Stand: 19.05.2017 12:46 Uhr

Hallo Niedersachsen beschäftigt sich mit Armut

von Cathrine Lejeune

Das Regionalmagazin Hallo Niedersachsen beschäftigt sich bei dem "Thema der Woche" diesmal mit der Armut in Niedersachsen. Dabei geht es um die unterschiedlichsten Menschen und Gruppen, die von Armut bedroht oder betroffen sind. Und es geht auch um die, die täglich mit Armut zu tun haben. Aber was ist Armut eigentlich und vor allem, wer und wie viele Menschen in Niedersachsen gelten als arm? Unterschieden werden zwei Arten von Armut: die "absolute" und die "relative Armut". Absolute Armut bedeutet: Es gibt nicht genug Geld für Essen, Kleidung und gesundheitliche Versorgung. Grundsätzlich sollte dies in Deutschland aber durch Sozialhilfe gewährleistet sein. Relative Armut bedeutet, dass sich Betroffene nicht den durchschnittlichen Lebensstandard leisten können.

Armut in Niedersachsen

Risiko für Armut steigt

In Niedersachsen ist das Armutsrisiko in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. 16,5 Prozent der Niedersachsen sind akut von Armut bedroht. Das ist die höchste Quote seit zwölf Jahren. Der Grund dafür liegt vor allem in den großen Unterschieden bei den Einkommen. Es gibt in Niedersachsen viele Menschen, die sehr gut verdienen und gleichzeitig viele Menschen, die von Armut bedroht sind. Denn wer weniger als 60 Prozent des regionalen Durchschnittseinkommens verdient, gilt als armutsgefährdet. Bei Singles liegt die Grenze bei 942 Euro netto im Monat und bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 1.978 Euro monatlich. Demnach gelten in Niedersachsen 1,2 Millionen Menschen als arm. Das heißt, jeder Siebte kommt ohne staatliche Hilfe nicht über die Runden. Besonders betroffene Gruppen sind Erwerbslose, Alleinerziehende, Migranten, Senioren und Geringverdiener, zu denen übrigens jeder Dritte gehört.

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Altersarmut steigt

15.05.2017 19:30 Uhr

Immer mehr Menschen in Niedersachsen sind von Altersarmut betroffen. 15 Prozent der Senioren können schon heute nicht von ihrer Rente leben, zukünftig könnte es jeder Zweite sein. Video (05:58 min)

Senioren künftig häufiger betroffen

Experten schätzen, dass bei der Altersarmut bisher nur die Spitze des Eisberges erreicht wurde. In den kommenden Jahren werden Senioren die am stärksten wachsende Gruppe sein. Das hat verschiedene Gründe. Derzeit geht es den Rentnern in Deutschland so gut wie noch nie und trotzdem haben 16 Prozent von ihnen in Niedersachsen weniger als 795 Euro monatlich zur Verfügung. Von Altersarmut wird künftig aber jeder Zweite bedroht sein - besonders Frauen, Geringverdiener und Menschen, die länger als fünf Jahre erwerbslos sind. Arbeitslosigkeit und niedriges Einkommen stehen in direktem Zusammenhang mit Altersarmut, denn je länger Menschen keine Arbeit haben, desto weniger zahlen sie in die Rentenkasse ein und ihr eigener Anspruch auf Rente verringert sich.

2030 finanzieren zwei Erwerbstätige einen Rentner

Fakt ist: In 20 Jahren wird es auf einen Schlag mehr Rentner geben als heute. In den kommenden 15 bis 20 Jahren werden die sogenannten Babyboomer das Rentenalter erreichen und das ist eine sehr große Gruppe. Wo soll das Geld herkommen, um ihren Lebensstandard zu sichern? Da die jungen Menschen weniger Kinder bekommen und gleichzeitig die älteren länger leben, gibt es mehr Senioren und weniger Junge, die die Renten finanzieren. Derzeit kommen drei Erwerbstätige für einen Rentner auf. Im Jahr 2030 werden nur noch zwei Erwerbstätige einen Rentner finanzieren. Außerdem hat ein Rentner früher rund zehn Jahre lang Rente bezogen, heute sind es 20 Jahre. Die mittlere Generation soll deshalb privat vorsorgen, hat aber kein Geld dafür. Die ganz Jungen wissen, dass sie lange leben werden. Fragt sich nur: Wovon? Obwohl schon heute Renten zu einem Drittel aus dem Bundeszuschuss bezahlt werden, reicht das Geld für viele immer noch nicht. Der Staat muss noch einmal Steuergeld dazuschießen - in Form von Sozialhilfe.

