Stand: 19.09.2016 18:00 Uhr  | Archiv

Risiko: Mittelschicht ohne Krankenversicherung

von Anne Ruprecht

Die "Praxis ohne Grenzen" in Bad Segeberg ist eine Anlaufstelle für Menschen in Not. Hier behandelt der 78-jährige Arzt Dr. Uwe Denker abwechselnd mit fünf Kollegen Menschen ohne Krankenversicherung. Jeden Mittwochnachmittag. Kostenlos. Als er vor sechs Jahren damit anfing, dachte er, es würden Obdachlose kommen.

Der Arzt Uwe Denker © NDR Fotograf: NDR

Risiko: Mittelschicht ohne Krankenversicherung

Panorama 3 -

Noch immer gibt es Menschen in Deutschland, die nicht krankenversichert sind. Viele von ihnen sind Mittelständler - kleine Selbständige, die ihre Beiträge nicht mehr zahlen konnten.

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Viele Selbstständige können Beiträge nicht mehr bezahlen

Praxis ohne Grenzen

Vor sechs Jahren gestartet, bietet der Verein mittlerweile an acht Standorten in Schleswig-Holstein eine Sprechstunde für unversicherte Patienten an. Seit 2014 gibt es auch eine "Praxis ohne Grenzen" in Hamburg. Der Verein finanziert sich aus Spenden. Ärzte und Arzthelferinnen arbeiten ehrenamtlich.

Doch dann kamen Patienten, die er nicht erwartet hatte: "kleine" Selbstständige und Mittelständler, die jahrzehntelang ihre Versicherungsbeiträge bezahlt hatten und sie dann aber, als ihre Geschäfte schlecht liefen, plötzlich nicht mehr zahlen konnten. Die Folge: Die Krankenversicherung kündigte ihnen.

 

"Lebensgefährlich und lebensverkürzend"

"Nicht krankenversichert zu sein ist lebensgefährlich und lebensverkürzend", sagt Denker. Nicht krankenversichert - eigentlich sollte es das in Deutschland gar nicht mehr geben. Denn 2007 hat die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt die Pflichtversicherung für alle eingeführt und allen eine Rückkehr in den Versicherungsschutz versprochen.

Krankenkassen verlangen zwölf Prozent Zinsen

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Wer nach vielen Jahren zurück in die Krankenkasse will, muss alle Beiträge nachzahlen - plus zwölf Prozent Zinsen.

Doch viele haben dennoch nicht zurückgefunden in die Krankenversicherung. Denn die Hürden sind für viele noch immer zu hoch. Das Problem sind die mit der Rückkehr anfallenden Beitragsschulden, also unbezahlte Versicherungsbeiträge. Außerdem fallen zudem zwölf Prozent Zinsen pro Jahr an, wenn man sich bei einer Krankenkasse zurückmeldet - so will es der Gesetzgeber.

Wie viele Unversicherte es in Deutschland heute noch gibt, ist unklar. Vor fünf Jahren wurden offiziell 135.000 gezählt. Experten gehen davon aus, dass es heute mindestens drei- bis viermal so viele Betroffene sind - die Dunkelziffer ist hoch.

Patienten kommen, wenn es zu spät ist

Immer wieder erlebt Dr. Uwe Denker, dass unversicherte Patienten aus Angst vor den Kosten erst zu ihm kommen, wenn es fast zu spät ist. Wenn der Krebs bereits gestreut hat, wenn wegen einer Diabeteserkrankung die Amputation droht.

Gerade weil Unversicherte jahrelang nicht zum Arzt gehen, landen sie häufig in den Notaufnahmen der Krankenhäuser - und verursachen hohe Kosten, auf denen die Kliniken oft sitzen bleiben. Im Friederikenstift Hannover zum Beispiel müssen rund 1.700 Unversicherte im Jahr teuer stationär behandelt werden. Für das Krankenhaus ist es ein immens hoher bürokratischer Aufwand, die Behandlungskosten zum Beispiel vom Sozialamt wiederzubekommen. Zwei Vollzeitkräfte sind allein damit beschäftigt.

Und trotzdem: Das Krankenhaus bleibt am Ende auf einer halben Million Euro im Jahr sitzen. Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem fordert eine politische Lösung: einen Erlass der Beitragsschulden für die Unversicherten. Um damit auch wirklich alle zu erreichen, müsse man aber erst einmal erfassen, wer überhaupt unversichert ist. Denn keine Behörde weiß das derzeit.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 27.09.2016 | 21:15 Uhr