Stand: 17.04.2017 21:34 Uhr

Krebsklinik wirbt mit Toten

von Peter Hornung, NDR Info, und Djamila Benkhelouf, Panorama 3

Rolf Dietrich K. wurde an einem Freitag im Juni 2014 zu Grabe getragen - auf dem Friedhof seiner Heimatstadt Bargteheide in Schleswig-Holstein. Mit 69 Jahren war der pensionierte Betriebswirt nach langer Krebserkrankung gestorben.

Ärzteteam bei einer RCT Operation.

Krebsklinik wirbt mit Toten

Panorama 3 -

Die sogenannte Regionale Chemotherapie ist höchst umstritten. Das Privatklinikum Medias bietet diese Krebstherapie an und wirbt dafür mit bereits verstorbenen Patienten.

4 bei 8 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Mitte November 2016 aber schien K. plötzlich wieder lebendig. "Seltener Gesichtskrebs: RCT rettete mein Leben" war seither über ihn auf der Facebook-Seite des Medias-Klinikums im oberbayerischen Burghausen zu lesen.

Werbung mit bereits verstorbenem Patient

Bild vergrößern
Dr. Karl Reinhard Aigner wird von Experten für seine Krebstherapie kritisiert.

RCT- das steht für "Regionale Chemotherapie". Dabei werden Zellgifte direkt in den Tumor gespritzt. In der Privatklinik des Chirurgen Karl Reinhard Aigner war K. tatsächlich längere Zeit damit behandelt worden - zunächst mit Erfolg.

Doch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war K. eben schon gut zwei Jahre tot. "Ein Unglücksfall", dass mit diesem Text noch geworben werde, sagt Professor Aigner. Doch nach Recherchen des NDR, der "Süddeutschen Zeitung" und der norwegischen Tageszeitung "Aftenposten" war dies kein Einzelfall.

Die Klinik wirbt seit Jahren mit Berichten von vermeintlich geheilten Krebspatienten, die längst an ihrer Krankheit gestorben sind. Die Briefträgerin Michaela K., der Autohausbesitzer Karl J., der Musiker Martin H. oder die Erzieherin Jeanette U. (Name geändert): Alle soll der Professor mit seiner speziellen Therapie "geheilt", "gerettet" oder "vom Krebs befreit" haben, so heißt es in Medienberichten, die die Privatklinik für ihre Werbung nutzt.

Erkaufte Berichterstattung

Bild vergrößern
Die Privatklinik von Karl Reinhard Aigner wirbt mit Toten für die umstrittene Krebstherapie.

Diese scheinbar redaktionellen Texte erschienen in Frauenzeitschriften und Boulevard-Zeitungen. Autorin ist häufig die frühere "Bild"-Reporterin Linda Amon. Sie sei "freie Journalistin", behauptet Klinikchef Aigner zunächst, um dann Tage später einzuräumen, dass sie "ein monatliches Pauschalhonorar für die Darstellung der Klinik nach außen" bekommt.

Die Reportagen über die angeblich vom Krebs befreiten Patienten sind nicht mehr als bezahlte Schleichwerbung für eine fragwürdige Therapie. Denn Aigners Regionale Chemotherapie wird von renommierten Krebsspezialisten sehr kritisch gesehen.

Das an der Grenze zu Österreich hoch über der Salzach gelegene Krankenhaus zieht zwar jährlich Hunderte Krebskranke vor allem aus Deutschland, Norwegen, Russland und Kanada an. Schulmediziner sehen jedoch in Aigners Methode eine experimentelle Behandlung, die, wenn überhaupt, nur für einen relativ kleinen Kreis von Patienten geeignet ist.

Wirkung wissenschaftlich nicht nachweisbar

Doch die Privatklinik macht fast allen Hoffnungslosen Hoffnung. Sie wirbt mit emotionalen Videos und behauptet, bei Schwerkranken mit verschiedensten Krebsformen große Erfolge zu erzielen: "90 Prozent der ankommenden Patienten gelten als austherapiert", heißt es in einem Video: "Professor Aigner und sein Team können bei 80 Prozent von ihnen die Tumoren verkleinern, das Leben der Patienten zum Teil für Jahre verlängern."

Die Onkologin Jutta Hübner ist eine von vielen, die solche Aussagen stark anzweifeln. "Die Patienten, die er auswählt, die Situationen, in denen er das anwendet, entsprechen nicht den wissenschaftlichen Erkenntnissen", so die Jenaer Professorin. Aigner legt zwar Zahlen vor, doch es sind seine eigenen.

