Stand: 10.07.2015 13:23 Uhr

"Die wollen nicht nach Europa, sondern nach Hause"

Immer mehr ‪‎Flüchtlinge‬ wollen über das Mittelmeer nach Europa. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sei die Zahl der Flüchtlinge um 83 Prozent gestiegen, meldete Anfang Juli das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Jeder dritte Bootsflüchtling stammt aus ‪‎Syrien‬. Schauspielerin Friederike Kempter ("Tatort", "Oh Boy!") und Autor Ulrich Bentele waren ‎für die Doku-Reihe "7 Tage" in Jordanien‬ und haben sich die Situation der syrischen Flüchtlinge vor Ort angesehen. ‪

Friederike Kempter schaut auf das Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien. © NDR

7 Tage... im Flüchtlingslager

7 Tage -

Im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari leben 80.000 Menschen - mehr als die Hälfte davon Kinder. Wie leben sie? Worauf hoffen sie? Schauspielerin Friederike Kempter war vor Ort.

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Friederike Kempter, wir kannten Sie bislang nur als Schauspielerin. Was hat Sie dazu bewegt, mit Ulrich Bentele den Film "7 Tage im Flüchtlingslager" zu machen?

Friederike Kempter: Das Interesse kam ganz klar über das Thema. Flucht und Vertreibung beschäftigt mich schon sehr lange. Ich habe viel darüber gelesen, und die Möglichkeit, mir vor Ort selbst ein Bild machen zu können, hat mich von Anfang an elektrisiert. Das Thema Flüchtlinge ist essenziell wichtig und es fällt doch oft sehr schwer, sich selbst damit zu konfrontieren. Wahrscheinlich, weil es so ein Riesenproblem ist, für das es gerade keine Lösung zu geben scheint.

Ist es Ihnen schwergefallen, mal in dieser Funktion vor der Kamera zu stehen?

Kempter: Es ist mir in der Tat sehr schwergefallen. Ich hatte großen Respekt vor dem Projekt. Es ist ja keine Rolle, in die ich geschlüpft bin. Es ist das echte Leben. Eine Lebenswelt, die mit meiner erst einmal überhaupt nichts zu tun hat. Die Konfrontation mit Flüchtlings-Schicksalen, widrigen Lebensumständen und einer ständig präsenten Hoffnungslosigkeit - das ist wirklich nicht einfach, damit vor der Kamera umzugehen. Zumal ich vor Ort niemand überrumpeln oder stören oder nicht mit dem gebührenden Respekt behandeln wollte. Das war mir unheimlich wichtig: bloß kein Elendstourismus.

Frau Kempter, Herr Bentele, Sie waren sieben Tage in Jordanien und haben das Leben der syrischen Flüchtlinge vor Ort beobachtet. Was waren Ihre ersten Eindrücke als Sie im Flüchtlingslager Zaatari angekommen sind?

Kempter: Überraschend war erst einmal, dass man über eine supermoderne Autobahn fast bis ins Flüchtlingslager fahren kann. Damit rechnet man nicht. Und dann kommt man an einen Ort, der nicht zum Leben einlädt: eine Zelt-und Containerstadt riesigen Ausmaßes inmitten einer staubigen Geröllwüste, überall diese Windhosen, die durchs Lager wandern - und die Grenze nach Syrien ist nur wenige Kilometer entfernt.

Ulrich Bentele: Im positiven Sinn überraschend für uns war die unglaubliche Herzlichkeit, die uns im Lager entgegengebracht wurde. Die syrische Gastfreundschaft ist einfach unbeschreiblich. Überall wird man eingeladen, die Leute haben fast nichts, und das wollen sie gerne mit dir teilen.

Kempter: Und dann die vielen Kinder! Mehr als die Hälfte der Bewohner sind Kinder und Jugendliche. Und wo Kinder sind, ist Leben. Da wird auch viel gelacht. Das haben wir ohnehin sehr schnell gelernt: Auch dort, wo viel Leid ist, geht das Leben weiter. Auch im vermeintlich hoffnungslosen Ort Zaatari gibt es einen Alltag, gibt es Menschen, die das Beste aus ihrer Situation machen wollen. Und das auch machen!

