Stand: 07.05.2012 18:38 Uhr  | Archiv

Das ungeplante Megaprojekt

von Nils Naber & Ingo Thöne, Innenpolitik NDR Fernsehen

Fast genau vor einem Jahr hat die Bundesregierung entschieden: Bis 2022 sollen alle Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet sein. Und nicht nur das, langfristig soll ein Großteil unseres Stroms aus erneuerbaren Energien wie Sonne, Wind und Biogasanlagen kommen. Doch die "Energiewende" ist ein Megaprojekt, das Milliarden kostet und alle Beteiligten vor riesige Herausforderungen stellt.

Hinter den Kulissen

Woher soll die ganze Windkraft kommen?

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Selbst der Betreiber sieht den Zeitplan skeptisch: Ein Schwimmkran im Offshore-Windpark "alpha ventus" in der Nordsee.

Der Ausbau der Offshore-Windkraft kommt nicht richtig voran. Dabei sollen doch schon in acht Jahren rund 2.000 Windräder in der Deutschen Bucht stehen. Heute drehen sich gerade mal 30 Rotoren in der deutschen Nordsee. Selbst die Windparkbetreiber glauben nicht mehr so recht an die Ziele der Regierung. Claus Burkhardt vom Windpark alpha ventus erzählt, um die Ziele noch zu erreichen, müsse es beim Ausbau "sehr, sehr sportlich" zugehen. Auch der Ausbau der Leitungen kommt nicht voran und verzögert die Projekte zusätzlich.

Doch nicht nur auf See stockt der Netzausbau, auch an Land fehlen die Kabel, um den Ökostrom abzutransportieren. Manchmal ist jetzt schon zu viel davon vorhanden, dann drohen Netzüberlastungen und Leitungsausfälle. In den Netzleitstellen, wie beispielsweise bei EWE in Oldenburg, versuchen die Mitarbeiter diese Schwierigkeiten im Auge zu behalten. Doch mehrfach sei man schon knapp am Blackout gewesen, erzählt der Netzleitstellen-Chef, Heinz-Jürgen Hövel. Auch er fordert einen schnell Leitungsausbau.

Wohin mit all dem Strom?

Dringend notwendig sind auch Stromspeicher. Sie können uns dann mit Strom versorgen, wenn Wind- und Sonnenstrom nicht zur Verfügung steht. Wenn zu viel Strom im Netz ist, kann zum Beispiel in sogenannten Pumpspeicherkraftwerken Wasser in hoch gelegene Becken gepumpt werden. Bei Strombedarf wird das Wasser abgelassen und treibt Turbinen an. Doch in Deutschland können Pumpspeicherkraftwerke nur an wenigen Stellen gebaut werden. Aber wenn wir keine Speicher haben, woher soll der Strom dann kommen, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint?

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Gigantische Investitionen in neue Kraftwerke wären nötig, werden aber gescheut.

Dann müssen wohl doch wieder die alten fossilen Kraftwerke ran. Kohle- und vor allem Gaskraftwerke werden deshalb dringend gebraucht. Aber momentan plant fast kein Investor einen weiteren Neubau. Der Grund: Die Investitionsanreize fehlen, weil immer mehr Wind- und Sonnenstrom im Netz ist und die konventionellen Kraftwerke deshalb abgeschaltet werden müssen. Die Kraftwerke laufen immer seltener, Milliarden-Investitionen lohnen sich nicht mehr.

Comeback der Kernkraft?

Sven Becker, Geschäftsführer des Kraftwerksbetreibers Trianel, zieht daraus seine ganz persönlichen Konsequenzen: Früher oder später würden wieder "die Diskussionen darüber starten, dass wir die Laufzeiten der Kernkraftwerke doch noch mal verlängern müssten, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten".

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Fordert endlich ein professionelles Management für die Energiewende: Klaus Töpfer, ehemaliger Bundesumweltminister.

Kommen am Ende doch noch mal die Atomkraftwerke zurück, weil die Bundesregierung das Projekt nicht ordentlich anpackt? Diese Gefahr sieht auch der ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer. Er meint: Wenn wir jetzt nicht die richtigen Weichen stellen, dann "werden wir sicherlich sehr schnell konkret sehen, dass in zehn Jahren diese Energiewende nicht erfolgen kann, dass wir die alten Strukturen noch länger fahren werden." Töpfer kritisiert: "Wir kommen nicht systematisch genug voran, wir haben keinen Masterplan der Umsetzung."

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