Stand: 02.09.2013 19:42 Uhr

Pädophilen-Therapie ist wichtige Prävention

Bild vergrößern
Der Sexualmediziner Klaus Beier im Therapiegespräch mit einem pädophilen Mann.

Nicht jeder Pädophile begeht einen Missbrauch und nicht jeder Sexualstraftäter ist pädophil. Schätzungen auf der Grundlage einer epidemiologischen Studie der Berliner Charité gehen davon aus, dass es in Deutschland etwa 250.000 Betroffene mit pädophiler Neigung gibt. Neben einigen Frauen sind es vor allem Männer, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen. Dabei dürfte das Problem der sexuellen Gewalt gegen Minderjährige tatsächlich noch größer sein: Im Fall der sogenannten Hebephilie sind die Opfer gerade in die Pubertät gekommen. "Männer mit einer hebephilen Neigung sind sexuell auf das frühpubertäre Körperschema ansprechbar und das weisen bereits Elf- bis Zwölfjährige auf", erklärt Professor Klaus Beier, Leiter des Institutes für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité.

Pädophilie: Mit chronischer Krankheit vergleichbar

Doch was der Öffentlichkeit kaum bewusst ist: Eine Präferenzstörung wie die Pädophilie ist eine Störung, die einer Krankheit gleichkommt. Die Weltgesundheitsorganisation hat dafür deshalb eine eigene Diagnose-Kategorie eingerichtet. Zudem handelt es sich um eine chronische Problematik, denn eine sexuelle Präferenzausrichtung lässt sich nicht ändern. Bereits mit dem Ende der Pubertät zeigt sich in der Regel, ob eine "Präferenzbesonderheit" in Bezug auf die Sexualität besteht. Diese Neigung bleibt bis zum Lebensende bestehen.

Übergriffe auf Kinder mehrheitlich nicht von Pädophilen verübt

Begrifflich wird zwischen pädophil und pädosexuell unterschieden, um besser zwischen der Neigung und dem tatsächlich ausgeübten Verhalten zu trennen. Pädophilie bezeichnet die Präferenzstörung, die nicht mit Taten einhergehen muss. Pädosexuelle Handlungen werden hingegen alle sexuellen Übergriffe auf Kinder genannt. Dabei liegt eine Verhaltensstörung vor, die aber nicht mit Pädophilie einhergehen muss.

Ungefähr 40 Prozent aller pädosexuellen Taten, die der Justiz bekannt sind, sind auf einen pädophilen Motivationshintergrund zurückzuführen. Bei etwa 60 Prozent der sexuellen Übergriffe auf Kinder handelt es sich jedoch um sogenannte Ersatzhandlungen. Das heißt, die Täter sind sexuell auf erwachsene Sexualpartner ausgerichtet, begehen aber gleichwohl sexuelle Übergriffe auf Kinder."Sie weisen keine sexuelle Präferenzstörung auf, sondern sind auf altersentsprechende Partner orientiert, haben aber unterschiedliche Gründe dafür zum Täter zu werden, zum Beispiel eine geistige Behinderung, eine Persönlichkeitsstörung oder auch sozio-sexuelle Unerfahrenheit", erläutert Prof. Beier.

Wir können wirklich sagen, dass Prävention wirksam ist, dass sie bei Männern, die sich behandeln lassen wollen, funktioniert. Wir können ihnen Angebote machen, die dann auch wirken und das betrifft übrigens auch die Nutzung von Missbrauchsabbildungen im Internet.

Prof. Klaus Beier, Sexualmediziner an der Berliner Charité

Therapie ist auch Opferschutz

Viele pädophile Menschen werden ihr Leben lang nicht "übergriffig" und ihre sexuelle Neigung bleibt im Fantasiebereich. Sie möchten damit verantwortungsvoll umgehen, so wie der Betroffene NewMan selbst erzählt (siehe Bericht). Mithilfe bestimmter Regeln können sie lernen, ihre Fantasien zu kontrollieren. Dazu gehört beispielsweise, sich keine Missbrauchsabbildungen, verharmlosend auch als Kinderpornographie bezeichnet, anzusehen. Es handelt sich dabei um nichts anderes als dokumentierten Missbrauch. Zudem führt die Nutzung von Bild- und Videomaterial zu weiterer Produktion - mit anderen Worten zu neuen sexuellen Gewalttaten gegen Kinder.

