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Interview
Professor Jörg Luy ist Veterinärmediziner und Leiter des Instituts für Tierschutz und Tierverhalten an der Freien Universität Berlin.
Waschbären, Eidechsen und andere Tierarten kann sich der Tierschutzexperte Jörg in einem Zoo der Zukunft vorstellen.
Professor Jörg Luy: Einfach gesagt geht es manchen Tieren im Zoo besser und anderen schlechter als in freier Wildbahn. Zu welcher Gruppe ein Tier gehört, hängt davon ab, ob die zoospezifischen Vorteile in seinem Leben die zoospezifischen Nachteile überwiegen oder umgekehrt.
Vorteilhaft am Zoo ist zweifellos, dass Beutegreifer und Tierseuchen die Zoobewohner im Regelfall nicht erreichen können. Gewinner in einem ersten eingeschränkten Sinne sind also insbesondere Individuen, die in freier Wildbahn schon nicht mehr am Leben wären. Nachteilig an einem Leben im Zoo ist, dass zum einen die Herausforderungen und Belohnungen dort nicht dem Anspruch der Tiere an ihren artspezifischen Lebensraum beziehungsweise an die arteigene Umwelterwartung entsprechen. Zum anderen können die Tiere ihre jeweils angeborenen Strategien, wie etwa um sich aus beängstigenden oder schädigenden Situationen zu befreien, nicht nutzen, weil sie im Zoo oder Aquarium in der Regel nicht funktionieren.
Diese beiden Nachteile beeinträchtigen die Lebensqualität der Tiere. Aus Sicht der Verhaltensforschung ist daher zu erwarten, dass sich viele Tiere in Zoos weniger wohl fühlen als in der freien Wildbahn. Manche Tiere kommen darüber hinaus mehr oder weniger offensichtlich mit ihrem Leben im Zoo nicht zurecht. Es ist anzunehmen, dass sie unter ihren Lebensumständen leiden und in der Folge ihre Vitalität einbüßen oder sogar Verhaltensstörungen entwickeln.
Luy: Das eigentliche Problem beginnt schon recht früh, wenn haltungsbedingt arttypisches Verhalten verkümmert. Das erschwert es den Tieren oder macht es ihnen sogar unmöglich, Wohlbefinden aus Erfolgserlebnissen zu generieren wie sie es in freier Wildbahn tun. Wenn Tiere erst einmal Verhaltensstörungen zeigen, geht es ihnen bereits über längere Zeit recht schlecht. Verhaltensstörungen, wie insbesondere die zum Selbstzweck gewordenen stereotypen Verhaltenswiederholungen, sind heute als Leidensindikator anerkannt. Als allgemeine Leidenssymptome gelten beispielsweise auch hohe Stresshormonwerte. Die sind jedoch schwer zu belegen, da die normalen physiologischen Werte der Tiere in der Regel nicht bekannt sind. Weitere mögliche Symptome sind Vitalitätsverlust, Unfruchtbarkeit oder Aggressivität.
Wissenschaftlich lässt sich der dem Leiden vorausgehende Verlust des tierischen Wohlbefindens allerdings bis heute kaum messen. Deswegen wird das Problem in der Diskussion um die Art und Weise einer zeitgemäßen und rechtfertigungsfähigen Tierhaltung und -präsentation auch nicht angemessen gewürdigt.
Luy: Tiere vieler Spezies sind leider so beschaffen, dass sie unter Haltungsbedingungen viele ihrer Verhaltensweisen nicht mehr durchführen können, die vermutlich mit guten Gefühlen verbunden und damit essenziell für ihr Wohlbefinden sind. Alle Tiere, einschließlich des Menschen, bringen Erwartungen an ihre Umwelt mit, die weit mehr Aspekte betreffen als bloß Futter, Wasser und medizinische Versorgung. Zudem können die Strategien, die Tiere an den Tag legen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, je nach Art sehr speziell ausfallen.
Kaum ein Bereich dieses ererbten Verhaltensrepertoires kann in einem Zoo uneingeschränkt ausgelebt werden. Die Zoos bemühen sich zwar darum, die Umgebung der Tiere so "natürlich" wie möglich aussehen zu lassen, aber die Anforderungen, die sich den Tieren in ihrer ursprünglichen Umgebung stellen, sind in aller Regel völlig anders und nicht selten wesentlich umfangreicher und komplexer als im Zoo. Selbst wenn sich ein Zoo darum bemüht, Tiere, deren komplexe Bedürfnisse er nicht befriedigen kann, zu verwöhnen, sind nicht selten übergewichtige, unglücklich wirkende Individuen die Folge.
