Menschen und Schlagzeilen
Susanne Stichler präsentiert die Menschen hinter den gesellschaftspolitischen Themen der Woche, zeigt dramatische Schicksale und außergewöhnliche Erlebnisse.
Wiederholung der Sendung
02.06.2012 01:30 Uhr
Umweltverbände - die setzen sich ein für den Naturschutz, kämpfen gegen Verschmutzung und Zerstörung, treten ein für das Gute! Und im Notfall klagen sie sogar. Niemals würden sie gegen Geld ihren Protest zurückziehen. Oder?
Wenn Geld fließt, ziehen Umweltverbände häufig ihre Klagen gegen umweltschädliche Großprojekte zurück. Bleibt der Naturschutzgedanke so auf der Strecke?
"Menschen und Schlagzeilen" hat recherchiert und Erstaunliches zutage gefördert: Fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit schließen Umweltverbände offenbar immer öfter Vergleiche mit Unternehmen, die Großprojekte planen. Die Firmen zahlen Geld in eine Stiftung. Und die Verbände? Verzichten auf eine Klage. Ein Geschäftsprinzip, das hervorragend funktioniert und immer öfter Anwendung findet: zum Beispiel beim Bau der Ostseepipeline, die russisches Gas durch die Ostsee nach Deutschland transportieren soll. Oder beim gigantischen Off-Shore-Windpark "Nordergründe", der im Wattenmeer vor Wangerooge geplant ist. Oder beim Ausbau des Lübecker Flughafens.
Die Mitglieder der Schutzgemeinschaft gegen Fluglärm protestieren bislang vergeblich gegen den Ausbau des Lübecker Flughafens. Auch von Umweltverbänden haben sie offenbar keine Hilfe zu erwarten.
Brigitte Dowideit wollte den Ausbau des Flughafens damals unbedingt verhindern. Allerdings kam es ganz anders: Es gab Verhandlungen mit dem Betreiber und sie nahm daran teil. Auf Seiten der Naturschützer. Was sie dort erlebte, kann sie immer noch nicht fassen. "Dass es um Geld gehen würde, darauf bin ich am Anfang überhaupt gar nicht gekommen. Ich sehe es wirklich so, als hätten wir Naturschutzaspekte und auch unser Klagerecht verkauft."
Heraus kam folgender "Deal": Unter anderem zahlt der Flughafenbetreiber 2,5 Millionen Euro in die Stiftung "Grönauer Heide". Auch dafür verzichten BUND und NABU auf eine Klage gegen den Ausbau. Naturzerstörung gegen Geld. So etwas ist ganz legal. Der NABU feiert es als echten Erfolg und frohlockt: "Ein hervorragendes Ergebnis für den Naturschutz".
Für Sie könnten die riesigen Windparks eine ernste Bedrohung sein: Vogelschwärme, die über Nord- und Ostsee ziehen.
Auch im Fall des Windparks Nordergründe vor Wangerooge reichte der BUND mit Unterstützung anderer Verbände zunächst eine Klage ein. Der Windpark bedrohe ein nahe gelegenes Vogelschutzgebiet. Doch dann einigt man sich - gegen eine geplante Zahlung von mehr als 810 000 Euro. Das Geld erhält die BUND-nahe "Stiftung Naturlandschaft", woraufhin der BUND die Klage zurückzieht.
"Kuhhandel" - so nennen das aktive Naturschützer wie Manfred Knake und Reiner Schopf, die sich seit Jahrzehnten für den Vogelschutz in der Nordsee einsetzen. "Es geht ums Geld und es geht darum, dass man mit großen Firmen und der Politik im stillen Kämmerlein kungelt", kritisiert Manfred Knake. Und Reiner Schopf, der 30 Jahre lang Vogelwart auf der Insel Memmert war, meint: "Dieser Ablasshandel - so muss man ihn ja nennen - geht immer auf Kosten der Natur. Nicht die Wirtschaft fährt zurück - die macht nur ein paar Zugeständnisse."
Rohrverlegung für die Ostsee-Pipeline: Vielerorts muss die Natur weichen, damit die Pipeline entstehen kann.
Bei der Ostseepipeline dasselbe Prinzip: die Firma Nord Stream gründet die "Naturschutzstiftung Deutsche Ostsee" und zahlt. Zehn Millionen Euro fließen in die Stiftung, in der die Umweltverbände den Vorstandsvorsitz übernehmen. Dafür verzichten sie auf Klagen gegen das gigantische Projekt. Die Naturschutzverbände argumentieren: Mit den Millionen aus der Industrie könne man die Natur an anderer Stelle fördern, mit Hilfe der Stiftungen.
Ob damit die Naturzerstörungen in den drei von "Menschen und Schlagzeilen" genannten Fällen an anderer Stelle wieder ausgleichen werden, muss sich erst noch zeigen. Nord Stream lobt die Zusammenarbeit mit den Naturschutzverbänden, die "verantwortungsvoll" agieren würden, "fast so wie ein Industrieunternehmen". Der Lübecker Flughafen und der Windparkbetreiber wollten sich zu den Fragen von "Menschen und Schlagzeilen" nicht äußern.