Visite
Der graue Star ist eine häufige Alterserkrankung. Die einzige erfolgversprechende Therapie ist eine Operation. Außerdem: Krampfadern - Welcher Eingriff ist der beste?
Wiederholung der Sendung
01.06.2012 01:45 Uhr
Patienten sehen weiße Mäuse, Spinnen oder Fliegen, erkennen ihre Angehörigen nicht, sind verwirrt oder aggressiv: Etwa fünf bis 15 Prozent aller Patienten leiden nach einer Operation unter Narkose an einer Bewusstseinstrübung, dem sogenannten post- oder perioperativen Delir - früher auch Durchgangssyndrom genannt. Bei den über 60-Jährigen sind es sogar fast 50 Prozent.
Fast jeder zweite Patient über 60 ist nach einer Operation vorübergehend verwirrt. Wissenschaftler der Berliner Charité sind den Ursachen auf der Spur.
Das Delir kann direkt nach dem Erwachen aus der Narkose auftreten, sich innerhalb der ersten Stunden nach der Operation zeigen oder sich erst einige Tage später entwickeln. Die Symptome variieren stark in ihrer Art und ihrem Ausprägungsgrad. Typisch sind Phasen von Desorientierung, Verwirrtheit, stärkster körperlicher Unruhe sowie Wahnvorstellungen und Halluzinationen. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um eine vorübergehende Störung ohne gravierende Spätfolgen. Etwa 40 Prozent der Betroffenen sind jedoch auch ein Jahr nach dem Ereignis noch so stark in ihrer geistigen Leistungsfähigkeit eingeschränkt, dass sie dauerhaft pflegebedürftig sind. Unbehandelt kann ein Delir sogar das Auftreten von Demenzerkrankungen fördern. Junge Patienten leiden nur sehr selten an postoperativen Bewusstseinsstörungen.
Die genauen Ursachen für die Entstehung sind noch nicht ganz geklärt. Fest steht, dass es sich bei einem postoperativen Delir um ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren handelt. So gelten ein hohes Alter des Patienten, das männliche Geschlecht sowie Vorerkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck als Risikofaktoren. Auch die Art und Dauer der Operation und Narkose spielen eine entscheidende Rolle. Große Operationen am Herzen oder nach Oberschenkelhalsbrüchen bergen ein besonders hohes Risiko.
Der Begriff Narkose kommt aus dem Griechischen und bedeutet "In-Schlaf-Versetzen". Die Narkose oder Allgemein-Anästhesie ist eine mit Hilfe mehrerer Medikamente erreichte und kontrollierte Bewusstlosigkeit. Dabei werden nicht nur das Schmerzempfinden, sondern auch Abwehrreflexe, Muskelspannung und das Bewusstsein ausgeschaltet, damit der Patient während des Eingriffs ruhig liegt und keine Schmerzen oder Angst erleidet.
Ein Delir begünstigen kann auch der Einsatz der Herz-Lungen-Maschine, die häufig bei Bypass-Operationen eingesetzt wird. Der große Operationsstress löst im Gehirn eine Kettenreaktion mit entzündlichen Botenstoffen aus. Im Zusammenspiel mit dem Operationsstress begünstigen Flüssigkeitsmangel, Elektrolytstörungen und Stoffwechselentgleisungen sowie bestimmte Medikamente das Auftreten des Delirs.
Um dauerhaften Einschränkungen der kognitiven Fähigkeiten vorzubeugen, gilt es, das postoperative Delir möglichst schnell und zuverlässig zu erkennen und zu behandeln. Mit Hilfe eines einfachen Tests lässt sich bereits kurz nach dem Erwachen aus einer Narkose der geistige Zustand des Patienten beurteilen und das Risiko einer Bewusstseinsstörung abschätzen. Dazu werden mit Hilfe einfacher Fragen die Orientierung des Patienten zu Zeit, Ort und Person überprüft. Außerdem wird beurteilt, ob sich der Betroffene angemessen zu Ort und Person verhält und ob eine einfache, aber sinnvolle Kommunikation möglich ist. Zusätzlich wird getestet, ob Halluzinationen bestehen.
Ist der Test positiv, bekommen die Patienten Medikamente, sogenannte Neuroleptika: Sie greifen in den Dopamin-Stoffwechsel des Gehirns ein, der durch die Operation durcheinandergeraten ist und die Wahnvorstellungen und Halluzinationen auslöst. Auch das Risiko einer Demenz soll so verringert werden. Zur Vorbeugung eines Delirs sollten Patienten ausreichend Flüssigkeit trinken. Laut neuen Leitlinien sind bis zu zwei Stunden vor der Operation Wasser, klare Fruchtsäfte, Kaffee und Tee erlaubt. Nach der Operation sollte Patienten erlaubt sein zu trinken, sobald sie Durst haben. Wichtig ist auch die richtige Narkosetiefe - nicht zu tief, nicht zu flach.
Univ.-Prof. Dr. Claudia Spies
Leiterin Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin der Charité - Universitätsmedizin Berlin, Campus Virchow Klinikum
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin
Campus Charité Mitte
Charitéplatz 1
10117 Berlin
E-Mail: claudia.spies(at)charite.de
Dr. Maren Schmidt
Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin der Charité - Universitätsmedizin Berlin, Campus Virchow Klinikum
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin
Dr. Alawi Lütz
Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin der Charité - Universitätsmedizin Berlin, Campus Virchow Klinikum
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin
E-Mail: alawi.luetz(at)charite.de
Autorin des Fernsehbeitrags:
Kerstin Michaelis