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Zeugnis einer Zwangsheirat

Dienstag, 03. Juni 2014, 21:15 bis 21:45 Uhr

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Es ist 1.30 Uhr, als eine Ärztin Hanife K. für tot erklärt. In einer kleinen Dachgeschosswohnung liegt die Leiche einer Frau. An der Dusche ist ein Halstuch als Schlinge verknotet. Ein Küchenstuhl steht davor. Im Polizeibericht heißt es: "Todesursache: Suizid durch Erhängen". Es ist das tragische Ende einer Leidensgeschichte, die sich mitten unter uns abgespielt hat.

Hanife K., geboren in der Türkei, wurde nach Deutschland verheiratet, als sie 19 war - mit einem Mann, den sie nie wollte, der sie offenbar jahrelang schlug und misshandelte und den sie dennoch nie richtig verlassen konnte. Bis vor einem Jahr, am 3. Mai 2013. Die zweifache Mutter Hanife nimmt sich das Leben. Sie wird nur 40 Jahre alt. Es ist ein Tod, der vielleicht vermeidbar gewesen wäre. Denn viele kannten das Leid von Hanife K.: Familie, Freunde, deutsche Behörden.

Chronik
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Chronik einer Zwangsheirat

Auch nach der Scheidung von ihrem gewalttätigen Ehemann findet Hanife K. nicht zur Ruhe. Im Mai 2013 nimmt sie sich das Leben - nach einer langen Leidensgeschichte. mehr

"Sie hätte nicht sterben dürfen"

Wenige Wochen nach Ihrem Tod hören wir zum ersten Mal von Hanife - durch einen Anruf ihrer Schwester Kamile. Sie engagiert sich für türkische Frauen, die unter Gewalt in der Familie leiden, meist unter ihren Ehemännern. Seit Jahren versucht sie, diesen Frauen eine Stimme zu geben, sie dazu zu bewegen, sich zu wehren, ihre Männer zu verlassen. Denn allzu oft schweigen die betroffenen Frauen, um die Familienehre nach außen zu wahren. Dieses Mal geht es um Kamiles eigene Familie. Ihre Schwester Hanife.

Sie hätte nicht sterben dürfen, sagt sie unter Tränen. Kamile kauert auf ihrem Sofa, die grauen Strähnen in ihren schwarzen Haaren leuchten. Sie möchte die Geschichte von Hanife erzählen und holt einen Stapel Papier aus ihrer Schreibtischschublade. Es ist Hanifes Vermächtnis: Auf 42-eng beschriebenen Din A 4 Seiten berichtet sie von den Folgen ihrer Zwangsheirat: von Alpträumen, Angst und Gewalt. Sie hat alles aufgeschrieben, zusammen mit Kamile und ihrem Mann Ingo. Es ist ein seltenes Dokument, und es gibt Aufschluss, warum diese Tragödie ihren Lauf nehmen konnte.

Zwangsheirat mit 19 Jahren

Hanifes Geschichte beginnt 1992: Sie kommt aus einem kleinen Dorf in der Südtürkei nach Mannheim - zu Besuch, denkt sie. Ihre Schwester Kamile, die bereits in Deutschland lebt, ist zum ersten Mal Mutter und braucht Hilfe im Haushalt, sagen die Eltern. Doch das war anscheinend nur ein Vorwand. Bald darauf wird die erst 19-Jährige in Deutschland verheiratet, mit Bülent, einem entfernten Verwandten aus der Familie. Hanife sieht ihn zwei Tage vor der Hochzeit zum ersten Mal. Ihre Eltern haben alles arrangiert.

In Deutschland soll es ihr besser gehen, versprechen sie. Der ausgewählte Ehemann würde als Teil der Familie immer gut auf sie aufpassen. Doch es kommt anders: "Gleich nach der Hochzeit fing es mit der Gewalt an", schreibt Hanife in ihren Aufzeichnungen, "weil ihm meine Kleidung nicht anständig genug schien, schlug er mich. Er boxte mich ins Gesicht, dass meine Lippen bluteten. Ich bemühte mich, mich so zu kleiden, dass meine Kleidung ihn nicht mehr aufregt. Ich wusste nicht mehr, wie ich mich benehmen sollte.“

Gefangen in der Ehehölle

Die Ehe gleicht offenbar einem Gefängnis. Ohne die Zustimmung ihres Mannes dürfe sie nicht einmal vor die Tür gehen, schreibt Hanife. Hanife versucht immer wieder zu fliehen, zu Verwandten, ins Frauenhaus, sie geht sogar zur Polizei und erstattet Anzeige. Doch sie kehrt nach jedem Fluchtversuch auch wieder zurück zu ihrem Mann. Ihre Anzeigen zieht Hanife jedes Mal wieder zurück. Es gibt keine Beweise, keinen Kläger. Die Ermittlungen werden eingestellt.