Unter Flüchtlingen in Jordanien

Der Film heißt "7 Tage im Flüchtlingslager", Sie haben sich aber auch viel außerhalb des Camps bewegt. Warum?

Kempter: Im Lager konnten wir ohnehin nicht über Nacht bleiben. Das dürfen nicht einmal die Helfer vom UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, und die vielen Mitarbeiter der anderen Hilfsorganisationen. Und dann muss man sich vorstellen: So ein Riesenlager, so viele Menschen - aber 85 Prozent der syrischen Flüchtlinge in Jordanien leben außerhalb der Lager. Zugespitzt könnte man fast sagen: Ganz Jordanien ist mittlerweile ein Flüchtlingslager. Deswegen haben wir beschlossen, auch Flüchtlinge kennenzulernen, die sich außerhalb der Flüchtlingslager durchschlagen.

Bentele: Jordanien ist mittlerweile fast das einzige Land der Region, das relativ stabil ist. Und von überall kommen Flüchtlinge, immer mehr: die meisten aus Syrien, aber auch aus dem Irak, aus dem Sudan, Somalis und in der letzten Zeit auch viele Menschen aus dem Jemen. Und schließlich haben die meisten Jordanier palästinensische Wurzeln, entstammen also selbst einem Flüchtlingskontext.

Welche Schicksale haben Sie besonders berührt?

Bentele: Ich will da keine Rangliste vornehmen. Jeder Flüchtling hat eine Geschichte zu erzählen. Und jede dieser Geschichten ist schlimm. Alle handeln sie von Krieg und Tod. Dabei hatten viele Syrer, die wir kennengelernt haben, früher ein Leben, das unserem nicht unähnlich war. Und jetzt leben sie mit ihrer Großfamilie in einem Container mitten in der Wüste, ohne fließendes Wasser, ohne Stromversorgung.

Kempter: Eine Geschichte ging mir dann doch besonders ans Herz: Wir waren bei einer Familie, zwölf Kinder, zwei Frauen und ein blinder Mann. Den Ernährer hatten die jordanischen Behörden in den Krieg nach Syrien abgeschoben. Weil er gearbeitet hatte, um seine Familie zu versorgen. Das ist aber verboten. Nun lebt die Familie in ärmlichsten Verhältnissen. Sie haben nicht einmal mehr Geld für Obst oder Gemüse für die Kinder. Der älteste Sohn ist 13 - und er muss jetzt arbeiten gehen: zwölf Stunden täglich, für zwei Euro. In die Schule kann er nicht mehr gehen. Das sind so Momente, da kann man eigentlich nur noch heulen.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus dieser Reise mitgenommen?

Bentele: Eine Erkenntnis ist so banal wie wichtig: Jeden kann es treffen. Wir führen unser Wohlstandsleben, vermeintlich gottgegeben, und schlimm haben es immer nur die anderen in den Nachrichten. Weit weg. Aber so ist es nicht. Man muss wirklich dankbar sein, für das, was man hat. Und man sollte die anderen dabei nicht aus dem Blick verlieren. Helfen ist wichtig, und jede Hilfe wird dankbar angenommen.

Kempter: Für mich war auch eine wichtige Erkenntnis, wie wichtig strukturelle Hilfe ist. Das UNHCR verteilt ja nicht nur Zelte und Lebensmittel, es geht vor allem um Identität: Ohne Papiere keine Hilfe. Da wird unheimlich viel geleistet Das war mir zuvor so nicht bewusst. Und das Thema Flüchtlinge wird uns noch lange begleiten. Die meisten Syrer vermissen ihre Heimat. Die wollen nicht unbedingt nach Europa. Die wollen nach Hause! Aber das geht eben nicht. Heute weniger als je zuvor, das hört man überall: Selbst wenn Assad morgen weg wäre, es wäre zu gefährlich, nach Syrien zurückzukehren. Und hier fängt unsere Verantwortung an.

Das Interview führte Vivienne Schumacher.

Programmtipp
mit Video

7 Tage... im Flüchtlingslager

12.07.2015 15:30 Uhr

Im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari leben 80.000 Menschen - mehr als die Hälfte davon Kinder. Wie leben sie? Worauf hoffen sie? Friederike Kempter und Ulrich Bentele waren vor Ort. mehr