Stand: 08.03.2016 13:00 Uhr

Fukushima fünf Jahre nach der Atom-Katastrophe

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Ausgelöst von einem Tsunami kam es vor fünf Jahren im japanischen Fukushima zur Kernschmelze im Atomreaktor.

Fünf Jahre ist die Reaktor-Katastrophe von Fukushima her. Unser Korrespondent Uwe Schwering war vor Ort, um sich ein Bild über die heutige Situation zu machen. Er hat Menschen zwischen Mut und Hoffnungslosigkeit getroffen. Im Interview spricht er über die Vorbereitungen seiner Drehreise in das kontaminierte Gebiet, das Verhalten von Regierung und der Atomreaktor-Betreiberfirma Tepco und die Atomproteste in der Bevölkerung.
Auf Twitter können Sie Uwe Schwering folgen unter: @uschwering.

Herr Schwering, Sie und Ihr Team waren auch in der Sperrzone unterwegs, wie haben Sie sich auf diese spezielle Drehreise vorbereitet? 

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Das Team darf nur in speziellen Schutzanzügen in die Gefahrenzone.

Uwe Schwering: Wir waren sehr vorsichtig. Und haben ja auch überhaupt zum ersten Mal grünes Licht aus der Zentrale bekommen. Bisher durften wir aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen nicht in die rote Zone. Unsere Vorsichtsmaßnahmen lauten: Vorheriges, exaktes Informieren über den Drehort, Einholen externer Expertise (beispielsweise von Greenpeace oder Safecast), Mitnahme der Messgeräte ("GammaTwin"‘), genaue Buchführung und ein Messprotokoll während der Drehreise, entsprechende Kleiderverordnung je nach Drehsituation, Aufenthalt so kurz wie möglich. Viel Zeit nimmt die Präparierung von Mensch und Material in Anspruch: Der Fußraum unseres Fahrzeugs wird mit einer fünf Millimeter starken Gummifolie komplett ausgelegt, der Laderaum mit einer Lkw-Plane. Hier trennen wir auch nochmal zwischen einem sauberen und einem Schmutzbereich für Stativ, Stiefel etc. Die Stativbeine werden ebenfalls mit starker Folie gegen Verschmutzung gesichert. Für die kontaminierten, abwaschbaren Gummistiefel, die wir zumeist tragen, stehen große Plastiktüten zur Verfügung, in die wir nach dem Einsteigen unsere Füße stellen, um das Auto nicht zu kontaminieren. Jeder Mitarbeiter trägt eine Staubmaske mit Filter. Es werden stets Ersatzfilter mitgeführt, die benutzten regelmäßig ausgetauscht. Im Auto betätigen wir weder die Klimaanlage noch die Lüftung. Es stehen ausreichend Handschuhe und Wasser zum Abspülen der Stiefel zur Verfügung. Und in der roten Zone waren Tyvek-Anzüge (Anmerk. d. Red.: spezielle Schutzanzüge gegen Gefahrenstoffe) Pflicht. Das Auto wird anschließend außen und innen gründlich gereinigt, der Luftfilter gewechselt. Es reicht eine herkömmliche Reinigung in einer Waschstraße; der Innenraum wird mit Staubsauger und Einwegtüchern zum Abwischen von Flächen gereinigt. Unsere Kleidung waschen wir separat.

Sie haben mit Ihrem Team apokalyptische Bilder aus Fukushima mitgebracht. Was haben diese Eindrücke vor Ort bei Ihnen persönlich ausgelöst?

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Das Ausmaß der Reaktorkatastrophe ist in Fukushima auch Jahre später noch vielerorts zu sehen. Geisterstädte dominieren das Bild.

Schwering: Obwohl sie gar nicht mehr da waren, kam mir das Schicksal der Menschen sehr nah. Japaner sind sehr heimatverbunden, beim Anblick der Geisterstädte geht einem dann auf, was das für ein immenser Verlust sein muss, wenn man seine Heimat verliert und wohl auch nicht mehr zurück kann. Dass dafür dieser eine Moment reicht, in dem Menschen durch den Tsunami oder das AKW-Unglück plötzlich alles verlieren: das Leben, die Familie, Vergangenheit, Arbeit und Natur. Es wird einem die eigene Vergänglichkeit und Machtlosigkeit bewusst gegenüber solchen Gewalten, aber auch gegenüber anderen Menschen, die das zu verantworten haben - wie im Falle der Kernschmelze. Die Verantwortungslosigkeit der Regierung, der AKW-Betreiber und Aufsichtsbehörden, diesen Filz nennt man in Japan auch das "Atomdorf". Die Tepco-Manager wussten um die Tsunami-Gefahr, weitere Schutzmaßnahmen erschienen ihnen aber als zu teuer. Wieder mal das Geld also, die Gier. Und für die AKW wurden ja immer die idyllischsten, aber auch ärmsten Gegenden ausgesucht. Dort erwartet die Industrie wenig Widerstand, auch weil sie Arbeitsplätze mitbringt. Dieses Kalkül ist schon unappetitlich. Sonst ist in der Region einfach die Zeit stehen geblieben. Der Wiederaufbau geht nur schleppend voran, hinkt dem Zeitplan hinterher. Und was in der roten Zone geschieht und wann? Niemand weiß das. Nur die Müllberge aus den Dekontaminationsarbeiten wachsen. Da wird einem dann wirklich bewusst, wie glücklich man sein sollte, einen ganz normalen Alltag leben zu können.

