahnhöfen aushängen, und wo sich dann die Leute drängen um zu lesen, und die Soldatenzeitungen. Im Fernsehen laufen Filme mit Soldatenromantik oder tagaus tagein Propaganda darüber, was die Kims gerade machen oder was sie alles fürs Volk schon gemacht haben. Der Führerkult ist unfassbar, skurril und grotesk. An jedem Ort wird gezählt, wie oft die Kims hier waren, vor Statuen muss sich auch der Besucher verneigen und wenn ein Golfplatz eröffnet wird, dann heißt es gleich offiziell, der Führer hat auf Anhieb mehrere Asse gespielt. Dieser Kult, dem auch Touristen nicht entkommen können, ist pseudoreligiös, er soll die Menschen zusammen halten – und es scheint noch immer zu gelingen. Das alles ist eigentlich ein krasser Widerspruch zum harten entbehrungsreichen Alltag der Bürger. Wird aber erkennbar so nicht gesehen. Aktuelle Informationen über Südkorea gibt es wenig. Das Land blickt auch eher zurück, als nach vorn. Heroisiert wo es kann und blendet politische Entwicklungen der Jetztzeit aus. Es wird aber allgemein ständig über die angestrebte Wiedervereinigung gesprochen. Das ist auffällig, einerseits eine Art Kriegszustand gegen ein Land, mit dem man eigentlich so gern wieder zusammen gehören will. Es macht manchmal den Eindruck, als wolle die Führung eine Wiedervereinigung am liebsten herbeibomben. Das ist vielleicht eines der wenigen Themen, über das man auch mit den ansonsten sehr freundlichen Guides reden kann.

Die Fragen stellte Hendrik Backhus

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/weltbilder/andreasschanze101.html
Weltbilder Logo © NDR
Nächste Sendung: 18.06.2013 23:30 Uhr

Weltbilder

Die Weltbilder blicken Woche für Woche bis zum Horizont und weiter. Sie erzählen die wichtigen Geschichten aus dem Ausland: bildstark und informativ.

Wiederholung der Sendung

20.06.2013 01:50 Uhr

Zur Sendungsseite
Videos
Organisierte Massentänze in Nordkorea © NDR
 
Video

Nordkorea: Welche Bilder nach außen dringen

16.04.2013 | 23:30 Uhr

Unsere Reporter zeigen, wie es hinter den Kulissen aussieht.

Video starten (03:49 min)