Stand: 16.10.2015 17:30 Uhr

Wisch und weg! 7 Tage auf Tinder

von Hans Jakob Rausch
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Hans Jakob Rausch hat mit Nadia Kailouli "7 Tage... unter Singles" gedreht.

Nadia rennt die Straße hinauf. Fünf Minuten zu spät. Heute ist Montag und wir haben unser erstes Date. Wobei "wir" natürlich nicht ganz stimmt. Nadia hat ein Date, ich renne hinter ihr her und versuche es mit der Kamera zu filmen. Zwei Fremde, Bar-Tresen mit Erdnüssen, eine Handvoll Neurosen auf beiden Seiten - so muss man sich die Treffen diese Woche vorstellen. Wir sind für 7 Tage... unter Singles unterwegs.

Ein Nahkampf paarungsbereiter Großstädter

Arthuro heißt ihre Verabredung und Nadia ist sichtlich aufgeregt. Das Profilfoto verspricht einen Spanier, Typ Surfer. Sie sieht ihn auf der anderen Straßenseite. "Überhaupt nicht mein Typ", ruft sie mir zu. "So ein Hip-Hopper, da steh ich ja gar nicht drauf!" Die nächsten zwei Stunden werden das Protokoll eines Irrtums. Nadia hat eimerweise Charme, kann aber auch Boa Constrictor. Sie ist schmerzhaft ehrlich. Das werden die Männer auch zu ihr sein. Die Spielregeln im Speed-Dating der Tinder-Clique sind einfach: gleich zur Sache kommen. Die Woche wird ein Nahkampf paarungsbereiter Großstädter. In HD.

Nadia Kailouli sitzt in der Bahn und schaut auf ihr Smartphone.“ © NDR, honorarfrei

7 Tage... unter Singles

7 Tage -

Nadia Kailouli hat genug vom Singledasein. Sieben Tage lang testet sie Tinder. Doch kann sie online die Liebe finden? Bald erkennt sie, dass die Single-App sie verändert.

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Tinder - so simple wie gnadenlos

Warum tun wir uns das an? Nadia hat keine Lust mehr alleine zu sein. Das hat sie dummerweise der Redaktion erzählt, die auf die Idee kam, daraus einen Liebesfilm zu drehen. Weil ja keiner mehr durchblickt, wie das heute läuft, mit der Zweisamkeit. Nadia lädt sich Tinder auf ihr Handy, eine der erfolgreichsten Dating-Apps. Allein in Deutschland suchen zwei Millionen Menschen auf der Plattform ihr Glück.

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Bei Tinder entscheidet man mit einem Wisch, ob einem jemand gefällt oder nicht.

Das Prinzip ist so simpel wie gnadenlos: Die App zeigt Bilder von Singles aus der Umgebung. Allein mit einem Wisch nach links oder rechts darf man entscheiden: Gefällt mir oder gefällt mir nicht. Gefallen sich beide, dreht sich ein buntes Sternchen um die Profilbilder und eine schnörkelige Schreibschrift verkündet "It’s a Match!" Ein Treffer. Dann schaltet Tinder den Chat frei.

Auf dem Pfad der Hölle für gescheiterte Dates

Zurück zu Arthuro. Die Begrüßung: Er nennt sie Nadine. Sie korrigiert ihn sofort. Knappe Entschuldigung. Sie: Arthuro? Nee, Benni. Sie stutzt. Er versucht sein Pseudonym zu erklären, irgendwas mit Facebook. Es scheitert kläglich. Nadia schaut irritiert. Dann Bier und Pommes.

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"Arthuro" aka Benni und Nadia: Nach fünf Minuten ist die Luft raus

Die beiden gehen über den Hamburger Dom, die Kirmes für Kinder und Eltern. Ein Pfad der Hölle für Dates, die zum Scheitern verurteilt sind. Benni erzählt von seinem Job als Game-Designer, das ist für Nadia so interessant, als würde ich ihr die Abseitsregel im Fußball erklären. Auch ihre Anekdoten führen Benni nur zum Bierstand. Beide sind nett zueinander, keiner wird hier Schaden nehmen. Und doch: Alles ist asynchron. Nach einer halben Stunde bricht Nadia dann ab. Inzwischen war auch herausgekommen, dass sie sein Profil nicht vollständig gelesen hatte. Er will nur Affären, sie hingegen eine Beziehung. Es folgt der moralische Notausgang: zwei Küsschen und Haltung wahren. Ich schwenke ihm hinterher, Benni ward nie wieder gesehen.

Es läuft Scooter auf dem Dom, erste Holsten-Brauerei Stände machen Umsatz. Nadia schämt sich für das Date und ihre Performance, wir schämen uns für die Schmonzette, die wir hier drehen. Dann liefert Tinder Nachschub. So schnell gibt sich die App nicht geschlagen. Trotz des Eröffnungs-Flops - Nadia wird die nächsten Tage süchtig. Wir haben den Absprung verpasst.