Joachim Odenbach von der Deutschen Krankenhausgesellschaft DKG

"(...) §137 SGB V regelt die Bewertung neuer medizinischer Leistungen im Verfahren des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), an dem der DKG mitwirkt. Sofern der G-BA Ausschlussentscheidungen für medizinische Leistungen trifft, gilt dies für alle von den Landesbörden zugelassenen Häuser. Im Falle der hier benannten Klinik handelt es sich aber nicht um ein zugelassenes Krankenhaus. Grundlage für die Errichtung einer solchen Einrichtung ist § 30 Gewerbeordnung und die Approbation als Arzt. Die RCT (Regionale Chemotherapie) war bis dato unseres Wissens nicht Gegenstand der Beratungen im G-BA und wurde auch nicht von den Krankenkassen zur Beratung aufgerufen. (...)
Welche Leistungen in einer Einrichtung nach § 30 Gewerbeordnung durchgeführt werden, wird in Verträgen zwischen der Einrichtung und dem dort behandelten Patienten vereinbart. Durch diese rechtliche Situation entzieht sich das Haus der Kontrolle durch die Gesetzliche Krankenversicherung oder den Medizinischen Dienst der Krankenkassen. (...)"

Gutachten wirft Aigner Behandlungsfehler vor

Bild vergrößern
Über einen Katheter werden die Krebstherapeutika in hoher Dosis direkt zum Tumor geleitet.

Dr. Friedrich Theiss, Krebsspezialist des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen in München, bemängelt, dass der Chirurg trotz jahrzehntelanger Tätigkeit nie eine überzeugende Studie veröffentlicht habe. Deshalb bezahlten auch die gesetzlichen Krankenkassen die "Regionale Chemotherapie", für die Patienten manchmal 100.000 Euro und mehr zahlen müssen, meist nicht, so die leitende Ärztin der Barmer GEK, Dr. Ursula Marschall. Deshalb müssen sich nicht wenige Familien verschulden, damit ein Angehöriger behandelt werden kann.

Was Aigner praktiziere, sei jedoch eine "Außenseitermethode", sagt der Würzburger Medizinrechtler Dr. Burkhard Tamm. In mehreren Gutachten werden dem Professor zudem schwere Behandlungsfehler vorgeworfen. So habe er im Fall einer Brustkrebspatientin eine "völlig unzulängliche Therapie" durchgeführt.

Patienten verzichten auf wirksame Behandlungen

Genau das sei nicht selten das Problem, wenn Schwerkranke sich mit "Regionaler Chemotherapie" behandeln ließen, so die Onkologin Jutta Hübner: "Weil die Patienten dann auf Therapien, die ihnen wirklich noch helfen könnten, verzichten."

Aigner sieht das naturgemäß anders - und verweist auf einige, die nach seiner Behandlung tatsächlich schon Jahre eine schwere Krebserkrankung überlebt haben. Solche Fälle gebe es aber auch in der Schulmedizin immer wieder, entgegnen ihm seine Kritiker.

Gekaufte Berichte machen schlechten Eindruck

Die Werbung mit den Toten ist dem Burghauser Chirurgen inzwischen selbst unangenehm. Die Berichte in Frauenzeitschriften machten ohnehin "in der Fachwelt einen denkbar schlechten Eindruck", erklärt er. Er werde künftig dafür keine Interviews mehr geben. Er selbst und seine Ärzte sprächen allerdings nie von Heilung.

Wenig überzeugend: Schließlich hat Aigner seine Klinik jahrelang damit bewerben lassen. Linda Amon wollte auf Fragen der Reporter nicht antworten. Die Berichte über die toten Krebspatienten sind jedoch immer noch auf einer Klinikseite zu finden.

Weitere Informationen

Der letzte Strohhalm

20.04.2017 20:30 Uhr
NDR Info

Die Medias-Klinik im bayerischen Burghausen hat mit Heilungsgeschichten Patienten angelockt. Nun stellt sich heraus: Viele der "Geheilten" sind bereits an Krebs verstorben. mehr

07:12

Vorsicht vor dubiosen Wunderheilern

19.04.2017 09:20 Uhr
NDR Info

Wie schützen sich (Krebs-)Patienten vor den Angeboten dubioser Wunderheiler? Regina Methler spricht darüber in der NDR Info Radio-Visite mit Prof. Jutta Hübner (Uni Jena). Audio (07:12 min)

mit Video

Die Krebsmafia: Korruption bei Chemotherapie

18.02.2016 21:45 Uhr
Das Erste: Panorama

Mit Krebsmedikamenten lässt sich viel Geld verdienen - ein milliardenschwerer Markt. Mit einem neuen Gesetz soll Korruption verhindert werden. Doch das Gesetz hat Lücken. mehr

mit Video

Tod nach Stammzellentherapie: Ärztin vor Gericht

03.03.2011 21:45 Uhr
Das Erste: Panorama

Im August 2010 starb der zweijährige Riccardo nach einer umstrittenen Stammzellentherapie. Panorama hatte 2011 über den Fall berichtet. Nun steht die behandelnde Ärztin vor Gericht. mehr

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 18.04.2017 | 21:15 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/nachrichten/Krebsklinik-wirbt-mit-Toten,krebs374.html