Sendedatum: 13.06.2017 21:15 Uhr

Ladehemmung: Praxistest mit dem Elektro-Auto

von Kaveh Kooroshy

Eine Testfahrt mit dem Elektro-Auto kann schwieriger werden, als es sich anhört. Wir fahren mit dem Elektro-Auto vom Harz bis an die Ostsee - tatsächlich gestaltet sich der 300 Kilometer Ausflug zum Badestrand komplizierter, als zu Beginn angenommen.

Als allererstes stellt sich die Frage nach dem richtigen Auto. Dabei ist die Auswahl weniger groß als gedacht. Zwar gibt es inzwischen auch von deutschen Herstellern eine ganze Reihe an Modellen zu kaufen, aber mieten lassen sich nur wenige. Am Ende wird es die einfache Lösung: der NDR-eigene Firmenwagen, ein BMW i3. Für den Test werden wir möglichst auf den eingebauten Range Extender - ein benzinbetriebener Stromgenerator, der für den Elektroantrieb Strom erzeugt, wenn die Batterie alle ist - verzichten.

Auf einem blauen Schild wird ein Pfeil und eine Batterie mit Stecker angezeigt. © Imago/ CHROMEORANGE Fotograf: Imago/ CHROMEORANGE

Ladehemmung: Praxistest mit dem Elektro-Auto

Panorama 3 -

Funktioniert die E-Mobilität in Deutschland? Panorama 3 hat sich mit dem Elektro-Auto auf eine Testreise begeben und ist dabei auf unerwartet viele Schwierigkeiten gestoßen.

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Wetter, Radio, Klimanlage

Nun kann es losgehen, könnte man meinen. Allerdings ist eine Fahrt ins Blaue nur etwas für Risikofreudige, mit viel Zeit. Alle anderen müssen unbedingt vorab prüfen, wo das Auto geladen werden soll. Denn je nach Fahrweise hat der BMW i3 (ohne besagten Range Extender) rund 180 Kilometer Reichweite. Und dabei spielt auch eine Rolle, wie das Wetter gerade ist (denn bei kalten Temperaturen sinkt die Leistung der Batterie deutlich) und welche anderen Verbraucher, etwa Radio oder die Klimaanlage, eingeschaltet sind.

Mangelhafte Infrastruktur zum Aufladen der Batterie

Entscheidender Faktor für die Reichweite ist aber die Fahrtgeschwindigkeit. Im schonendsten Fahrstil kann der BMW i3 so eingestellt werden, dass sich damit nicht schneller als 90 km/h fahren lässt - nichts gegen Verbrenner-Motoren, die häufig mit der doppelten Geschwindigkeit auf der Autobahn unterwegs sind. Für den Versuch, ohne Erfahrungswerte, macht diese Einschränkung einige Schwierigkeiten: wie viele Ladestopps sollen eingeplant werden? Und wie lange muss geladen werden.

Und damit kommt man zum derzeit wohl größten Problem der Elektromobilität: Die Ladeinfrastruktur. Denn Ladesäulen gibt es noch lange nicht so viele, wie Tankstellen. Man muss also die Routenplanung genau vorab planen. Wer etwa von Hamburg nach Hannover möchte, stellt fest, dass es entlang der A7 zwischen Seevetal und Mellendorf bei Hannover eng wird. Gerade mal zwei Ladestationen zeigt die Karte direkt an der A7 an: eine in Soltau und eine in Bispingen. Es gibt noch weitere, etwa in Bad Fallingbostel, aber direkt an der A 7 sucht man vergebens.

Öffnungszeiten der Ladesäule überprüfen

Wer eine günstig gelegene Ladestation gefunden hat, muss dann noch prüfen, wie schnell überhaupt geladen werden kann. Denn die Ladepunkte sind für verschiedene Auto-Modelle ausgelegt und Ladezeiten können zwischen wenigen Minuten und neun Stunden variieren. Aber damit nicht genug. Der Elektro-Autofahrer muss auch noch, um die Ladung bezahlen zu können, die richtige Karte dabei haben. Denn die Ladung kann nicht in Bar oder EC-Karte, sondern muss mit einer vorher beantragten und registrierten Karte für die entsprechende Ladesäule bezahlt werden. Zu guter Letzt sollten noch schnell die Öffnungszeiten der Ladesäule geprüft werden, damit man nicht zur falschen Uhrzeit eintrifft.

Ladesystem ausbaubar

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Die Ladezeiten an der Zapfsäule für Elektro-Autos variieren stark.

Bislang bleibt der Flickenteppich an Lade- und Bezahlsystemen oder gar die gänzliche Abwesenheit von Lademöglichkeiten das größte Hemmnis für eine lange Elektro-Auto-Reise. Auch bei unserer machen die Ladepunkte Schwierigkeiten: einmal müssen wir im strömenden Regen fast zwei Stunden warten und sind dennoch nicht vollgeladen. Ein anderes Mal ist die Schnelllade-Funktion kaputt und wir müssen zu einer anderen Station ausweichen. Doch dann sind wir bei der zweiten Schnellladestation schon nach 40 Minuten komplett aufgeladen - ein Tankstellenstopp mit Rast wäre kaum kürzer. Das zeigt: die Technik ist da und könnte mit entsprechender Infrastruktur genutzt werden.

Wir sind jedenfalls nach rund fünf Stunden Fahrtzeit und rund drei Stunden Ladezeit gut am Timmendorfer Strand angekommen. Gegen einen Benziner, der im günstigen Fall die Strecke in drei Stunden schaffen kann, sind acht Stunden ganz schön lang. Allerdings lassen sich diese Fahrzeiten auch optimieren. Beispielsweise können langsam Fahrende weitere Strecken zurücklegen und so vielleicht eine Schnellladestation erreichen, die die Ladezeit entsprechend verkürzt.

Privatinitiative will Lademöglichkeit verbessern

Mit diversen Programmen möchte die Bundesregierung die Reichweite der Autos und die Lademöglichkeiten verbessern. Um den Missstand abzuschaffen, gibt es inzwischen Initiativen, die Spenden sammeln, um eigene Ladestationen am Privatgrundstück anzuschaffen. Die etwa 1.000 Euro teure private Ladestation findet sich auch beispielsweise entlang der A 7 in Bad Fallingbostel und ist 24 Stunden rund um die Uhr offen. Bezahlt wird auf Spendenbasis: entweder per PayPal oder in Bar am Briefkasten.

Ladezeiten und Geschwindigkeit treten allerdings auch in den Hintergrund, wenn andere Faktoren entsprechend berücksichtigt werden. Die leisen E-Motoren würden so manche Lärmschutzwand und Doppelverglasung überflüssig machen und haben vor allem keine Schadstoffemissionen in den Innenstädten. Dafür könnte dann auch auf ein Stück Bequemlichkeit verzichtet werden. Und eines darf man nicht vergessen: Eine Fahrt an die See gehört für die wenigsten zum Alltag. Auf kurzen, überschaubaren Strecken bis 150 Kilometer täglich, beim Pendeln beispielsweise, kann das Elektro-Auto durchaus mithalten.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 13.06.2017 | 21:15 Uhr