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Armut in Niedersachsen erreicht Höchststand

16,5 Prozent der Niedersachsen leben in Armut, wie aus dem jüngsten Armutsbericht hervorgeht. Betroffen sind Alleinerziehende, Geringqualifizierte - aber auch Wissenschaftler. (02.03.2017) mehr

Frauen besonders gefährdet

Armut im Alter ist besonders schlimm. Denn wie soll eine 80-Jährige an zusätzliches Geld kommen? Sie wird kaum mehr etwas erben oder einen Job annehmen. Altersarmut ist brutal, weil sie chancenlos ist. Dass die Rente nur knapp zum Leben reicht, ist oft ein Frauen-Schicksal. Denn Frauen haben oft durch die Erziehung der Kinder oder auch durch geringeres Einkommen weniger in die Rentenkasse eingezahlt. Dazu kommt, dass sich viele der betroffenen Senioren keine Hilfe holen. Aus Scham und Angst, jemandem zur Last zu fallen. Und dann passiert das, was das größte Problem ist: Sie vereinsamen. Sie gehen nicht mehr nach draußen, weil das Geld kosten könnte. Monika Stadtmüller vom Seniorenbeirat in Hannover erzählt, dass viele in einer solchen Situation nicht einmal eine warme Suppe kochen, um Energiekosten zu sparen. Der Seniorenbeirat unterstützt, berät und macht sich stark für die Bedürfnisse alter Menschen. Experten wie Monika Stadtmüller gehen von einer gewaltigen Dunkelziffer bei Altersarmen aus. Erfasst werden schließlich nur die, die sich bei einem Amt melden. Oft bleibt dann nur Flaschen sammeln, Putzen oder Zeitungen austragen. Für ein paar Euro mehr. Viele, die über 70 Jahre alt sind, arbeiten, um die magere Rente aufzustocken.

Folgen wie soziale Ausgrenzung

Arm zu sein, heißt nicht immer gleich, zu hungern. Es bedeutet vor allem soziale Ausgrenzung. Das trifft besonders auf obdachlose Menschen zu. Gerade in den großen Städten nimmt das Problem der Obdachlosigkeit zu. So ist es auch in Niedersachsen. Offizielle Zahlen zur Obdachlosigkeit gibt es weder bundesweit noch für unser Bundesland. Es gibt lediglich Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Demnach leben in Niedersachsen etwa 3.000 Menschen ohne jede Unterkunft auf der Straße. Rund 80 Prozent von ihnen sind Männer und 20 Prozent Frauen. Seit rund 15 Jahren steigt die Zahl der Obdachlosen in Niedersachsen jährlich um etwa zehn Prozent. Das liegt laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe vor allem daran, dass bezahlbarer Wohnraum immer knapper wird. Neben wirtschaftlichen Notlagen führen in der Regel einschneidende Erlebnisse in die Obdachlosigkeit. Dazu zählen schwere Krankheiten, ein plötzlicher Arbeitsplatzverlust oder die Trennung vom Lebenspartner. Dabei haben etwa 40 Prozent der obdachlosen Frauen und 50 Prozent der Männer eine abgeschlossene Berufsausbildung. Doch ohne eine feste Meldeadresse ist der Zugang zum Arbeitsmarkt schwer.

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Kinderarmut: Wilhelmshaven führt Statistik an

In Deutschland wächst laut einer Studie die Zahl der Kinder, die in Armut leben. In Niedersachsen ist Wilhelmshaven trauriger Rekordhalter. Hier sind 31 Prozent aller Kinder arm. (12.09.2016) mehr

Arme Kinder haben heute mehr Chancen

Alleinerziehende und deren Kinder sind besonders oft von Armut bedroht oder betroffen. Ihnen fehlt das zweite Einkommen. Gerade Mütter von kleinen Kindern können weniger arbeiten, auch deshalb, weil es sehr schwierig ist, eine geeignete Betreuung zu organisieren. Ein weiterer großer Faktor ist, dass viel zu oft kein Unterhalt gezahlt wird. In Niedersachsen gelten 192.000 Kinder als arm. Das sind 14,6 Prozent aller Kinder im Land. Die Mehrheit davon ist jünger als sechs Jahre. Die Hälfte der betroffenen Kinder wächst bei einem alleinerziehenden Elternteil auf. Meist sind es Mütter, die im Monat weniger als 1.225 Euro im Haushalt zur Verfügung haben. Häufig trifft Armut aber auch Kinder, die in Familien mit zwei oder mehr Geschwistern groß werden. Kinderarmut bedeutet aber nicht nur, weniger Geld für Lebensmittel oder Kleidung zur Verfügung zu haben, sondern oft auch die Ausgrenzung bei Bildung, Kultur und Sport, weil die Teilhabe nicht finanziert werden kann. Und damit sinken die Chancen zur Teilhabe an unserer Gesellschaft. Aber im Gegensatz zu früher haben Kinder heute eine größere Chance, aus der Armut herauszukommen. Durch kostenlose Angebote oder durch gezielte städtische Förderungen, finanziert durch staatliche Mittel, auf die sozial schwache Familien Anspruch haben. 

