Sendedatum: 28.10.2014 21:15 Uhr  | Archiv

Ignorierte Gefahr: Gift in Wärmedämmung

von Güven Purtul & Jenny Witte

Brandgefahr, Algen, Schimmel und Bauschäden - Wärmedämmung kann einige Probleme nach sich ziehen. Doch selbst wenn all das ausbleibt, taucht ein Problem früher oder später mit Sicherheit auf: die Entsorgung der Dämmplatten, die zumeist aus Polystyrol bestehen. Bei einem Wärmedämmverbundsystem kleben die Dämmplatten direkt auf den Außenwänden und erhalten einen Schutz aus verschiedenen Putzschichten und einem Armierungsgewebe aus Kunststoff. Jede Menge Plastikmüll, der bisher als ganz normaler Bauabfall entsorgt wird, obwohl er verschiedene Gifte enthält.

Wärmedämmung

Ignorierte Gefahr: Gift in Wärmedämmung

Panorama 3 -

Dämmplatten aus Polystyrol enthalten giftige Brandschutzmittel, gelten aber trotzdem nicht als Sondermüll. Bislang ist völlig unklar, wie das Material künftig entsorgt wird.

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Sondermüll an den Fassaden

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Laut Bert Bielefeld sind die Dämmplatten Sondermüll, der in einigen Jahren wieder von den Fassaden abgerissen werden muss.

Bundesweit sind bereits über 800 Millionen Quadratmeter der Platten an Hauswände geklebt worden und es werden immer mehr. "Derzeit bauen wir circa 40 Millionen Quadratmeter Wärmedämmverbundsystem pro Jahr in Deutschland ein", sagt Architektur-Professor Bert Bielefeld von der Universität Siegen. "Und irgendwann, wenn die nächste Generation diese Häuser sanieren muss, haben wir hier ein großes volkswirtschaftliches Problem, weil wir den Sondermüll wieder von den Fassaden herunterbekommen müssen."

Der Abriss der Wärmedämmung ist extrem aufwändig, wie sich bei einem Hamburger Neubauprojekt zeigt, bei dem die Dämmplatten abgerissen werden müssen, bevor der erste Bewohner einziehen kann. 10.000 Quadratmeter waren unsachgemäß verklebt worden. Etwa ein Jahr dauert der Abriss.

Gefährliches Flammschutzmittel

Der sorglose Umgang mit den Styroporplatten deutet nicht darauf hin, doch sie enthalten einen weltweit geächteten Stoff: In jedem Kilo stecken circa sieben Gramm des Flammschutzmittels Hexabromcyclododecan (HBCD). Es soll im Brandfall verhindern, dass sich ein Feuer an der Fassade schnell ausbreitet.

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Der Abriss von Wärmedämmung ist eine staubige und gefährliche Angelegenheit.

Doch HBCD gilt als "besonders besorgniserregend": Es reichert sich in der Natur und in Organismen an und steht im Verdacht, die Fortpflanzung zu schädigen. Deshalb haben die Vereinten Nationen ein weltweites HBCD-Verbot beschlossen. Noch aber ist es in den meisten Dämmplatten aus Styropor enthalten. Auch in denen, die an der Baustelle in Hamburg entsorgt werden. Die Arbeiter vor Ort erhalten jedoch keine Informationen über das enthaltene Gift. Auf den Platten findet sich auch kein Hinweis darauf. Erstaunlicherweise gelten die ausgedienten Platten bisher nicht als gefährlicher Abfall, sprich Sondermüll, wie Magnus-Sebastian Kutz von der Hamburger Umweltbehörde bestätigt. Der Sprecher verweist auf fehlende gesetzliche Vorgaben seitens der EU und der Bundesregierung.

Verbleib kaum nachvollziehbar

Eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums schreibt auf Anfrage: "Als organische Stoffe werden Dämmplatten in Deutschland - aufgrund der Anforderungen des Deponierechts - ausschließlich nach einer thermischen Vorbehandlung entsorgt, die zu einer vollständigen Zerstörung des HBCD geführt hat." Daher komme es zu "keinem Gesundheits- und Umweltrisiko".

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Der Weg der Dämmplatten in die Müllverbrennungsanlage scheint die Ausnahme zu sein.

Dabei ist keineswegs sicher, dass die Platten im Ofen landen, denn ihr Verbleib ist kaum nachvollziehbar. Da sie nicht als Sondermüll eingestuft sind, entfällt ein aufwändiges Nachweis- und Dokumentationsverfahren. Nur damit ließe sich jederzeit nachvollziehen, wo der Müll landet. Der Weg in die Müllverbrennungsanlage (MVA) scheint jedenfalls die Ausnahme zu sein, wie Recherchen bei mehreren Anlagen ergeben. "Diese Stofffraktion kommt in unseren Anlagen nicht an", bestätigt auch Andreas Aumüller von der Firma Energy from Waste (EEW), Deutschlands größtem Betreiber von MVA.

Enorm hohe Entsorgungskosten

Offenbar ist die Verbrennung der Platten in Müllverbrennungsanlagen problematisch. Da sie vor allem aus Erdöl bestehen, entwickeln sie extrem viel Hitze. Deshalb können sie nur in kleinen Mengen untergemischt werden. Entsprechend hoch sind hier die Entsorgungskosten. Wohl auch deshalb landen die ausgedienten Platten nur selten dort. Unklar ist, wo das Gros der Platten letztlich entsorgt wird.

Ein Teil gelangt offenbar als Ersatzbrennstoff in Industriekraftwerke, deren Rauchgasreinigung jedoch häufig schlechter ist als die von MVA. Und offenbar landet ein Teil des Dämmstoffmülls auch auf illegalen Entsorgungswegen: Auf einer Deponie in Niedersachsen fanden wir zahlreiche Styroporplatten, obwohl die dort nach Deponierecht niemals abgelagert werden dürften. Doch die Müllentsorgung auf Deponien ist deutlich günstiger als in MVA.

Einstufung als Sondermüll

Erst eine Einstufung der belasteten Dämmplatten als Sondermüll könnte sicher stellen, dass die Platten ordnungsgemäß in dafür vorgesehen Anlagen verbrannt würden. Allerdings würde sich die Entsorgung dadurch massiv verteuern. Kosten, die Hausbesitzer zu tragen hätten. Womöglich ein Grund, weshalb die Politik das heiße Eisen nicht anfassen möchte. Denn schon jetzt ist die Wärmedämmung in Verruf geraten. Würde sie als Sondermüll eingestuft, wäre sie wohl noch schwerer verkäuflich.

Bert Bielefeld vermutet hinter der Untätigkeit der Politik denn auch System: "Hinsichtlich der Einstufung von Sondermüll können Sie mal in die Historie gucken. Es ist leider das System, dass immer erst dann die Sondermülleinstufung vorgenommen wird, wenn es wirtschaftlich auch verträglich ist. Das Problem sieht man auch im Bereich von Asbest, PCB und anderen Schadstoffen, die wir in den 70er- und 80er- Jahren massiv eingebaut haben und heute auch verdammen."

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 28.10.2014 | 21:15 Uhr