Christian Ehring: "Mit voller Hose ist nicht gut protestieren"

Bild vergrößern
Der Neue bei Extra 3: Christian Ehring.

Der Multifunktions-Kabarettist ist nicht nur Autor, "heute-show"-gestählter Darsteller und künstlerischer Leiter der altehrwürdigen Kabarettisten-Schmiede Düsseldorfer Kom(m)ödchen, sondern auch der neue Moderator von extra 3. Im Interview mit NDR.de spricht er über unterkomplexen Witz, Bahn-Gutfinder und Satire als intellektuelle Lockerungsübung.

Du moderierst extra 3, eine Sendung, die gerade mal vier Jahre jünger ist als du. Was erwartet uns in der Ära Ehring?

Es ist immer blöd, wenn der Altersunterschied zu groß ist. Wenn die Leute auf der Straße tuscheln: Was will der alte Sack mit so 'ner jungen Sendung. Und umgekehrt. extra 3 hat sich ja trotz der 35 Jahre sehr gut gehalten. Was ich von mir nur eingeschränkt behaupten kann. Aber insgesamt, finde ich, passen wir recht gut zueinander. extra 3 steht für hintergründige und zupackende Polit-Satire. Genau das mag ich auch. Wenn Witz und Tiefe sich verbinden. Das wird mein Anspruch bei extra 3 sein, daran sollen die Wählerinnen und Wähler mich dereinst messen. Ob es dann gleich eine Ära wird? Abwarten. 

Lacht der Norden anders als das Rheinland?

Ganz klar: Ich liebe das Rheinland, und ich mag auch die Rheinländer. Aber der rheinische Witz ist bisweilen etwas unterkomplex. Anders gesagt: Der Rheinländer mag es gern versöhnlich. Humor ist da, wenn alle Spaß haben miteinander und keiner dem anderen wehtut. Witz und Harmonie gehören im Rheinland zusammen. Sobald es verletzend wird, sind die Rheinländer enttäuscht und sagen: Das hat aber jetzt mit Frohsinn nichts mehr zu tun. Wenn man dieses Humorkonzept vergleicht mit der Morbidität des österreichischen Witzes, dem Sarkasmus des englischen oder der Selbstironie des jüdischen Witzes, muss man feststellen, dass das Rheinland in Sachen Hochkomik eher als Schwellenland zu gelten hat. Und der Norden? Dazu kann ich mich vermutlich erst in Zukunft qualifiziert äußern. Mein erster Eindruck: Man lacht hier insgesamt etwas weniger. Das kann ein Qualitätsmerkmal sein. 

Du wirst zwischen Düsseldorf, Köln-Mülheim und Hamburg pendeln - wird das die Quote der Bahnwitze erhöhen?

Oh nein. Ich bin Bahnfan. Bahnfahren ist komfortabel und umweltfreundlich. Es ist leider nicht opportun, das öffentlich zu sagen. Das Provokativste, was ich je auf einer Bühne von mir gegeben habe, war der Satz: Die Deutsche Bahn macht das doch unterm Strich alles ganz ordentlich. Ich wusste, es war riskant, aber als Satiriker sucht man ja manchmal die größtmögliche Provokation. Was soll ich sagen: Der Abend war gelaufen. Beim Fliegen sind die Verspätungen ja weitaus größer, aber es wird weniger gemeckert. Ich vermute, es liegt an der Flugangst, die dann doch viele Passagiere plagt. Und mit voller Hose ist nicht gut protestieren.

Wie Harald Schmidt, Dieter Nuhr und Tobias Schlegl warst auch du Messdiener. Was geht da ab mit dem Weihrauch? Was macht euch satirefähig?

Die halluzinogene Wirkung des Weihrauchs wird überschätzt. Was nur Übelkeit und nicht die Spur eines Rausches verursacht, ist nun wirklich eine ausgesprochen blöde Droge. Das Messdiener-Dasein war bei mir zu 90 Prozent Lust an der Selbstdarstellung, die erste Möglichkeit auf die Bühne zu gehen. So ist es in der Kirche ja meist. Man lässt sich darauf ein, weil das Ganze irgendeinen nicht-kirchlichen Mehrwert bietet. Kirchlicher Arbeitgeber, Kindergartenplatz, kirchliche Trauung, Geschenke zur Konfirmation. Oder eben vorne stehen und das Weihrauchfass schwenken. Es ist aber keine zwingende Voraussetzung, um Satiriker zu werden. Ich würde jungen Menschen heute raten, schnell das Theater zu wechseln. Mit eigenen Texten macht das alles mehr Spaß.  

Das klingt, als hätten Satire und Kabarett therapeutische Wirkung?

Die hat es ganz ohne Zweifel. Und daran ist auch nichts auszusetzen. Für mich ist das Lachen, auch das Sich-lustig-machen und Ins-Lächerliche-ziehen die wichtigste Strategie von allen, um mit diesem Leben halbwegs klarzukommen. Es geht darum, den Wahnsinn auszuhalten, im Großen und im Kleinen. Aber auch darum, ihn verändern oder neu betrachten zu können. Für mich ist Satire - aktiv und passiv betrieben - bestenfalls auch immer ein Zertrümmern von vermeintlichen Wahrheiten, eine intellektuelle Lockerungsübung. 

Wenn die gute Fee käme und dich für einen Tag zur Kanzlerin machte, was würdest du tun?

Die erste Hälfte des Tages würde ich wohl überlegen, ob ich den Blazer zuknöpfe oder lieber offen lasse. Nachmittags würde ich mir vom Schäuble das mit der Eurokrise noch mal ganz, ganz genau erklären lassen. Und abends - klar - würde ich mir natürlich anschauen, wie Merkel sich bei der extra-3-Moderation geschlagen hat.  

 

Die Fragen stellte Simone Stoffers