Stand: 23.01.2015 22:10 Uhr

Wie gesundheitsgefährdend sind Schiffsabgase?

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Viele Schiffsabgase gehen immer noch ungefiltert in die Luft.

Immer mehr Schiffe laufen die Häfen in Norddeutschland an - die Kreuzfahrtbranche boomt und ein Ende ist nicht in Sicht. 2013 haben allein in Warnemünde 191 Kreuzfahrtschiffe festgemacht. Und Hamburg haben immerhin 171 Kreuzfahrer angelaufen - Tendenz wie in anderen Häfen - steigend. Doch die Ozeanriesen bringen nicht nur Glanz in Norddeutschlands Hafenstädte, sondern auch schädliche Abgase.

Die meisten Schiffe fahren mit Schweröl und Schiffsdiesel

Der billigste Kraftstoff in der Schifffahrt ist Schweröl. Damit fahren viele Schiffe auf hoher See. Spätestens im Hafen müssen sie aber, wenn sie dort festmachen, weniger schadstoffbelasteten Treibstoff verbrennen, etwa Schiffsdiesel, so verlangt es die entsprechende EU-Verordnung.

Schwefelanteil in Schiffstreibstoffen oft bis zu tausendfach höher als bei Autobenzin

Bei der Verbrennung sowohl von Schweröl als auch Schiffsdiesel entstehen Schwefel- und Stickoxide. Sie entweichen mit dem Rauch in die Luft. Auf Nord- und Ostsee gelten für Schwefel im Treibstoff Grenzwerte. Doch sie erlauben teils ein Tausendfaches dessen, was in Autobenzin zulässig ist. Seit Januar 2015 sind zwar nach internationalen Vorgaben nur noch 0,1 Prozent Schwefel erlaubt, aber das ist immer noch hundertfach mehr als im Benzin von der Autotankstelle. Mit sogenannten Scrubbern, Abgasnachbehandlungsanlagen, lässt sich Schwefel auswaschen. Mehrere Reedereien wollen sie einbauen. Für Stickoxide wurde die Festlegung neuer Grenzwerte vertagt.

Rauch-Farbe sagt nicht viel über Schadstoff-Anteil

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Winzige Feinstaubpartikel finden sich auch in Qualm, der nicht schwarz und rußhaltig ist, erklärt Rom Rabe von der Universität Rostock.

Wenn Schiffsdiesel verbrannt wird, sieht das Abgas oft sauberer aus als schwarzer Schweröl-Qualm. Wobei auch die Abgasbelastung durch Schweröl von der verwendeten Technik abhängt. Damit ist Schiffsdiesel aber nicht ungefährlicher. "Ein nicht sichtbares Abgas bedeutet noch lange nicht, dass es kein Problem mit der Schädlichkeit der Komponenten gibt", erklärt Rom Rabe von der Universität Rostock. Es könnten auch in nicht schwarzem rußhaltigem Abgas winzige Feinstaubpartikel enthalten sein. "Die sind dann besonders gefährlich, weil sie lungenfähig sind und karzinogen wirken können", so der Ingenieur für Schiffsmotortechnik weiter.

Bisher unterschätzt: Feinstaub-Gefahr

Neuere medizinische Studien kommen zu dem Ergebnis, dass bestimmte ultrafeine Partikel über die Lunge ins Herz wandern und dort lebensgefährliche Auswirkungen haben können: "Wir wissen, dass die ultrafeinen Partikel tief in die Lunge eindringen, in die Lungenwand gehen und Herzinfarkte auslösen können", sagt Axel Friedrich, Experte für Luftreinhaltung. "Lungenkrebs ist heute also bei Weitem nicht mehr der wichtigste Krankheitsfaktor, sondern es sind eben Herzinfarkte."

Interview
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Schiffs-Abgase werden bisher kaum reduziert

Bei Autos werden Abgase durch Katalysatoren und Rußfilter gefiltert - bei Kreuzfahrtschiffen bisher nicht. Und auch künftig wird deren Schadstoffausstoß wohl kaum geringer. mehr

Der ehemalige Abteilungsleiter für Luftreinhaltung im Umweltbundesamt hat die Einführung von Katalysatoren und Rußfilter für Autos maßgeblich mit durchgesetzt. Die Luft in den Städten wurde dadurch sauberer. Nun geht es ihm um die Abgase der Schiffe. An der Hafenpromenade von Rostock hat Friedrich im Jahr 2013 Feinstaubmessungen durchgeführt. Von guter Seeluft könne da nicht die Rede sein. Denn: "Wir messen ultrafeine Partikel, die kleiner sind als 300 Nanometer." Das Problem ist, dass die hohe Anzahl dieser extrem kleinen Partikel oft nicht erfasst wird. Dabei können sie tief in die Lunge eindringen.

