Sendedatum: 21.09.2017 18:00 Uhr

"Ich werde niemals vergessen" - Baristans Neubeginn

von Lara Straatmann

Baristan und ihre beiden Töchter sind vor zwei Monaten in Hamburg angekommen. Zwei Jahre Flucht liegen hinter ihnen, nun leben sie in der Erstaufnahme der Malteser in Rahlstedt. "Als ich Syrien verlassen habe war ich 26, jetzt fühle ich mich wie 126 Jahre alt", sagt die junge Mutter.

Im Gefängnis laufen und sprechen gelernt

Baristans kleine Tochter war neun Monate alt, als sie auf ihrer Flucht in ein Gefängnis in Bulgarien gesperrt wurden. "Im Gefängnis hat sie angefangen zu laufen und zu sprechen. Das erste Wort, das sie gesagt hat war Sport. Denn einmal am Tag durften wir aus der Zelle und auf dem Hof frische Luft holen. Die Wärter haben dann 'Sport' gerufen, und dieses Wort ist das erste was sie gelernt hat", sagt Baristan.

Ankommen in der Erstaufnahme der Malteser

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Baristan mit ihren beiden Töchtern in der Erstaufnahme in Rahlstedt. Das kleine Haus samt Mutter und Vater hat die kleine Asmin gebastelt. Ihr Vater ist noch in der Türkei.

Jeden Morgen bringt Baristan die beiden Kinder in die kleine Kita innerhalb der Erstaufnahme. Wie es geht zu spielen, müssen die Mädchen erst lernen. Ihr Leben bestand bisher nur aus Krieg und Flucht. "Die Kinder spüren diese Unsicherheit, nicht zu wissen wie es weitergeht, ob sie bleiben dürfen oder nicht," weiß Erzieherin Alexandra Strickmann.

Während die Kinder spielen, macht Baristan ihren Deutschkurs - die Malteser bieten ihn direkt in der Erstaufnahme an. Baristan erzählt: "Ich habe ein Diplom als Übersetzerin und würde gerne meinen Beruf wieder ausüben, wenn ich die Chance dazu bekomme."

Der Vater ist noch in der Türkei

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Glückliche Zeiten vor dem Krieg: Baristan und ihr Mann in Syrien.

Etwa 400 Geflüchtete leben in der Erstaufnahme, die von den Maltesern geleitet wird. Die Einrichtung liegt inmitten eines Gewerbegebiets. Für viele der Menschen hier ist es eine Wartestation - eine Zeit des Wartens, ohne Gewissheit über die weitere Zukunft.

Baristan hat nur wenig Kontakt zu anderen, sie hat ein Stück ihres Vertrauens in andere Menschen verloren. Auf der Flucht wurde die Familie auseinandergerissen. Der Vater der kleinen Familie ist noch immer in der Türkei, die Grenzen sind dicht. Baristans große Tochter ist fünf Jahre alt, sie spricht viel über ihren Vater. "24 Stunden am Tag fragt sie: Wann wird er kommen? Warum ist er nicht bei uns? Warum sind wir allein? Warum haben alle anderen Kinder Väter nur ich nicht?" 

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Baristans Mann und ihre Mutter vor dem Krieg. Haus und Garten sind heute komplett zerstört. Ihre Eltern ziehen von Haus zu Haus.

Asmin isst seit der Trennung von ihrem Papa nur noch wenig, früher hat er sie immer gefüttert. "Die Ärztin sagt, es wird eine Zeit dauern", erklärt Baristan, "weil sie sich an alles erinnern kann, an alles was wir durchgemacht haben in Syrien und Bulgarien."

"Wir verstehen einander"

Ihre einzige Bekannte in der Erstaufnahme ist Rohlat. Die Syrerin wohnt auch hier und ist die Friseurin für die Frauen in der Erstaufnahme. Zu ihr hat Baristan Vertrauen gefasst. Auch Rohlat war im Gefängnis in Bulgarien, seitdem hat ihre Tochter aufgehört zu sprechen. Baristan meint; "wir sind in der gleiche Situation, sie hat auch Bulgarien durchleben müssen, wie ich, wir können einander verstehen."

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal 18.00 | 21.09.2017 | 18:00 Uhr