Stand: 06.01.2015 14:15 Uhr

Windparks könnten Hummer retten

Professor Heinz-Dieter Franke ist Leiter einer Arbeitsgruppe zur Ökologie der Nordsee an der Biologischen Anstalt des Alfred-Wegener-Institus auf Helgoland und verantwortlich für das Projekt zur Auswilderung von nachgezüchteten Hummern. Er sieht in der Ansiedlung der vom Aussterben bedrohten Helgoländer Hummer in Windparks Potenzial für die Stärkung der Bestände.

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Für dauerhaften Zuwachs der Population ist noch viel zu tun: Heinz-Dieter Franke mit Hummer-Weibchen.

NDR.de: Mit viel Aufwand und Kosten werden schon seit Jahren Junghummer aufgezogen und vor Helgoland ausgewildert. Was ist an dem Tier so besonders, dass sich die Mühe lohnt?

Heinz-Dieter Franke: Der Hummer ist wegen seiner Größe und seines breiten Nahrungsspektrums der wichtigste Regulator in der artenreichen Lebensgemeinschaft von Hartböden. In dieser ökologischen Rolle ist der ein wesentlicher Garant der Artenvielfalt und Stabilität solcher Gemeinschaften.

Das Projekt wurde jetzt ausgeweitet: Junge Hummer sollen an den Sockeln von Offshore-Windrädern eine neue Heimat finden. Warum ist das ein geeigneter Lebensraum?

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Franke: Der Hummer ist ein reiner Felsbodenbewohner. Natürliche Substrate dieser Art gibt es in der südöstlichen Nordsee nur in der direkten Nachbarschaft Helgolands. Die künstlich ausgebrachten Steinschüttungen, die das Freispülen der Fundamente von Offshore-Windkraftanlagen verhindern sollen, sind theoretisch geeignete Kleinhabitate für den Hummer. Angesichts der großen Anzahl von bereits errichteten sowie geplanten WIndkraftanlagen könnten so nicht unerhebliche zusätzliche Lebensräume für die Art entstehen und deren Gesamtbestand in der Deutschen Bucht stabilisieren.

Werden an den Windrädern weitere Veränderungen vorgenommen?

Franke: Entsprechende Planungen gibt es bisher nicht. Bei einem Erfolg des laufenden Modellversuchs könnte die Ansiedlungsaktion aber mit deutlich geringeren Kosten auf andere Offshore-Windparks übertragen werden.

Mehrere Tausend Hummer wurden in diesem Jahr am Windpark ausgesetzt. Haben Sie schon nachgesehen, wie es ihnen geht?

Franke: Die Tiere wurden im Sommer 2014 ausgesetzt. Eine erste Nachuntersuchung durch gezielte Korbfischerei und im Rahmen von Tauchgängen wird es im Spätsommer 2015 geben. Aber erst weitere Untersuchungen in den kommenden Jahren werden Auskunft über einen möglichen dauerhaften Erfolg der Ansiedlungsaktion geben können.

Wie groß ist der Erfolg des Auswilderungs-Projektes vor Helgoland, das schon mehrere Jahre läuft?

Franke: Das Hummerprojekt bei Helgoland mit mehr als 12.000 ausgewilderten Junghummern konnte zeigen, dass im Labor aufgezogene Tiere gute Überlebenschancen im Freiland haben und dass die Auswilderung zu einem Bestandszuwachs in den Aussetzgebieten führt. Um in einem Gebiet von der Größe des Helgoländer Hartbodens insgesamt einen deutlichen und bleibenden Anstieg der Population zu erzielen, müsste aber ein über den Umfang des bisherigen Pilotprojektes hinausgehendes Aufstockungsprogramm realisiert werden.

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Was ist die größte Bedrohung für die Hummer?

Franke: Sicher gibt es auch Probleme für die Hummerpopulation auf Grund aktueller Umweltveränderungen wie dem Klimawandel, chemischen Belastungen des Wasserkörpers oder veränderter Konkurrenzsituation mit dem Taschenkrebs. Die Hauptursache für den geringen lokalen Hummerbestand sind aber wohl Vorgänge in der Kriegs- und direkten Nachkriegszeit. Vom damaligen weitgehenden Zusammenbruch des Bestandes hat sich die Population bis heute nicht aus eigener Kraft erholen können.

Ist es eigentlich noch zu verantworten, Hummer zu essen?

Franke: Aus Sicht des Artenschutzes gibt es hier kaum Einwände. Fast alle in Deutschland vermarkteten Hummer stammen von der Ostküste Nordamerikas, wo die Hummerbestände in den letzen Jahren  trotz starker Befischung sogar angewachsen sind. Die Helgoländer Hummerfischerei ist in verschiedener Hinsicht stark reglementiert. Die Entnahme der wenigen, gleichsam als Beifang der Taschenkrebsfischerei zu Nahrungszwecken vermarkteten Exemplare stellt keine Bedrohung der lokalen Population dar.

Die Fragen stellte Angela Hachmeister, NDR.de

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