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Rettet die Flüchtlinge!

Tausende Menschen sind dieses Jahr schon im Mittelmeer ertrunken. Einige Freiwillige wollen dabei nicht mehr zugucken. Sie wollen retten. Dafür haben sie Geld zusammengelegt und Spenden gesammelt. Sie haben einen fast 100 Jahre alten Fischkutter gekauft, ihn umgebaut und "Sea-Watch" getauft. Ihre Idee: mit dem alten Schiff vor Libyens Küste fahren und dort Flüchtlinge aus Seenot retten. Denn sie wollen ein Zeichen setzen. Und sie wollen für legale Fluchtwege kämpfen.

 "Sea-Watch" ist also Schiff und politisches Symbol. Die Autorinnen Carolin Fromm und Johanna Leuschen haben die Mission der vierten Crew begleitet. Es wurde eine Reise, die sie so nicht erwartet hatten. Begonnen hat sie im Hamburger Hafen - wo aus dem Fischkutter ein Rettungsschiff wurde.

(Die Multimedia-Doku ist für Desktop-Nutzung und Vollbild-Modus optimiert.)

Deutschland

"Wir müssen so schnell wie möglich helfen!"

Initiator Harald Höppner und seine Helfer werkeln monatelang in Hamburg an ihrer "alten Lady".

Deutschland

Das Schiff

Die "Sea-Watch". Baujahr 1917. Damals war sie ein Fischkutter und fuhr jede Nacht raus auf die raue Nordsee. Dann wurde sie Wohnschiff - mit gefliestem Klo und Mini-Badewanne. Doch um als Rettungsschiff zu funktionieren, braucht die "Sea-Watch" Schlafkojen für die Retter, neue Masten für die Segel, einen größeren Tank für die langen Fahrten über das Mittelmeer und eine Satellitenanlage für die Notrufe.

Lampedusa

Die Reise

Am 19. April 2015 legt die "Sea-Watch" in Hamburg ab. Kurs Lampedusa. In Frankreich muss sie die Reise unterbrechen: Das Wetter tobt, Wind und Wellen sind zu stark für den Kutter. Die Überfahrt dauert viel länger als geplant. Nach 3.000 Seemeilen erreicht die "Sea-Watch" Mitte Juni den neuen Heimathafen Lampedusa. Die italienische Insel liegt gut 200 Kilometer vor Sizilien. Von hier aus brechen die Freiwilligen Richtung libysche Küste auf.

Lampedusa

Die Geretteten

Kaum im Suchgebiet vor Libyen angekommen, tritt die "Sea-Watch" in Aktion: Fast 700 Menschen retten die Freiwilligen von völlig überfüllten Schlauchbooten. Einige Flüchtlingsboote sind kurz vor dem Sinken, als die Helfer sie erreichen. Die Crewmitglieder setzen Rettungsinseln aus, geben den Flüchtlingen Wasser und sprechen ihnen Mut zu. So lange bis größere Boote an die Unglücksstelle kommen, denn an Bord nehmen kann die "Sea-Watch" die Flüchtlinge nicht. Dafür ist sie zu klein. Die italienische Küstenwache, "Ärzte ohne Grenzen" und Containerschiffe übernehmen die Geretteten und bringen sie an Land.

Lampedusa

Klar Schiff machen

Alle zwei Wochen wechselt die Crew. Nach jeder Fahrt weisen die Alten die Neuen ein und übergeben das Schiff. Die ersten Einsätze haben an der "Sea-Watch" genagt: Jetzt, vor der Abfahrt der vierten Crew, wird gebastelt, geschraubt, improvisiert. Die Techniker tauschen verstopfte Filter aus, schweißen neue Lüftungslöcher in den Stahl, erneuern Schalter und klaren das Deck.

Lampedusa

"Dieses Schiff wurde für die Nordsee gebaut"

Maschinist Peer Maak ist gestresst. Er muss den Generator auf Vordermann bringen. Hier unten sind es 50 Grad, wenn alle Maschinen laufen.

Auf dem Mittelmeer

Leinen los

In der Nacht auf den 4. August, um 4.31 Uhr bricht die "Sea-Watch" mit der neuen Mannschaft Richtung libysche Küste auf. Trotz weniger Stunden Schlaf sind alle wach (v.l.n.r.): Notarzt Gerhard Trabert, Nautiker Jonas Buja, Notfallsanitäter Björn Hagge, Taucher Sven Kempe, Maschinist Peer Maak, Kinderchirurg Lauritz Bahnemann, Skipper Dirk Scholz und Bordfrau Anita Hertel. Niemand will die Abfahrt verpassen.

