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Jutta Sundermann arbeitet für das globalisierungskritische Netzwerk attac.
Billigware liegt im Trend. Für viele ist es leichter ein T-Shirt zu ersetzen, wenn es nur drei Euro kostet. Beginnt eine neue Modesaison, landen abgelegte Klamotten einfach in der Kleidersammlung. Ein verhängnisvoller Trend, meint Jutta Sundermann, Gründungsmitglied des globalisierungskritischen Netzwerks attac. Im Interview erklärt sie, warum es an der Zeit ist, umzudenken.
NDR.de: Es kommt immer mehr billige Kleidung auf den Markt. Man kann T-Shirts kaufen für vier oder fünf Euro, manchmal sogar günstiger. Wie kann das sein?
Jutta Sundermann: Es ist ein Dilemma, dass die Produktion von Textilien heute mit einer langen Reihe von Menschenrechtsverletzungen und Gesundheitsgefährdungen einher geht. Um die Produktion so billig wie möglich zu machen, suchen sich die Textilhändler und Produzenten schon lange die Länder mit dem niedrigsten Lohn aus.
Eines der sehr häufig ausgewählten Länder ist Bangladesch. Dort sind die Arbeitsbedingungen für die Menschen in der Textilproduktion zum großen Teil furchtbar: Frauen sind gezwungen, massiv viele Überstunden zu machen, die Entlohnung ist schlecht, es gibt kaum Arbeitsschutz, immer wieder treten Krankheiten und Verletzungen auf. Wir hören wiederholt von Katastrophen, zum Beispiel brennenden Fabriken, deren Notausgänge zugestellt oder verriegelt sind, so dass Näherinnen zu Tode kommen.
Außerdem werden immer wieder Extras produziert - wie zum Beispiel die supercoolen sandgestrahlten Jeans, die Jugendliche auch hier gern anziehen. Sie sehen schon beim Kaufen ein bisschen abgenutzt aus. Diese Sandstrahltechnik trimmt den Stoff auf alt, hat aber lebensgefährliche Nebenwirkungen für die Fabrikarbeiter: Wer diese Stoffe bearbeitet, kann die tödliche Lungenkrankheit Silikose bekommen. Bloß damit die Jeans hier einem Trend entspricht, sterben woanders Menschen.
NDR.de: Diese Menschen gehören zu den Verlierern in dieser ganzen Kette. Wen zählen Sie zu den Gewinnern im globalen Kleiderhandel?
Sundermann: Vielleicht sind die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer Gewinner, weil sie die Möglichkeit haben, sehr günstig an Kleidung heranzukommen. Wenn früher Kleidung für die Kinder zu kurz war, dann wurde an die Hosen noch etwas angenäht, Socken wurden gestopft und die Löcher an den Knien durch Flicken überdeckt. Das ist fast vollständig verschwunden. Wir haben inzwischen einen viel größeren Durchsatz an Textilien und die allermeisten leisten sich Sachen, die gerade hip sind und füllen im nächsten Jahr wieder ihren Kleiderschrank komplett neu. Das heißt auf der anderen Seite, dass sie ganz viele Kleider übrig haben.
NDR.de: Besonders preiswerte Mode lässt sich also schneller austauschen und landet schon im Kleidersack, nur weil sie aus der Mode ist. Was muss denn passieren, damit sich diese Wegwerfmentalität ändert?
Sundermann: Auf vielen Ebenen muss eine ganze Menge passieren. Es muss gesetzliche Rahmenbedingungen geben. Wir brauchen Verbote und Sanktionsmechanismen, damit sich Unternehmen um die Wahrung der Menschenrechte in der Produktion, auch bei ihren Zulieferunternehmen kümmern. Wir können natürlich auch selbst überlegen, ob wir nicht doch vielleicht einen Flicken auf die Hose machen, wenn ein Loch drin ist. Man muss nicht immer neu kaufen, sondern kann Kleidung sehr gut mal tauschen. An vielen Orten gibt es nicht nur Flohmärkte, sondern attraktiv organisierte Kleiderbörsen. Die dort angebotenen Textilien sind günstiger und sozial- und umweltverträglicher als neue.
Textilien bestehen aus Rohstoffen. Die Baumwolle muss angebaut werden, wird oft mit Pestiziden behandelt. Zum Großteil ist es gentechnisch veränderte Baumwolle - zum Beispiel in Indien, wo die Gentechnik-Unternehmen ganz massiv zugeschlagen haben. Im Zusammenhang mit den Textilien gibt es wieder viele Produkte, die uns Bauchschmerzen bereiten: etwa Farbstoffe, die gesundheitsschädigend sein können. Es ist sogar ein Gesundheitstipp Second-Hand-Kleidung anzuziehen, weil da die erste Charge ausgedampft ist.
NDR.de: Eine Lösung ist, die Kleidung richtig abzutragen. Man kann sie aber auch als Spende an Hilfsorganisationen geben. Ein Großteil dieser Spenden wird aber tatsächlich weiterverkauft, häufig nach Afrika. Dort verdienen wieder Händler an der Ware. Warum gibt es hierzulande so wenig Aufklärung über die Verkaufspraxis von Altkleidung?