Auch im Binnenland schlechte Luft

Wie hoch die Abgasbelastung durch Schiffe in küstennahen Bereichen ist, hat Folkard Wittrock vom Institut für Umweltphysik der Universität Bremen untersucht: Je nach Abgastyp handele es sich um einen erheblichen Anteil an der Luftverschmutzung, etwa 20 bis 50 Prozent. "Das ist etwas, was man definitiv nicht vernachlässigen kann." Die Erkenntnisse aus den Forschungen zeigten, dass sich Kreuzfahrtschiffe in Bezug auf Schadstoff-Emissionen nicht wesentlich von Containerschiffen unterscheiden würden, so Wittrock.

Was jedoch noch kaum bekannt ist: Abgashaltige Seeluft macht sogar im Binnenland schlechte Luft. Die Abgase der Schifffahrt betreffen also nicht nur die Hafenstädter. Im Hamburger Klimazentrum haben Wissenschaftler die Ausbreitung von Schadstoffen in Norddeutschland rechnerisch erfasst. Sie können belegen, dass der gesundheitsschädliche Feinstaub aus der gesamten Schifffahrt ein Problem für den ganzen Norden ist, und dass auch die Kreuzfahrtschiffe dazu beitragen.

Video
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Schiffsabgase: Schlechte Luft im Binnenland

Abgase in der Seeluft betreffen den ganzen Norden. Selbst in Landesteilen, die weit von der Küste entfernt liegen, weist die Luft gesundheitsschädliche Schadstoffe auf. Video (01:12 min)

Keine Feinstaub-Grenzwerte für Nord- und Ostsee

Bis heute sind jedoch Rußfilter für die Riesenschiffe nicht vorgeschrieben. Im Sommer 2013 hatten fast alle Kreuzfahrtschiffe, die in norddeutschen Häfen anlegten, keine Abgasreinigungsanlage. Für Feinstaub gibt es auf Nord- und Ostsee keine besonderen Limits. Im Mittelmeer dürfen die Kreuzfahrtschiffe sogar mit Treibstoff fahren, der bis zu dreieinhalb Mal dreckiger ist als auf Nord- und Ostsee.

Wie reagieren die Reedereien?

Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen scheinen Schiffsabgase also gesundheitsschädlicher zu sein, als Forscher gedacht hatten. Damit steht die Kreuzfahrtbranche vor einem großen Problem. Der Ruf nach Filtern für die Schornsteine, nach Umrüstungen wird immer lauter.

Zu der Abgasbelastung schreibt der Verband der Kreuzfahrtindustrie, man entwickle derzeit Lösungen für die Abgasreinigung. Prototypen gebe es schon. In absehbarer Zeit würden Filter eingesetzt werden. Durch die Verringerung des Schwefelgehaltes im Treibstoff sei die Luftbelastung schon besser geworden. Über die Schadstoffbelastung in den Häfen habe man jedoch keine Daten. Die einzelnen Kreuzfahrtreeder reagieren unterschiedlich. TUI installiert bereits seit Sommer 2014 in seine Neubauten Schwefelfilter und auch Katalysatoren für Stickoxide. Hapag Lloyd hat 2013 ein neues Schiff mit einer Schwefelreinigung ausgestattet. Der für 2015 angekündigte nächste AIDA-Neubau soll nach Unternehmensangaben über eine Filteranlage verfügen. Nach erfolgreicher Testphase strebe AIDA eine Zulassung an. Die bestehende Flotte werde nachgerüstet. Die Reeder sagen, dass sie die Hinweise auf gesundheitliche Gefahren sehr ernst nehmen.

Vieles klingt im Einzelfall gut, aber Kreuzfahrtschiffe sind meist mehr als 20 Jahre im Dienst. Eine umfangreiche und aufwendige Nachrüstung wäre erforderlich. Doch bislang gibt es weder einen Zwang, umfassende Abgasfilter einzubauen noch den saubersten Kraftstoff zu verwenden.

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