Sendedatum: 06.08.2017 19:30 Uhr

Zeitreise: Geschichte der verstecken Nolde-Bilder

Gerade erst war es auf Schloss Gottorf zu sehen: "Tropensonne", eines von Emil Noldes Südsee-Gemälden. Es zeigt den Sonnenuntergang über der Insel Nusalik in der Südsee. Hätte er es zu Beginn des Zweiten Weltkrieges nicht in Sicherheit gebracht, wäre es in Noldes Mannheimer Galerie in einer Bombennacht im Dezember 1940 verbrannt.
Gut 40 Jahre später kommt ans Licht: Der Landwirt Franz Breckwoldt hat die "Tropensonne" und 90 weitere Bilder Noldes vor Zerstörung durch die Nationalsozialisten versteckt. Und zwar in einem Schuppen auf dem Gelände seines Hofes in Seestermühe.

Recherche im Stadtarchiv Elmshorn

Der Historiker Rainer Adomat war mit Franz Breckwoldt befreundet. Er wusste immer von den versteckten Bildern. Aber Genaueres war nicht bekannt, und er hatte große Sorge, dass Hof und Schuppen irgendwann abgerissen werden. Bevor das passieren würde, wollte er noch mal sehen, wo die Bilder eingelagert waren.
Es folgte eine akribische Suche nach der Geschichte hinter der Geschichte. Zum Beispiel im Stadtarchiv Elmshorn. Hier fand Rainer Adomat heraus, dass der Elmshorner Gymnasiallehrer Alfred Heuer bei der Rettungsaktion eine entscheidende Rolle gespielt hat. Als leidenschaftlicher Kunstliebhaber schrieb er über Kunst. Er hatte Kontakt zu zahlreichen namhaften Künstlern der Zeit. Auch zu Nolde nahm er in den 1920er Jahren Kontakt auf, weil er einen Artikel über seine Kunst schreiben wollte. Über die Jahre entstand eine enge Freundschaft.

Nolde-Kunst in Seestermühe gerettet

Von 1937 an galt Noldes Werk als entartet. Seine Kunst war unter den Nationalsozialisten verboten. Auch in dieser Zeit hatten Nolde und Heuer regen Briefkontakt. Nolde kam ab und zu zu Besuch nach Elmshorn. Diese Freundschaft war entscheidend für das spätere Versteck.
Emil Nolde schreibt neun Tage nach Kriegsausbruch an seinen Freund, ob sich dieser um die Unterbringung der Werke aus Mannheim kümmern, "möglichst in Elmshorn ein Zimmer mieten" könne.
Doch Elmshorn galt als kriegsgefährdet und war damit nicht sicher genug. Weil Heuer das voraussah, fiel seine Wahl auf Seestermühe, auf den Hof von Franz Breckwoldt, einer seiner ehemaligen Schüler. Der zögert nicht, Alfred Heuer zu helfen. Gemeinsam überlegten sie, wo die Kisten mit den Bildern am besten gelagert werden können. Breckwoldt entschied sich für seinen Schuppen, den er erst 1936 gebaut hatte.

Gutes Versteck bei Landwirt Breckwoldt

Fast 70 Jahre später trifft sich der Historiker Adomat mit Zeitzeugen, auf die er im Laufe seiner Recherchen gestoßen ist. Es ist die jüngste Tochter Franz Breckwoldts, Ina Kühnelt, und der damalige Nachbarsjunge Otto Schinkel. Sie wollen ihm zeigen, wo 1939 bis 1949 die 14 Kisten mit 91 Bildern gestanden haben. Für alle drei wird das eine Reise in die Vergangenheit. Ina Kühnelt, damals ein kleines Mädchen, erzählt, wie sie sich gerne bei den Kisten versteckt hat. Sie erinnert sich: "Und ich hab mich immer wieder gefragt, was da wohl drin ist. Holz, solide und gut gebaut und das blieb lange Zeit ein Geheimnis für mich."

Zehn Jahre lang standen die Kisten hier. Franz Breckwoldt schwieg und keiner hat es bemerkt. Bis Emil Nolde im September 1949 kam, um die Bilder abzuholen.
Otto Schinkel, der damals als Junge dabei war, erinnert sich, wie Nolde, leicht hinkend und zur Seite gebeugt mit Hut auf dem Kopf, mit Franz Breckwoldt über den Hof zum Schuppen ging. Und dass die große Schwester von Ina Kühnelt erst am nächsten Tag erzählt hatte, wer sich hinter diesem geheimnisvollen Mann verbarg.
Was die Kinder damals nicht wussten: Emil Nolde hatte die ganzen Jahre monatlich 100 Reichsmark für die Lagerung bezahlt.
Zum Dank schenkte er den Breckwoldts ein Bild und bestätigte auch öffentlich, "dass er [Breckwoldt], nachdem die Verfolgung meiner Kunst 1937 mit der Beschlagnahme von Bildern einsetzte, einen wesentlichen Teil meines Lebenswerkes bis jetzt in treuer Obhut bewahrt hat und sie vor dem Untergang rettete." Er sei ihm "zu großem Dank verpflichtet".

Nolde-Recherche wird fortgesetzt

Für Ina Kühnelt ist das eine schöne Erinnerung. Und für Rainer Adomat ist dieses Treffen der vorläufige Höhepunkt einer langen Recherche. Der Historiker will weiterforschen. Noch hat er nicht alle Dokumente ausgewertet. Sicher ist: In Thüringen ist ein Teil von Emil Noldes Werk im Krieg verbrannt. Hier in Seestermühe waren 91 Bilder sicher. Und nur deswegen kann man es sich zum Beispiel die "Tropensonne" noch anschauen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 06.08.2017 | 19:30 Uhr

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