Wirbelsäule: Versteifung oft überflüssig
Die Zahl der Bandscheibenoperationen hat in Deutschland in den letzten Jahren um 50 Prozent zugenommen. Doch nicht allen Patienten geht es nach dem Eingriff besser.
Video starten (06:46 min)Etwa zwölf Prozent der Menschen in Deutschland leiden täglich an Rückenschmerzen. Damit zählen Rückenbeschwerden hierzulande zu den häufigsten Volkskrankheiten. Die Zahl der operierten Bandscheibenvorfälle hat sich in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt - die der Versteifungsoperationen sogar verdreifacht.
Die Zahl der operierten Bandscheibenvorfälle hat sich in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Doch oft ist ein Eingriff gar nicht nötig.
Laut einer aktuellen Umfrage wurde jedem zehnten Rückenschmerz-Patienten und jedem sechsten Patienten mit chronischen Schmerzen vom Arzt eine Operation empfohlen. Doch eine Studie der Techniker Krankenkasse zeigt: 85 Prozent der Operationen bei Patienten mit Rückenbeschwerden sind überflüssig.
Ausgelöst durch eine falsche Bewegung, tritt ein Bandscheibenvorfall in der Regel plötzlich auf. Am häufigsten betroffen sind die unteren Lendenwirbel. Typische Symptome sind Schmerzen, die - je nach Lokalisation des Schadens - in die Beine oder, wenn die Halswirbelsäule betroffen ist, in die Arme ausstrahlen. Die meisten Bandscheibenprobleme treten im Alter zwischen 25 und 55 Jahren auf.
Die Bandscheiben haben die Funktion eines Stoßdämpfers zwischen den einzelnen Wirbelkörpern und puffern auf die Wirbelsäule einwirkende Kräfte ab. Mit dem Alter und zunehmender Belastung verlieren die Zwischenwirbelscheiben ihre Elastizität. Dann können sich Teile in den Wirbelkanal vorwölben und dort auf Nerven oder gar das Rückenmark drücken.
Patienten, die einen Bandscheibenvorfall haben, aber unter keine Lähmungen im Bein leiden, brauchen zu 90 Prozent keine Operation. Sie können mit alternativen Methoden wie Medikamenten, Physiotherapie oder manueller Therapie behandelt werden.
Bei einer Versteifung, auch Fusion oder Spondylodese genannt, werden zwei oder mehr Wirbel fest miteinander verbunden. Der Operateur durchschneidet dafür zunächst die Rückenmuskulatur, löst sie von den Wirbeln ab und entfernt dann die Bandscheibe. An ihre Stelle setzt er einen Abstandshalter zwischen die Wirbel und dreht Titan-Schrauben durch die Wirbelbögen. Sie werden anschließend mit einem Stab oder einer Platte verbunden. Doch dieser unumkehrbare Eingriff bringt häufig keine völlige Schmerzfreiheit, das gilt vor allem bei chronischem Rückenschmerz. Nicht wenige Patienten unterziehen sich sogar mehreren Versteifungsoperationen - erfolglos.
Tatsächlich notwendig ist eine Rückenversteifung nur bei Brüchen, Tumorbefall und starkem Wirbelgleiten. Bei reinem Verschleiß ist der Eingriff zumindest fragwürdig, kann sogar neue Probleme bringen. Denn die Bandscheiben ober- und unterhalb des versteiften Segments müssen mehr Druck aushalten als normal, sodass die Schmerzen nicht verschwinden, sondern sich nur verlagern. Zudem leidet auch die Muskulatur unter der Wirbelsäulenversteifung. Viele Patienten können nach der OP ihre Rücken- und Bauchmuskulatur nicht mehr richtig aktivieren, ohne sehr gezieltes Training drohen weitere Überlastung, Instabilitäten und Schmerzen.
Die Kliniken profitieren von den lukrativen Eingriffen, doch für die Patienten bleibt in vielen Fällen der erwünschte Erfolg aus. Im schlimmsten Fall leiden die Patienten nach der Operation sogar unter noch größeren Schmerzen als vor dem Eingriff. Denn operationsbedingte Nerven- und Gewebeschädigungen sowie Narben und Verwachsungen im Operationsgebiet können zusätzliche Beschwerden verursachen. Der Schmerz kann sogar chronisch werden.
Experten warnen daher davor, die Risiken operativer Eingriffe zu unterschätzen und raten den Betroffenen, vor der endgültigen Entscheidung für einen operativen Eingriff eine zweite Expertenmeinung einzuholen.
Allzu oft verließen sich Ärzte auf Röntgenaufnahmen, statt die Patienten ausführlich und gründlich zu untersuchen, klagen die Spezialisten. Zudem würden Patienten oft zu wenig über mögliche Therapien aufgeklärt und viele wünschten sich aus Unkenntnis eine schnelle Heilung durch Spritzen oder auch eine Operation, statt selbst mit konsequentem Training etwas für eine dauerhafte Besserung zu tun.
Studien haben ergeben, dass sich vier von fünf Operationen durch konservative Behandlungsmethoden vermeiden lassen.
Die sogenannte multimodale Schmerztherapie ist ein vierwöchiges Intensivprogramm aus Sport, Krankengymnastik, Entspannung und Psychotherapie, das sich allein und in der Gruppe absolvieren lässt. Allerdings muss der Patient dabei aktiv mitarbeiten, um seine Beschwerden dauerhaft in den Griff zu bekommen.
Prof. Dr. Volker Tronnier
Direktor Klinik für Neurochirurgie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Ratzeburger Allee 160, Haus 40
23538 Lübeck
Tel. (0451) 500 61 82
Prof. Dr. Jürgen Piek
Neurochirurg
Leiter Abteilung für Neurochirurgie
Chirurgische Klinik und Poliklinik
Universitätsmedizin Rostock
Schillingallee 35
18057 Rostock
Dr. Naomie Cayemitte-Rückner
Fachärztin für Anästhesiologie, Spezielle Schmerztherapie, Naturheilverfahren
Alsterdorfer Straße 226 a
22297 Hamburg
Tel. (040) 460 10 04
Fax (040) 48 39 89