Luy: Das Problem der Zoos ist ihr überholtes Selbstverständnis, das zunehmende Kritik hervorruft. Tiere aus ihrem Lebensraum und ihren Sozialverbänden zu reißen, in andere Kontinente zu verschiffen und dort auszustellen, wird gegenwärtig damit gerechtfertigt, dies sei unverzichtbar, um einige Spezies vor dem Aussterben zu bewahren, gute zoologische Forschung zu betreiben, deren Ergebnisse dem Zoobesucher zu vermitteln, und überhaupt um letzteren eine anspruchsvolle Freizeitgestaltung zu ermöglichen. Bei genauer Betrachtung treffen aber viele dieser Argumente auf zahlreiche Tierarten nicht zu. Und auch durch die Züchtungsbemühungen in den Zoos lässt sich das angesprochene Problem der "unpassenden Umwelterwartung" nicht lösen. Es scheint vielmehr so zu sein, dass die Zoo-Szene primär Freude an der Herausforderung hat, die unterschiedlichsten Tiere zu halten und zu präsentieren. Ethik ist ganz offensichtlich nachrangig und die Zoo-Szene im großen Ganzen zu selbstgerecht.
Luy: Voraussichtlich, wenn überhaupt, nur ein wenig. Denn die Krise der heutigen Zoos rührt nicht primär von unzureichenden Mindeststandards für Gehege-Abmessungen. Die Probleme, die viele Tierarten in "menschlicher Obhut" haben, lassen sich überhaupt nur bei einigen von ihnen durch Haltungs- und Managementvorgaben lösen.
Ich bin davon überzeugt, dass sich eine nicht unerhebliche Zahl von Tieren in menschlicher Haltung einfach nicht wohl fühlen wird, was immer für einen Aufwand wir betreiben. Solche Tierarten, wie beispielsweise Delfine, Eisbären oder Elefanten (und noch viele andere), sollten wir deshalb weder einfangen noch halten oder ausstellen, sondern ausschließlich in ihrem Lebensraum schützen und gegebenenfalls dort aufsuchen, und zwar ohne dass das ihren Lebensraum beeinträchtigt oder zerstört. Demgegenüber drängen sich aber zahlreiche Tiere dem Menschen förmlich auf und gedeihen bei Teilhabe an menschlichen Ressourcen (Nahrung oder Behausung) prächtig.
Besonders deutlich bieten sich beispielsweise die aus Kindersicht recht putzigen Waschbären an, deren Aufdringlichkeit in Kassel schon als Belästigung empfunden wird, oder Papageien wie die Halsbandsittiche, die es in Köln bereits auf eine frei lebende Population von über 1.000 Tieren gebracht haben. Dann gibt es zum Beispiel über 200 Turmfalkenpaare mitten in der Großstadt Berlin, Rothirsche, die etwa in Waldhessen bis in die Gärten kommen, oder Arten, deren Koexistenz mit dem Menschen erklärungsbedürftig wäre, wie beispielsweise Ameisen, Mäuse, Ratten, Tauben, Marder, Füchse oder Wildschweine. Unter günstigen Bedingungen reduzieren aber noch viel mehr Tierarten ihre Scheu vor dem Menschen. In Parks lässt sich beobachten, dass Eichhörnchen unter diesen Bedingungen sehr zahm werden können. Auf Madeira gibt es sogar Eidechsen, die sich aus der Hand füttern lassen. Die wichtigste Aufgabe der Zoos ließe sich mit diesen Tierarten sehr viel besser lösen: nämlich Begegnungsstätte zwischen Mensch und Tier zu sein, mit dem Anspruch eine ethisch unproblematische Mensch-Tier-Beziehung zu bieten.
Luy: Zoologische Gärten der Zukunft sollten Begegnungsstätten von Mensch und Tier mit beiderseitigem Nutzen sein. Im seinem innersten Kern repräsentiert bereits das Vogelhäuschen auf dem Fensterbrett den Zoo der Zukunft. Wenn sie nichts zu befürchten haben, schließen sich zahlreiche Tiere dem Menschen an. Und die anderen sollten wir vielleicht nicht dazu zwingen. Der bescheidene Nutzen, den wir daraus ziehen, ist es möglicherweise nicht wert.
Luy: Ja, aber selten und meist aus beruflichen Anlässen. Ich liebe Tierbegegnungen in der Natur; die Tiere im Zoo stimmen mich eher traurig.
Das Interview führte Ulla Brauer.