Menschen wie NewMan brauchen also Hilfe, um ihre sexuelle Neigung kontrollieren zu lernen. Die meisten bekommen sie aber nicht. Inzwischen gibt es aber immerhin, ausgehend von einem Forschungsprojekt an der Charité, das von Klaus Beier geleitet wird, das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden". Neben Berlin finden Pädophile in sechs Städten (Kiel, Stralsund, Hamburg, Hannover, Leipzig und Regensburg) Anlaufstellen.

Präventivmaßnahmen sollten im Gesundheitssystem verankert werden

An einem weiteren Ausbau werde intensiv gearbeitet und auch an einer langfristigen Sicherung der Finanzierung, berichtet Klaus Beier. Vor allem komme es zukünftig darauf an, die Therapiemaßnahmen für noch nicht straffällig gewordene Menschen im Gesundheitssystem zu verankern. "Diese 'primäre Prävention' wirkt schließlich zweifach", erklärt der Sexualmediziner. "Einmal hilft sie, Traumatisierungen von Kindern und dadurch bedingte Folgeschäden zu verhindern. Gleichzeitig führt sie bei den Betroffenen mit pädophiler Neigung zu einer Verbesserung der Lebensqualität, indem ihnen ein verantwortungsvoller Umgang mit ihrer Störung und damit eine psychische Stabilisierung ermöglicht wird."

Zu wenige Therapieplätze für Sexualstraftäter

Auch vielen verurteilten Sexualstraftätern könnte geholfen werden - wenn ihre Störungen häufiger diagnostiziert würden. Doch nur 13 Prozent von ihnen werden in Gerichtsverfahren begutachtet. Diese Quote nennt Klaus Beier mangelhaft. "Man müsste doch die Chance nutzen, herauszubekommen, was bei den Tätern genau vorliegt, um darauf eine Behandlung gezielt auszurichten. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass die Täter keine oder eine für sie ungeeignete Behandlung erhalten", so der Sexualwissenschaftler, "mit den entsprechenden Risiken, wenn man sie nach Verbüßung der Strafe wieder entlässt."  Tatsächlich kommt es immer wieder zu Wiederholungstaten freigelassener Straftäter. Aber auch bisher noch nicht straffällig gewordene Männer drohen ohne Hilfe ihre Fantasien irgendwann auszuleben und Kinder sexuell zu missbrauchen. Insgesamt gibt es viel wenig qualifizierte Therapieplätze und Therapeuten.

Kindesmissbrauch findet vor allem im Familien-Umfeld statt

Menschen mit pädophilen Neigungen stammen aus allen gesellschaftlichen Schichten und Berufen. Das seit ein paar Jahren bekannte Ausmaß von Missbrauchsfällen hat gezeigt, dass es auch in vermeintlichen Schutzräumen wie Schule oder Kirche zu sexueller Gewalt gegen Kinder kommt. Kinder werden aber auch für kommerzielle Zwecke missbraucht, etwa für die Produktion von Bild- und Videomaterial. Doch nach wie vor finden die meisten Fälle von Kindesmissbrauch im familiären "Nahraum" statt.

Weitere Informationen

Wie Kinder sicher surfen

Eltern sollten mit ihren Kindern sachlich über die Gefahren sprechen, die es im Internet gibt. Zuwendung und offene Worte helfen Kindern, über ihre Sorgen zu sprechen. mehr

Einerseits, sagt Klaus Beier, dürfe man die Augen nicht davor verschließen, dass  Forschungsdaten zufolge die Gefahr für Kinder missbraucht zu werden in "sozial belasteten Familienverhältnissen" ansteigt, "wo auch anderweitig Grenzverletzungen geschehen, wo Kinder auch auf andere Weise - sei es körperlich oder emotional - traumatisiert werden und dann der Übergriff, begangen vom Vater, Stiefvater oder Brüdern noch hinzukommt." Andererseits seien Kinder mit emotionalen Defiziten interessiert an sozialen Beziehungen, in denen sie Aufmerksamkeit, Anerkennung und Aufwertung erhalten und infolgedessen wiederum besonders gefährdet auf Kontaktbemühungen von Tätern mit pädophiler Neigung zu reagieren, die ihnen in ihrer Freizeit begegnen. Meist ginge den Missbrauchshandlungen also eine Bekanntschaft mit dem Täter voraus. Der gänzlich fremde Täter ist hingegen selten.     

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 02.09.2013 | 22:00 Uhr