In welcher Form gab es bisher von der Betreiberfirma Tepco und/oder der Regierung eine Entschädigung für die Betroffenen? 

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Die Regierung und die Betreiberfirma Tepco zahlen zwar Entschädigungen an die Menschen, die alles verloren haben - dort viele dieser Hilfen laufen im nächsten Jahr aus.

Schwering: Zur Zeit werden die betroffenen Gebiete der Präfektur Fukushima je nach Strahlungsintensität in drei Zonen unterteilt:
a) grün: Rückkehrvorbereitungszone nach Dekontamination
b) gelb: Betriebszone ohne Übernachtungsmöglichkeit und ohne permanente Rückkehr
c) rot: Sperrzone.
Die Höhe der Entschädigung richtet sich nach ehemaligem Wohnsitz und der Familiengröße des Betroffenen. Generell gibt es vom Staat:

  • eine individuelle Entschädigung von 80.000 - 360.000 Euro
  • ein sogenanntes psychisches Trostgeld für Anwohner der roten Zone von 56.000 - 216.000 Euro
  • für Hausrat 24.000 - 56.000 Euro
  • für Haus/Wohnung (Gebäude) 192.000 - 344.000 Euro
  • für Felder/Wälder (Grundbesitzer) 32.000 - 88.000 Euro
  • für den Neubau eines Hauses, da man das eigene verloren hat 144.000 Euro

Insgesamt also, je nach Fall, zwischen ca. 520.000 und 1,2 Mio. Euro
Tepco zahlt:
  • einmalig 10.000 Euro für psychische Schäden durch den AKW-Unfall 
  • einmalig 1.500 Euro für Kosten der Evakuierung
  • Übernahme der Kaltmiete in den Notunterkünften/Übergangswohnheimen

Bewohner dieser Notunterkünfte erhalten ca. 800 Euro im Monat, wovon sie die Nebenkosten bestreiten müssen. Im Frühjahr nächsten Jahres sollen diese Hilfen auslaufen für Menschen, deren ehemalige Heimat "dekontaminiert" und von der Regierung für wieder bewohnbar erklärt wird. Wer dann nicht zurückgeht oder wegen Bedenken nicht zurückgehen will, steht ohne finanzielle Unterstützung da. Das kann man auch als Nötigung bezeichnen.

Wie geht die japanische Gesellschaft mit dem Gau um? 

Schwering: Laut Umfragen ist die Mehrheit der japanischen Bevölkerung gegen Atomkraft, trotzdem wählt man die Regierungspartei von Premierminister Shinzo Abe, die explizit für das Wiederanfahren der Reaktoren steht. Häufig hört man: Wen soll man denn sonst wählen? Die Opposition ist schwach, eine grüne Partei so gut wie nicht existent. Informationen über die Reaktorkatastrophe fließen nur spärlich, die Medien werden von der Politik gegängelt, üben sich inzwischen schon in Selbstzensur. Greenpeace halten hier deswegen manche für ein Gericht, selbst erlebt. Und so laufen drei der ehemals über 40 Reaktoren schon wieder, auch wenn wohl maximal nur 20 jemals wieder ans Netz werden gehen können. Es gibt zwar nach wie vor zahlreiche Proteste und Demonstrationen. Aber da finden sich in aller Regel nur ein paar Hundert oder einige tausend Menschen ein. All die Jugendlichen, die anfangs noch landesweit gegen die Atomkraft auf die Straße gegangen sind, haben sich mehr oder weniger ins Private, Apolitische zurückgezogen, ein Grundtrend in Japan. Jetzt tragen noch die aktiven Älteren die Aktionen gegen die Kernenergie. In der Region Fukushima ist der Protest erwartungsgemäß noch lebendiger, hat eine Eigendynamik und -entwicklung. Aber en gros haben nach fünf Jahren weite Teile der Gesellschaft den Gau vergessen oder verdrängt. Damit hat die Regierung im Grunde ihr Ziel erreicht, die Botschaft lautet: "Nichts Schlimmes passiert, kann man in den Griff kriegen, weiter so". 

Das Interview führte Hendrik Backhus.

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Dieses Thema im Programm:

Weltbilder | 08.03.2016 | 23:30 Uhr