Menschen und Schlagzeilen
Susanne Stichler präsentiert die Menschen hinter den gesellschaftspolitischen Themen der Woche, zeigt dramatische Schicksale und außergewöhnliche Erlebnisse.
Wiederholung der Sendung
02.06.2012 01:30 Uhr
Eine kleine Kneipe im hippen Hamburger Karolinenviertel am Dienstagabend. Nicht nur Studenten sitzen hier heute beim Bier, um Pläne zu schmieden, wie sie ihrer Wut auf die Finanzbranche Ausdruck verleihen können. Sondern auch ganz normale Bürger: darunter ein Lehrer, ein Prokurist und ein IT-Spezialist.
Es begann mit ein paar Demonstranten an der New Yorker Wall Street, deren Demos gegen die Banken zunächst belächelt wurden. Nun regt sich auch in Deutschland Protest.
Sie alle sind gekommen, um ihren Zorn in Protest zu verwandeln. Nach dem Vorbild aus New York - dort, wo Bürger seit Wochen gegen die Banken demonstrieren und unter dem Schlachtruf "Occupy Wall Street" ihre Kritik lautstark zum Ausdruck bringen. "Als ich gesehen habe, in Amerika gehen wirklich Tausende auf die Straße, da wusste ich plötzlich, dass ich keine Einzelperson bin! Es kann doch einfach nicht sein, dass Leute an Wohlstand gelangen auf Kosten anderer", empört sich ein junger Mann beim Treffen von "Occupy Hamburg", gegenüber den Reportern von "Menschen und Schlagzeilen". "Es läuft grundsätzlich etwas schief und zwar nicht nur in unserem Land, sondern weltweit."
Wieder ist in Europa die Rede von Rettungspaketen, wieder gibt es Krisentreffen, wieder sollen die Banken Geld bekommen. Die Finanzkrise geht in die nächste Runde, und was viele Bürger dabei empört: Erneut sollen sie es richten! Bereits vor drei Jahren haben sie als Steuerzahler Milliarden in die Finanzbranche gepumpt. Sonst - so hieß es damals und so heißt es heute wieder - drohe ein Zusammenbruch der Banken und damit im schlimmsten Fall ein Zusammenbruch des gesamten Wirtschaftssystems.
Sieht eine erneute Bankenrettung sehr kritisch: Der Wirtschafts- und Finanzwissenschaftler Prof. Udo Reifner.
Diese Argumentation diene lediglich der "Erpressung des Staates", sagt der Wirtschaftsexperte Udo Reifner. Es heiße, dass die Banken "systemrelevant" seien und man sie deshalb stützen müsse. Doch die Kreditinstitute müssten endlich für ihre eigenen Fehler geradestehen. Das bedeute auch, dass man sie unter Umständen Konkurs gehen lasse. "Systemrelevant werden die Banken in dem Augenblick, in dem wir ständig Geld reinpumpen. Denn dann droht eine Wirtschaftskrise", so der Professor vom Institut für Finanzdienstleistungen e.V. in Hamburg gegenüber "Menschen und Schlagzeilen", der in der Sendung auch auf Fragen von Bürgern zur Finanzkrise eingeht.
Die Mitglieder der "Occupy"-Gruppe in Hamburg blicken jetzt voller Spannung auf den kommenden Samstag. Denn am 15. Oktober soll es in ganz Deutschland Demonstrationen geben - als Zeichen des Protests gegen die Macht der Finanzbranche. Auch Menschen im Norden machen mit: so werden etwa in Braunschweig, Hamburg und Lübeck wütende Bürger auf der Straße erwartet.