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Armut: Arbeitslosenzahlen schöngerechnet?

18.05.2017 19:30 Uhr

Viele Menschen, die eigentlich arbeitslos sind, tauchen in der Arbeitslosenstatistik gar nicht auf - wenn sie zum Beispiel an einer Qualifizierungsmaßnahme teilnehmen. Video (03:08 min)

Arbeitslosenzahlen schöngerechnet?

Ein Grund für Armut kann Arbeitslosigkeit sein. Doch was wissen wir über Arbeitslosigkeit in Niedersachsen? Ziemlich viel, könnte man denken, denn jeden Monat gibt es offizielle Zahlen. Aber was sagen die eigentlich aus? Oft kommt der Vorwurf: Die Arbeitslosenstatistik ist doch schöngerechnet. Und tatsächlich: Viele Menschen tauchen dort gar nicht auf. Eine Bürokauffrau zählt beispielsweise nicht als arbeitslos, obwohl sie seit zwei Jahren keinen Job hat, wenn sie an einer sogenannten Maßnahme teilnimmt. Trotz jahrzehntelanger Erfahrung als Sekretärin soll sie noch mal Textverarbeitung für Anfänger lernen. Klingt sinnlos, ist aber gut für die Statistik. In Niedersachsen gibt es offiziell rund 246.000 Arbeitslose. Menschen in Eingliederung und Qualifizierung werden da nicht mitgezählt. Auch angehende Selbstständige mit Gründungszuschuss zählen nicht als arbeitslos. Eigentlich gibt es in Niedersachsen also 334.000 Arbeitslose. Die Statistik verschweigt aber jeden vierten Arbeitslosen und nennt ihn "unterbeschäftigt". Die Arbeitsagentur bestreitet, dass hinter den Maßnahmen die Absicht steckt, Arbeitslose aus der Statistik zu bekommen. Der Sozialverband Deutschland dagegen schätzt, dass etwa jeder fünfte Arbeitslose nur wegen der Statistik in einer Maßnahme ist.

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Armut: Letzter Ausweg Privatinsolvenz

16.05.2017 19:30 Uhr

Häuft sich der Schuldenberg immer weiter an, ist eine Privatinsolvenz oft der letzte Ausweg. Doch wer als insolvent gilt, darf sechs Jahre lang nur das Allernötigste behalten. Video (06:08 min)

Ausweg Privatinsolvenz

Mahnbescheide, laufende Kreditverträge und Rechnungen: Wächst der Schuldenberg stetig und kann nicht mehr durch das monatliche Einkommen abgebaut werden, spricht man von Überschuldung. Die letzte Möglichkeit, die Schulden wieder loszuwerden, ist die Privatinsolvenz. Wer als insolvent gilt, darf sechs Jahre lang nur das Allernötigste behalten, die restlichen Einkünfte gehen an die Gläubiger. Die Gründe für eine Privatinsolvenz sind vielfältig, die häufigsten sind jedoch Trennungen, Krankheitsfälle und Jobverlust. Und wenn Kredite nicht mehr bedient werden können, beginnt dieser Prozess schleichend, bis er einen überrollt. Niedersachsen schneidet im Vergleich 2016 schlecht ab. Im Bundesdurchschnitt kommen auf 100.000 Einwohner 123 Privatinsolvenzen, in Niedersachsen sind es 171. In allen kreisfreien Städten sind es sogar deutlich mehr Menschen, die in die Privatinsolvenz rutschen. Die Ausnahme bilden Braunschweig und Wolfsburg.

Frühzeitige Beratung kann Insolvenz verhindern

Ein Lichtblick: In den vergangenen fünf Jahren sind die Zahlen für Privatinsolvenzen insgesamt rückläufig. Mit einer Ausnahme: die Gruppe 61 plus. Hier meldeten sich 25 Prozent mehr Personen zahlungsunfähig. Was steckt dahinter? Beim Übergang vom Erwerbseinkommen in die Rente gibt es meistens einen Einkommensverlust. Trotzdem müssen ja weiterhin die Kredite und andere Verpflichtungen bedient werden, viele möchten den Lebensstandard erhalten, den sie sich erarbeitet haben. Dazu kommen die im Alter oft steigenden Kosten für die Gesundheit und mangelnde Altersvorsorge bei Selbstständigen. Häufig ist es eine schleichende Verschuldung und eine rechtzeitige Beratung könnte in vielen Fällen eine Privatinsolvenz vermeiden. Die meisten melden aber erst, wenn es schon zu spät ist.

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Armutsrisiko Pflege

09.05.2017 21:15 Uhr
Panorama 3

Über zwei Millionen Pflegebedürftige in Deutschland werden zu Hause betreut. Trotz der neuen Pflegereform droht vielen pflegenden Angehörigen ein Leben in Armut. (09.05.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 19.05.2017 | 19:30 Uhr