Auf dem Mittelmeer

Das Suchgebiet

Bei bis zu sechs Windstärken fährt die "Sea-Watch" mit 7,2 Knoten ihrem Suchgebiet entgegen. 250 Kilometer sind es bis dorthin. Einen ganzen Tag braucht sie für diese Strecke bis an die 24 Meilenzone Libyens. Näher an die Küste kann das Schiff nicht fahren, denn dort hat Libyen das Sagen. Ein Eindringen in dieses Gebiet könnte gefährlich für die Helfer werden. Dennoch: Die "Sea-Watch" will so nah wie möglich an die Küste, um die Flüchtlingsboote schnell zu entdecken. Denn je länger diese fahren müssen, desto größer die Gefahr.

Auf dem Mittelmeer

"Ich find's hier schon herb"

Die "Sea-Watch" schaukelt hin und her. Sie rollt, sagen die Seemänner. Notarzt Gerhard ist kein Seemann: Er ist seekrank.

Auf dem Mittelmeer

Vor der libyschen Küste

Die "Sea-Watch" fährt vor Tripolis von Ost nach West und zurück. Denn dort werden die Flüchtlinge zusammengepfercht und in der Dämmerung auf Schlauchbooten auf die See hinaus geschickt, sich selbst überlassen. Die Schlepper steigen nicht in die Boote. Sie wissen, dass diese nie ankommen würden. Nur mit Glück werden die Schlauchboote gefunden. Denn viele haben kein Satellitentelefon an Bord, mit dem die Menschen einen Notruf absetzen könnten. Deswegen sucht die "Sea-Watch"-Crew aktiv, hält Ausschau nach den Booten.

Das Meer

Drei Mal am Tag muss jeder Wache schieben. Bis zu vier Stunden lang starren die Crewmitglieder auf den Horizont - immer konzentriert, immer angespannt: Sie wollen kein Schlauchboot übersehen.

Am Abend kommt die Meldung, dass vor Tripolis Flüchtlinge losgefahren sein sollen. Die "Sea-Watch" ändert ihren Kurs Richtung libysche Hauptstadt und kreuzt davor.

Auf dem Mittelmeer

Die Dunkelheit

Doch dann wird es finster. Zwischen 21 Uhr und Mitternacht lässt der Mond sich nicht blicken: stockdustere Nacht. Die Angst, an einem Flüchtlingsboot vorbeizufahren, ist groß.

Langsam wird die See ruhiger. Die Crew weiß: Vor allem bei ruhiger See schicken die Schlepper Flüchtlingsboote auf das Meer hinaus. Alle sind bereit - voller Erwartung, bald zu helfen.

Die Wende

"Kurs Lampedusa, wir müssen zurück"

Doch dann muss Maschinist Peer eine schwierige Entscheidung treffen: für das Boot, die Crew und die Zukunft der Mission. Auch wenn es ihm in diesem Moment wehtut.

Die Wende

Der Schaden

Ein Kugellager im Getriebe ist kaputt. Peer kann den Schaden auf See nicht reparieren. Die "Sea-Watch" wird zur Rückfahrt gezwungen und nimmt Kurs auf Lampedusa.

Die Wende

"Die stehen in der blauen Wüste und keiner kommt, der hilft"

Skipper Dirk ist selbst mal fast ertrunken. Er weiß, wie es ist, im Wasser zu treiben und auf Hilfe zu hoffen.

Die Wende

Die Frustration

Peer, Björn und Sven wissen, dass niemand hier draußen jetzt den Platz der "Sea-Watch" einnehmen wird. Niemand wird aktiv nach den Flüchtenden Ausschau halten.

Sie waren bereit zu retten. Sie hatten sich freigenommen. Sie hätten helfen können. Nur wegen eines kaputten Kugellagers wird nichts daraus. Ihr Einsatz scheitert an der Technik. Er scheitert daran, dass sie kein Geld für ein professionelles Rettungsschiff haben.

Die Rückfahrt

"Das Kugellager könnte explodieren"

Vor der Hafeneinfahrt von Lampedusa bereitet sich die Crew auf Feuer vor.

Die Rückfahrt

Zurück auf Lampedusa

Die Einfahrt klappt. "Leinen fest" heißt es dann schon nach gut drei anstatt nach elf Tagen. Frustriert bereitet sich die Crew auf ihre Abreise vor, denn bis der Schaden repariert ist, werden Tage vergehen. Anschließend übernimmt die neue Crew das Kommando auf der "alten Lady". Ihr gegenüber im Hafen schaukeln derweil die Boote der italienischen Küstenwache im Wasser. Neueste Technik haben sie an Bord, aber nicht den Auftrag, vor der libyschen Küste nach Flüchtlingsbooten zu suchen.

Credits

Es geht weiter!

Maschinist Peer hat das kaputte Kugellager einige Tage später ausgetauscht. Seither haben die nachfolgenden Crews mit der "Sea-Watch" mehr als 1.100 Menschen gerettet.

Credits

Realisation: Johanna Leuschen und Carolin Fromm

Redaktion: Marcus Bensemann

Fotos: Lauritz Bahnemann, Carolin Fromm, Ruben Neugebauer, Sea-Watch

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