Oft sind es die Verwandten, die Hanife zum Bleiben überreden. In ihren Aufzeichnungen schreibt sie: "Wenn ich seine Familie anrief und ihnen erzählte, was er mir angetan hatte, dann sagten sie: 'Weißt du, er liebt dich so sehr, er ist eifersüchtig. Wenn er so in Eifersucht gerät, dann gib’ ihm keine Antwort. Vielleicht hat er dich geschlagen, weil du zu viel gesagt hast. Wir werden mit Bülent sprechen, er soll dich jetzt in Ruhe lassen. Du musst auch aushalten können, und du musst die Sache runterschrauben.'"

Auch ihre eigenen Geschwister können am Ende nicht helfen, obwohl Hanife regelmäßig zu ihrem Bruder Mete und ihrer Schwester Kamile flieht. Sie sagt heute: "Wir alle, meine Familie, ich, die Familie ihres Ehemannes, die Gesellschaft. Wir haben die Hanife getötet."

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Im Frauenhaus kennt man diese Geschichten. Auch hierher flüchtet Hanife, wenn es zu Hause besonders schlimm wird. Oft sei es der Familiendruck, der auf vielen Frauen, lastet, erkärt Liliane Helbling vom Städtischen Frauenhaus Stuttgart: "Kinder werden als Druckmittel eingesetzt und die Frau denkt ja, ich gehe wieder zurück und versucht auch dem Bild der guten Frau zu entsprechen."

Jede vierte Frau in Deutschland ist schon einmal Opfer von Gewalt ihres Ehemannes geworden, hat eine Studie des Bundesfamilienministeriums herausgefunden. Anzeigen gibt es selten. Es ist kein rein türkisches Problem. Doch in traditionellen Familienstrukturen ist eine Scheidung besonders verpönt und würde Schande über die Familie bringen.

Ein kleines Dorf in Ostanatolien

Harunusagi in der Nähe von Malatya, ein kleines Dorf, das verloren in der kargen Landschaft der Osttürkei liegt. Hier ist Hanife aufgewachsen. Ein steiniger Weg führt bergauf zu einem rosa angestrichenen Haus, in dem ihre Eltern leben. Hanifes Vater ist 72 Jahre alt, ein ehemaliger Lehrer. Als er vom Tod seiner Tochter erfährt, holzt er alle Aprikosenbäume in seinem Vorgarten ab. Hanifes Mutter war ihr Leben lang Hausfrau. Auch der Vater von Hanife schlug seine Frau - "weil er mich liebt“, sagt Hanifes Mutter.

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Sie hätten ein besseres Leben für Ihre Kinder gewollt, sagen sie. Deutschland klang wie das Paradies für sie. Alle aus dem Dorf seien neidisch auf ihn gewesen, sagt der Vater, weil er seine Kinder nach Deutschland verheiratet hat. Er war ein angesehener Mann. Lange war er stolz auf seine Entscheidung. Heute hadern die Eltern damit. Nie wieder würde er seine Kinder verheiraten, sagt der Vater heute. Gleichzeitig ist er wütend, Hanife habe viel Leid über die Familie gebracht. Sie hätte ihren Mann verlassen sollen, sagt die Mutter. Ob es ein Fehler von ihnen war, Hanife wegzugeben? Es fällt ihnen schwer, das einzugestehen.

Hanife gibt sich selbst die Schuld

Es ist die Tradition. Sie ist tief eingebrannt in ihre Herzen. Auch Hanife konnte nicht dagegen an. "Wer seinen Ehemann verlässt, ist eine Hure", schrieb sie. Sie hat immer versucht, der Tradition zu entsprechen. Bis zum Schluss. Als sie erfährt, dass Bülent eine Geliebte hat, kann sie es nicht mehr ertragen. Und sie gibt sich sogar selbst die Schuld. In ihrem Abschiedsbrief schreibt sie: "Hanife, die Null, die zu nichts taugt. Sie kam als Null, sie ging als Null." Von Hanifes Ex-Mann heißt es, er bereue und habe ein Anti-Gewalttraining gemacht. Beide Söhne leben heute bei ihm. Mit uns sprechen wollte er leider nicht.

Autor/in
Esra Özer
Birgit Wärnke
Redaktion
Lutz Ackermann
Dietmar Schiffermüller
Produktionsleiter/in
Rainer Merl