Männer, die sich wie auf dem Viehmarkt benehmen

Dienstag. Draußen Regen, innen W-LAN. Nadia kommt nicht mehr los von ihrem Handy. Inzwischen hat sie über 120 Matches angehäuft. Ihr Umkreis quillt förmlich über vor suchenden Männern. Tinder gibt uns keine Gelegenheit, über das gerade Erlebte nachzudenken. Manche Dates sind wortlos, manchmal hat Nadia den Charme einer Handgranate. Oft benehmen sich die Männer wie auf dem Viehmarkt. Ich höre die Dialoge meist gut auf den Kopfhörern, den Verabredungen ist die Kamera egal, zum Teil sogar sehr recht. Mein erstes Fazit: Selbstzerstörung im Yogaland. Hier sucht keiner Liebe, hier wird irgendwas therapiert.

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“Date mit Fabio: Lost in Translation zu Rhabarbersaft-Schorle.

Beispiel Fabio. Das Profilbild zeigt sonnengegerbte Haut, ein markiges Kinn, dazu eine sportliche rote Daunenweste. "Ich hab das hier nur reingedrückt", ist sein Opener. Der Rest sind zwei Bier und eine Rhabarberschorle. Fabio ist zum Champions-League-Schauen verabredet, Nadia gibt sich ihrer Gedankenfabrik hin: Wohin führt das hier?

Nadia könnte jetzt schlecht drauf sein. Ist sie aber nicht. "Any swipe can change your life - Jeder Wisch kann dein Leben verändern." Den Tinder-Slogan ziehen wir die Woche einfach durch. Man kann sich das Elend auch schönswipen.

Vorsichtige Euphorie beim Date mit Joachim

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Enten, Park und Joachim. Typ ausgehungerter Dichter, positives Highlight.

Joachim, Filmregisseur. Typ ausgehungerter Dichter, der nachts mit der Selbstgedrehten im Mund einschläft. Freundliche braune Augen, Selfie mit Hund. Nennt Nadia im Chat eine "charmante junge Dame". Vorsichtige Euphorie. Wir sind in einer Hipster-Bar in Hamburg verabredet. Hier gibt es Gin-Fizz aus Blumenvasen, besser wir präparieren uns, nach den Erfahrungen der Woche. Die Begrüßung holpert, der Bart (im Tinder-Profil noch vorenthalten) kratzt. Dennoch: kein Ober-Unsympath. Potenziell nett.

Beide rühren in ihren Zwölf-Euro-Drinks und lächeln sich an. Die Gespräche kreisen um die Großstadt im Allgemeinen (Sie: "Hier wird einem die Liebe auch nicht vor die Haustür gelegt.") und One-Night-Stands im Speziellen (Er: "Da weiß man wenigstens woran man ist."). Nach einer halben Stunde Warm-Laufen haut er dann das erste Kompliment raus: "Du bist noch hübscher als auf deinen Fotos." Nadia ist verlegen. Joachim kratzt sich den Bart.

Handgrößen-Vergleich statt Händchen-Halten

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Bemerken die Kamera kaum noch: Nadia und Joachim.“

Zwei Stunden und vier Cocktails später ziehen sich die beiden in den hinteren Bereich der Bar zurück. Beide erzählen sich von ihrer Sehnsucht nach einem Gegenüber, mit dem sie ihre Erlebnisse teilen können. Ich stehe mit der Kamera ganz nah daneben, aber sie bemerken mich schon gar nicht mehr. Dann der analoge Knaller, ganz ohne Algorithmus inszeniert: Beide haben am selben Tag Geburtstag. Nadia, nach drei Tagen Flirt-Fließband schon runtergekühlt, sieht auf einmal die Vorsehung am Werk. Joachim freut sich über den günstigen Zufall. Handgreiflichkeiten: Er schiebt langsam die Flosse rüber zu Nadia. Doch sie wird technisch. Zu seiner offensichtlichen Enttäuschung wird daraus nur ein Handgrößen-Vergleich. Immerhin, die erste Berührung, der Bar-DJ spielt Leonard Cohen. Ich drehe souveränen Kitsch. Und doch haben wir es unterschätzt. Joachim wird länger im Kopf bleiben, aus den digitalen Passionsspielen wird ein kleines Abenteuer. Tinder läuft parallel heiß, weitere 15 Matches. Jetzt aber gerät die Sache richtig aus dem Ruder, es finden Menschen hinter den Profilen statt.

Tinder verkauft eine Utopie

Noch vier Tage im Tinder-Dschungel. Für Nadia werden das: 140 Matches. 52 Chats. 5 Dates. Und eine Erkenntnis: Tinder verkauft vor allem eine Utopie. Am Ende sitzen sich immer noch zwei Menschen gegenüber und müssen miteinander sprechen. Ganz einfach. Und doch die größte Aufgabe von allen.

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7 Tage... unter Singles

10.04.2016 15:30 Uhr

Nadia Kailouli hat genug vom Singledasein. Sieben Tage lang testet sie Tinder. Doch kann sie online Liebe finden? Bald erkennt sie, dass die Single-App sie verändert - nicht nur positiv. mehr