Stand: 15.03.2016 13:00 Uhr

Sicherheitslücken bei Vereinsschiffen

von Daniel Krull & Alexandra Ringling

Windstärke sechs, in Böen acht. Vor der Küste Islands kämpft sich der Zweimaster "Falado von Rhodos" durch die Wellen. An Bord sind fünf Erwachsene und sieben Kinder einer deutschen Pfadfindergruppe. Plötzlich dringt Wasser ins Schiff - und es wird immer mehr. Über mehrere Stunden kämpft die Besatzung vergebens. Buchstäblich in letzter Sekunde holen Isländische Seenotretter die zwölf Besatzungsmitglieder von Bord. Dann sinkt die "Falado".

Kurz vor dem Untergang: Das marode Segelschiff "Falado von Rhodos" vor der isländischen Küste. © NDR

Mangelnde Sicherheit bei Vereinsschiffen

Panorama 3 -

2013 sinkt vor der isländischen Küste das Pfadfinderschiff "Falado". Später zeigt sich, dass das Schiff völlig marode war. Dennoch ging der Trägerverein auf große Fahrt.

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Untergang mit Ansage

Erst nach dem Untergang wird der Besatzung und den Ermittlern der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) klar: Das Unglück hätte vermieden werden können. Der Trägerverein des Schiffes, der "Falado von Rhodos e.V.", wurde schon vor dem Auslaufen des Zweimasters von der Kappelner "Yacht- und Bootswerft Stapelfeldt" gewarnt, dass das Schiff nicht mehr seetüchtig ist.

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Jo Vierbaum warnte vor der Seeuntüchtigkeit der "Falado".

In dem Schreiben heißt es: "Die Konstruktion sowie deren Zustand ist, vor allem in Hinblick auf geplante Reisen, erschreckend. Das Schiff ist zurzeit absolut nicht seetauglich." Doch die Vereinsführung ignorierte die Warnungen und vercharterte die "Falado" weiterhin an Jugendgruppen. Der Vereinsvorsitzende höchstpersönlich war Kapitän auf der Unglücksfahrt. Auch heute noch ist er sich keiner Schuld bewusst: Er sei die "Falado" schließlich über Jahre bei teils sehr schwerer See gesegelt und da sehe man eben manches anders, sagt er gegenüber Panorama 3.

Leichtsinn über Jahrzehnte

Nach der Auswertung von Fotos und Filmmaterial aus drei Jahrzehnten wird deutlich, dass der Verein offenbar zu oft maßgebliche und sicherheitsrelevante Reparaturen selbst durchgeführt hat. So zum Beispiel das Kalfatern, das Abdichten der Außenhaut des Schiffes. Solche Arbeiten werden nach Auskunft des zuständigen BSU-Ermittlers Jürgen Albers sonst nur von ausgesprochenen Spezialisten in Werften erledigt. Albers vermutet deshalb auch, die Falado könnte gesunken sein, weil durch Leckagen in der Außenhaut zu viel Wasser eindrang. Der Verein entgegnet auf Anfrage, das Kalfatern sei unter Anleitung und Mitwirkung fachkundiger Vereinsmitglieder und Bootsbauer erfolgt. Man habe die Erfahrung gemacht, dass auch die Spezialisten der Werften oft nur laienhafte Arbeit ablieferten.

Gesetzeslücke mit Folgen

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Ein Bild aus besseren Tagen: Die "Falado" 2009 im dänischen Hafen Søby.

Der schlechte Zustand des Schiffes wäre allerdings aufgefallen, hätte sich der Traditionssegler regelmäßigen behördlichen Untersuchungen, ähnlich des TÜV, unterziehen müssen. Einen solchen TÜV für Schiffe führt in Deutschland unter anderem die Berufsgenossenschaft Verkehr durch. Ab einer bestimmten Länge müssen sich alle Schiffe, die gewerblich genutzt werden, diesem TÜV unterziehen. Damit also auch jene Schiffe, die an Reisegruppen verchartert werden.

Allerdings nutzte der Trägerverein eine Gesetzeslücke, um die teuren Kontrollen zu umgehen: Er vercharterte das Schiff nicht gegen eine Gebühr an die Pfadfindergruppen, denn dies wäre eine gewerbliche Nutzung gewesen. Stattdessen mussten alle Teilnehmer an Bord Vereinsmitglieder werden und für die Turns einen so genannten Selbstkostenbeitrag leisten. Somit galt die "Falado" als Vereinsschiff, das keiner gesetzlichen Untersuchungspflicht unterlag. Ein Missstand, den sowohl die BSU als auch die BG Verkehr seit Jahren anprangern, und der im Fall der "Falado von Rhodos" beinahe fatale Folgen gehabt hätte.

Gesetzentwurf angeblich in Arbeit

Abstellen könnte den nur der Gesetzgeber auf Vorschlag des zuständigen Bundesverkehrsministeriums. Auf Anfrage von Panorama 3 teilt uns das Ministerium mit, man arbeite bereits an einem Gesetzentwurf, der die Lücke schließt. Wann damit zu rechnen sei, lässt das Ministerium jedoch offen.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 15.03.2016 | 21:15 Uhr