Archiv

"Ich habe 600.000 Anrufe in Abwesenheit"

Er pflegt Kontakte zur türkischen Mafia und zu den Behörden: Abu Suhaib gilt als der größte Schleuser in der Türkei. Mehr als 2.000 Menschen hat er mit Containerschiffen in die EU gebracht. Die deutschen Behörden ermitteln gegen ihn. Er wolle nur helfen, sagt er im Interview, schließlich sei er selbst ein Flüchtling.

Die Behörden in der EU und der Türkei haben Sie schon länger im Visier. Sie gelten als einer der führenden Köpfe im Schleuser-Geschäft. Wie wird man einer der meistgesuchten Schleuser der Türkei?

Abu Suhaib: Ich bin selbst ein Flüchtling. Als Palästinenser habe ich lange in Syrien gelebt. Nachdem meine Fluchtversuche in die EU mehrfach gescheitert waren, bin ich in das Schleusergeschäft gerutscht. Seit einem Jahr schmuggel ich selbst Menschen über den Seeweg. Die Route geht meistens von Mersin aus nach Italien, erst auf kleinen Booten und dann auf großen Schiffen.

Bild vergrößern
Der Schleuser Abu Suhaib hat über 2.000 Menschen mit Containerschiffen in die EU gebracht.

Wie genau läuft Ihr Geschäft ab?

Suhaib: Ich kaufe alte Containerschiffe auf und setze sie in Stand. Ich  habe Vermittler, die uns die Flüchtlinge organisieren; da gibt es mittlerweile einen großen Markt. Für die Flüchtlinge, wir nennen Sie "Passagiere", organisieren wir dann Wohnungen oder Hotelzimmer. Hier bringen wir sie unter, um sie dann pünktlich zur Schleusung abzuholen. Das übernimmt die türkische Mafia. Ohne sie geht das Geschäft nicht. Sie schaffen die Passagiere dann in kleine Boote, fahren sie bis ins internationale Gewässer. Das ganze dauert 90 Minuten. Unsere Containerschiffe warten schon dort. Dann geht es Richtung Italien.

Und vor Italien überlassen Sie die Flüchtlinge dann ihrem Schicksal?

Suhaib: Nein. Dann nehmen wir Kontakt zur Küstenwache und zum Roten Kreuz auf. Das übernimmt der Kapitän. Er setzt einen Notruf ab, in dem er suggeriert, das Schiff würde sinken. Folglich erscheinen dann die Küstenwache und das Rote Kreuz. Das findet in der Regel 100 Seemeilen vor der italienischen Küste statt. Dann sind die Flüchtlinge gerettet.

Was zahlen die Flüchtlinge für die Überfahrt?

Suhaib: Die Preise ändern sich dauernd. Im letzten Winter waren die Preise niedrig. Sie sind bis auf 4.500 – 5.000 US$ gesunken, aber im Sommer kostet die Überfahrt bis zu 6.000 US$.

Das ist sehr viel. Wie reagieren Sie auf den Vorwurf, dass Sie mit dem Schicksal von Menschen in Not Geld verdienen?

Suhaib: Es gibt einen Grund, warum die Menschen fliehen. Die ganze Welt weiß Bescheid, was sich in Syrien abspielt. Einige meiner Passagiere zahlen nichts: Behinderte, Verletzte, Bedürftige. All diese Leute schmuggeln wir umsonst. Deshalb sind unsere Gewinnbeträge sehr, sehr gering. Gerade ausreichend, um zu essen, zu trinken und zu leben. Und die Flüchtlinge wissen unsere Hilfe zu schätzen.

Fühlen Sie sich in irgendeiner Art verantwortlich für die Sicherheit ihrer "Passagiere"?

Suhaib: Natürlich. Wenn wir ein Schiff kaufen wird es von unseren Tauchern und Experten untersucht. Wir schicken einen Schiffbauingenieur, der den Schiffsmotor überprüft. Wir legen Teppiche aus und stellen Essensvorräte und Trinkwasser bereit. Wir verteilen an alle Flüchtlinge Rettungswesten, für den Fall, dass sie keine haben. Wir lagern eine Menge davon auf dem Schiff. Dazu kommen die Rettungsboote. Und wir bemühen uns, unsere Schiffe immer nahe der europäischen Strände fahren zu lassen. Für den Fall, dass - Gott bewahre - irgendetwas Schlimmes passiert. Die Menschen vertrauen mir deshalb, ich habe über 600.000 Anrufe in Abwesenheit auf meinem Handy - alles Menschen, die von mir in die EU geschleust werden wollen. 

Bild vergrößern
Auch Rami hat bei Abu Suhaib seine Schleusung "gebucht".

Schon länger sind aus Mersin aber keine Containerschiffe mehr nach Italien aufgebrochen. Machen Ihnen die türkischen Behörden jetzt doch mehr Schwierigkeiten als früher?

Suhaib: Es ist sehr schwierig, vor allem auf Grund des Drucks, den die EU auf die türkische Regierung ausübt. Nach den Ereignissen in Paris haben viele Angst, dass radikale IS-Kämpfer nach Europa kommen könnten. Seitdem kontrollieren sowohl die türkische Luftwaffe als auch die Seestreitkräfte das Meer ununterbrochen. Wir haben es oft versucht, aber viele meiner Partner wurden dabei erwischt.

Die EU berät seit Monaten über einen neuen, einen besseren Umgang mit Flüchtlingen. Im Gespräch sind immer wieder legale Möglichkeiten in die EU zu reisen. Das wäre das Ende für ihr Geschäft, oder?

Suhaib: Wenn man diesen Flüchtlingen einen anderen Weg bieten könnte, einen, der sicherer ist als über das Meer, dann wäre das gut. Besser wäre eine legale Einreise für alle. Noch besser wäre es, wenn die EU politischen Druck auf das Assad-Regime ausüben würde, so dass die Menschen in Syrien bleiben könnten. Letztlich bin ich bloß ein Vermittler und würde dann Geld verlieren.

Nicht nur das, Sie würden dann Ihren Job verlieren…

Suhaib: Ich hätte damit kein Problem.

Das Interview führte Nino Seidel

Mehr zum Projekt

Flucht aus Syrien: Ramis fünfmonatige Odyssee

Rami kommt aus Syrien. Als er Ende 2014 den Einberufungsbefehl erhält, fürchtet er den sicheren Tod und beschließt zu fliehen. Wir haben ihn bei seiner Flucht begleitet. mehr