Stand: 20.05.2015 17:28 Uhr

"Da wo wir hin wollen, könnte Leben sein"

Vor einigen Wochen war Panorama 3 Reporter Nino Seidel in Mersin. Die türkische Stadt ist bekannt als Drehkreuz für Flüchtlinge aus Syrien, die nach Europa wollen. Seidel sprach vor Ort mit Schleusern - und Familien, die die Flucht wagen, trotz aller Gefahren.

Panorama 3: Herr Seidel, wie sind Sie vorgegangen, um die Flüchtlinge zu finden?

Nino Seidel: Das war nicht so schwierig, Mersin ist voll von syrischen Flüchtlingen. Ihre Zahl wird auf etwa 120.000 geschätzt. Es gibt dort kleine Dörfer, die fast nur von syrischen Flüchtlingen bewohnt werden, die auf ihre Schleusung warten. Wenn man durch die Straßen geht, findet man unzählige Protagonisten, die alle die gleiche Geschichte haben: Flucht vor Krieg und Gewalt.

Panorama 3: Warum gerade in der türkischen Stadt Mersin?

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Panorama 3 Reporter Nino Seidel hat in der türkischen Stadt Mersin Flüchtlinge getroffen, die auf ihre Schleusung warten.

Seidel: Mersin ist eine große Hafenstadt, eine wohlhabende Stadt, gut gelegen für Schleusungen, weil es zur syrischen Grenze nur rund 250 Kilometer sind. Es gibt einen großen Hafen, die Küste ist verwinkelt und unübersichtlich. Und die Stadt ist groß genug, um dort unterzutauchen - das gilt sowohl für Schleuser als auch für Flüchtlinge.

Panorama 3: Ist es für die Flüchtlinge nicht auch gefährlich, mit Ihnen zu sprechen?

Seidel: Die Flüchtlinge wissen - wie ich auch - dass es für sie nicht ungefährlich ist, offen mit uns zu sprechen. Aber viele hatten das Bedürfnis, ihre Geschichte nach außen zu tragen - stellvertretend für ganz viele Flüchtlinge. Sie erhoffen sich damit vielleicht in Deutschland oder woanders bessere Chancen. Denn wenn ihre Geschichte veröffentlicht ist, sind sie nicht mehr anonym, nur einer von vielen, sie haben ein Gesicht.

Aber es ist auch immer Angst dabei, weil sie sich mit Kriminellen einlassen, mit Schleusern, in einer Stadt, in der sie niemanden kennen. Da musste man Vertrauen gewinnen und es waren lange Gespräche nötig, bis die Familien sich bereit erklärten, ihre Geschichten zu erzählen. Vor allem, weil es schlimme Geschichten sind, die von Vertreibung, Gewalt und Krieg handeln und es nicht einfach ist, darüber zu sprechen. Beim Drehen war die Familie, die ich mit der Kamera begleitet habe, ganz unsicher, ob sie überhaupt gedreht werden wollen. Darum ließen sie sich nur zu Hause, also im geschlossenen Raum drehen, nicht auf der Straße.

Panorama 3: Was hat diese Familie erlebt?

Seidel: Es ist eine Familie mit drei kleinen Kindern im Alter von eins bis drei, die vor über einem halben Jahr aus Kobane in Syrien vertrieben wurde - damals fand die große Vertreibung in diesem Gebiet durch den IS statt. Die Familie hatte dort ein gutes Leben, das waren mittelständische Geschäftsleute mit zwei Läden, aber sie mussten das alles aufgeben, weil sie, wie sie sagen, Angst hatten in diesem Krieg zu verbrennen. Ich fürchte, das war wörtlich gemeint: Die Angst im Krieg zu verbrennen war so groß, dass sie Mitte letzten Jahres beschlossen zu fliehen. Und seit vier Monaten sitzen sie nun in der Türkei in Mersin fest und warten jeden Tag auf ihre Schleusung. Sie haben dafür viel Geld bezahlt, ihr Haus, ihr Auto verkauft, nur so konnten sie die knapp 15.000 Euro, die der Schleuser haben wollte, bezahlen.

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Panorama 3: Wie geht es der Familie zurzeit?

Seidel: Sie sitzt immer noch in Mersin fest, wie ganz viele andere auch, weil der Fluchtweg mittlerweile durch die türkischen Sicherheitsbehörden relativ dicht gemacht wurde. Vorher war Mersin DIE Stadt, von der aus geschleust und geschmuggelt wurde und Menschen mit dem Schiff nach Europa fliehen konnten. Dafür war sie richtig berühmt. Und lange Zeit hat es die türkischen Behörden auch nicht richtig interessiert. Aber momentan scheint man es den Schleusern dort schwerer zu machen. Deshalb sitzen viele Familien dort bereits seit Monaten fest.

Panorama 3: Wie werden sie damit fertig?

Seidel: Es ist wie ein Dauer-Standby, so haben sie das genannt: sie werden von den Schleusern immer wieder vertröstet: "Morgen ist es so weit", "in zehn Tagen", "gerade ist es schlecht, aber vielleicht nächste Woche". Also ein Dauerzustand der unerfüllten Hoffnung. Es geht immer wieder von vorne los: Man macht sich immer wieder bereit, packt die Sachen, die ohnehin schon gepackt sind, nochmal um, packt sie wieder ein und wieder aus. Für einige geht das seit sechs Monaten so, sechs Montage Dauer-Standby sozusagen.

Panorama 3: Wie gehen die Flüchtlinge dort mit den aktuellen Nachrichten um, wissen sie davon?

Seidel: Natürlich sehen sie Nachrichten, auch die von den mehr als 700 Toten vom Sonntag. Dann fragt man sich natürlich: warum macht ihr das? Habt ihr keine Angst? Dann sagen die: "Wir haben große Angst, wir wissen auch, dass Menschen über Bord geworfen werden, wir kennen die ganzen Geschichten. Es ist nicht so, dass wir nicht wüssten, was auf uns wartet, wir sind nicht naiv. Doch wenn wir nach Hause gehen, sterben wir auf jeden Fall, aber wenn wir diesen Schritt wagen, besteht die Chance, dass wir überleben - und das ist so viel wert, dass wir diese Reise riskieren."

Es gibt Stimmen, die argumentieren, dass man abschreckender agieren sollte: Wenn man weniger Flüchtlinge retten würde, würden weniger die Reise wagen. Doch da lachen die Flüchtlinge laut auf und sagen: "Das ist Quatsch, wir lassen uns durch nichts abschrecken. Denn da wo wir herkommen, ist der Tod und da wo wir hin wollen, könnte Leben sein, und deshalb riskieren wir das auf jeden Fall."

Das Interview führte Marika Gantz.

 

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version gaben wir an, dass Mersin etwa 120 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt liegt. Es sind jedoch rund 250 Kilometer. Wir bitten das zu entschuldigen.

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Panorama 3 | 09.06.2015 | 21:15 Uhr