Sundermann: Ich glaube, es gibt immer mal wieder eine Welle der Aufklärung. Wir haben über die Jahre schon ein paar Mal alarmierende Nachrichten gehört - oft verbunden mit einem einzelnen Skandal oder mit der Frage danach, was mit der Textilindustrie in einem afrikanischen Land passiert, wenn dort plötzlich containerweise Altkleider ankommen, die zwar verkauft werden und jede Menge Zwischenhändler mitfinanzieren, aber zugleich so günstig sind, dass die lokalen Produzenten damit nicht konkurrieren können. Trotzdem ist des dringend weiter nötig hinzuschauen. Es gibt keine monokausale Problematik, es ist kompliziert. Nicht allein der Import von Altkleidern ruiniert die gesamte Textilproduktion in diesen Ländern.
NDR.de: Welche Gründe führen noch dazu?
Sundermann: Ich war gerade selbst fünf Wochen in Kenia und habe dort viele Initiativen besucht, habe in Nairobi in mehreren Slums mit Leuten gesprochen - auch über das Thema Kleidung. Auf einigen Kleidermärkten zogen die Verkäuferinnen jede Menge Kleiderballen aus Europa auseinander und es gab dann Kinder- und Erwachsenenkleidung aus den hiesigen Altkleidercontainern.
Aber es sind zahlreiche Gründe, warum vor Ort keine eigene Produktion funktioniert. Tatsächlich ist in Kenia bei jedem Gespräch das Thema Korruption aufgekommen. Die Möglichkeit, etwas geplant weiterzuentwickeln, wird dadurch häufig zerstört. Dauernd versucht jemand, noch ein Geschäft zu machen - das geht ganz oben auf Regierungsebene los und zieht sich bis auf die lokale Ebene durch.
Es kommen aber auch immer wieder internationale Eingriffe dazu, das mittlerweile ausgelaufene Welttextilabkommen und die neuen Regeln der Welthandelsorganisation WTO. Verschiedene Exportquoten haben dazu geführt, dass findige Textilproduzenten in Ländern wie Nigeria Produktionsstätten ihrer Firma aufgemacht haben. Als sich die Spielregeln 2005 änderten, fiel dort eine von außen aufgeblähte Produktion in sich zusammen. Beides: Die ausländischen Direktinvestitionen und das Ende des kurzzeitigen Booms hatte Auswirkungen auf die lokale Textilproduktion. Allein in Südafrika verloren deshalb fast 70.000, in Indonesien mehr als 100.000 Menschen ihre Arbeit.
Die verbliebene Produktion bewegt sich vor allem in einem Preissegment, das für die meisten Menschen vor Ort überhaupt nicht in Frage kommt und das deswegen für Touristen oder für den Export gedacht ist.
NDR.de: Kommen wir nochmal auf die Altkleider zurück. Wie sollten Altkleider, zum Beispiel aus Deutschland, optimal verwertet werden?
Sundermann: Ich finde das schwierig. Eine Weile war ich mal davon überzeugt, dass man sie als Lumpen verwerten muss. Aber das ist sehr ambivalent: Ich habe von den Leuten in den Slums gehört, dass dank dieser Altkleider selbst die sehr armen Kinder und Erwachsenen dort ziemlich vernünftig angezogen sind. Sie können sich die Kleidungsstücke dann eben doch leisten: bunte T-Shirts und Hosen, die sie sonst nirgendwo kaufen könnten. Das Einkommen der Ärmsten ist dort dramatisch niedrig. Es reicht regelmäßig nicht aus, nicht zum Sattwerden, schon gar nicht für Bildung und Gesundheit - und auch nicht für Textilien. Aber tatsächlich waren in den Slums von Nairobi die meisten Kinder und Erwachsenen recht ordentlich angezogen. Nur Schuhe gab es nicht auf dem Altkleidermarkt. Das waren dann irgendwelche sehr zerfetzten, uralten Flip-Flops.
NDR.de: Insgesamt sollte ein Verbraucher also weniger kaufen und die Kleidung lieber auftragen. Wenn er gebrauchte Kleider weggibt, dann so direkt wie möglich an Menschen, die die Stücke weiterverwerten?
Sundermann: Tatsächlich, das ist es wirklich. Leider ist es im Moment ein bisschen gegen den Mainstream. Aber es ist ganz wichtig, dass wir da wieder stärker hinkommen. Was in der Textilproduktion passiert, kann man durch Auflagen, Sozialgesetze und bestimmte Maßnahmen an einigen Punkten entschärfen.
Aber wir haben ein Stück weit das Gefühl verloren für den Wert der Kleidung, die wir tragen, und für den Wert der Rohstoffe, die da drinstecken. Baumwolle ist ein hochkomplexes und kompliziertes Produkt. Wenn wir meinen, wir können die T-Shirts nach zwei Mal Tragen nie wieder anziehen oder wir kaufen sie für drei Euro und glauben, unserem Portemonnaie und vielleicht auch der Welt etwas Gutes getan zu haben, dann müssen wir auch ein bisschen die Augen aufmachen und schauen, an welchen Stellen wir weggehen können von diesem Trend, der so verhängnisvoll ist.