Forum
Computer-Maus © PantherMedia
 

Was meinen Sie?

Eine Tafel Schokolade kostet im Supermarkt nur etwa vierzig Cent. Dabei ist Schokolade ein Luxusgut und kein Grundnahrungsmittel. Die Massenware müsste eigentlich deutlich teurer sein. mehr

Weitere Informationen
Themenbild digitale Kommunikation: E-Mail-Zeichen zwischen zwei Händen. © picture-alliance/Newscom
 

45 Min Newsletter abonnieren

Anmeldung und Adressänderungen können Sie hier vornehmen. mehr

 

Interview

Fairer Handel: Verbraucher sind Teil der Lösung

von Ulla Brauer

Kakao für die Schoko-Leckereien unserer Kinder wird von gleichaltrigen Kinderarbeitern produziert. Der Faire Handel bietet den Verbrauchern die Möglichkeit, Teil der Lösung zu sein, statt Teil des Problems. Ein Interview mit Markus Gilles, Pressesprecher des Forums Fairer Handel, einem Netzwerk von Fair-Handelsorganisationen und -akteuren in Deutschland.

NDR.de: Was bedeutet es genau, wenn Schokolade "fair gehandelt" wird?

Markus Gilles: Hier wird eine faire Bezahlung der Produzenten garantiert und illegale Kinderarbeit ausgeschlossen. Jede Tafel trägt damit ganz konkret dazu bei, die Lebenssituation von Produzenten in Afrika und Lateinamerika zu verbessern.

NDR.de: Wie hoch ist der Anteil fair gehandelter Schokolade in Deutschland?

Markus Gilles, Pressesprecher Forum Fairer Handel © Forum Fairer Handel Detailansicht des Bildes "Gerade bei einem Luxusgut wie Schokolade sollten wir uns schon fragen, wie viel es uns Wert ist", meint Markus Gilles. Gilles: Insgesamt werden in Deutschland jährlich rund 1,2 Millionen Kilo fair gehandelte Schokolade verkauft. Das heißt, der Anteil liegt immer noch unterhalb der Ein-Prozent-Marke. Wenn aber genügend Menschen dazu bereit sind, kann sich dieser Anteil durchaus verdoppeln, verdreifachen oder verzehnfachen. Beispiele aus anderen Ländern zeigen, dass dies möglich ist. Und immerhin hat sich der Absatz aller fair gehandelten Produkte in Deutschland in den letzten fünf Jahren verdreifacht.

NDR.de: Wollen die Kunden zu wenig für Schokolade bezahlen?

Gilles: Es ist ja bei vielen Billigprodukten so, dass der Preis, den wir im Laden zahlen, nicht dem tatsächlichen Wert der Waren entspricht. Die Kosten dafür tragen dann meist die Rohstoffproduzenten, die keinen gerechten Lohn für ihre Arbeit erhalten. Gerade bei einem Luxusgut wie Schokolade sollten wir uns schon fragen, wie viel es uns Wert ist. Niemandem wird die Vorstellung gefallen, dass der billige Schokoladengenuss in den reichsten Ländern von Plantagenarbeitern in den ärmsten Ländern der Welt "subventioniert" wird. Oder dass die Schoko-Leckereien für unsere Kinder von gleichaltrigen Kinderarbeitern produziert werden, die selbst nicht einmal wissen, wie Schokolade schmeckt. Leider ist das häufig die Realität.

Aber wir bemerken auch, dass hier seit einiger Zeit ein Umdenken einsetzt. Immer mehr Menschen sind die globalen Zusammenhänge von Produktion und Konsum bewusst. Sie wollen nicht mehr in einem System mitspielen, das auf der einen Seite zu Überproduktion, auf der anderen Seite zu Unterernährung führt. Fairer Handel bietet den Verbrauchern die Möglichkeit, Teil der Lösung zu sein, statt Teil des Problems.

Dumping-Preis

Eine Tafel Schokolade ist im Supermarkt schon für 39 oder 49 Cent zu bekommen. Damit ist Schokolade im europäischen Vergleich in Deutschland am billigsten.

NDR.de: Wieso kostet fair gehandelte Schokolade vergleichsweise viel?

Gilles: Der Preis für eine 100-Gramm-Tafel Vollmilchschokolade aus Fairem Handel liegt derzeit etwa bei 1,20 Euro bis 1,30 Euro, manche Sorten kosten auch zwei Euro und mehr. Neben der fairen Bezahlung für Produzenten und der Einhaltung von Sozialstandards spiegeln sich in diesem Preis aber auch gewisse Qualitätsstandards wider. So wird Schokolade aus Fairem Handel ohne Zusatzstoffe und ohne gentechnisch veränderte Zutaten produziert. Natürlich ist auch die Absatzmenge ein wichtiger Faktor in der Gesamtkalkulation. Allgemein lässt sich sagen: Je mehr der Absatz fair gehandelter Schokolade steigt, desto besser wird diese auch preislich mit anderen Anbietern konkurrieren können.

NDR.de: Lässt sich ein gerechter Kakaohandel auch für den Massenmarkt realisieren?

Gilles: Das hängt in erster Linie vom Konsumenten ab. Der Flaschenhals für eine stärkere Ausweitung des Fairen Handels in Richtung Massenmarkt liegt jedenfalls nicht bei den Produzenten im Süden, sondern bei der Nachfrage hier im Norden. Andere europäische Länder sind da schon deutlich weiter als wir: In Großbritannien betragen die Pro-Kopf-Ausgaben für fair gehandelte Produkte das Vierfache, in der Schweiz gar das Sechsfache. Deutschland ist nach wie vor ein Land der Schnäppchenjäger - vor allem im Lebensmittelbereich.

NDR.de: Woran liegt das?

Gilles: Jedenfalls nicht daran, dass den Deutschen globale Probleme von Ausbeutung, illegaler Kinderarbeit und Armut egal wären. Das zeigt sich etwa an der allgemein hohen Spendenbereitschaft hierzulande. Die Ursache liegt eher darin, dass noch zu wenig über die Auswirkungen unseres Konsums und die Alternativen bekannt ist. Deshalb ist die Aufklärung über diese Zusammenhänge nach wie vor sehr wichtig.

Logo der Sendung 45 Min © NDR
Nächste Sendung: 21.05.2012 22:00 Uhr

45 Min - Neues vom Biotier

Sven Jaax geht der Frage nach, ob "öko" grundsätzlich artgerechter ist. Und er fragt sich, ob es Kompromisse zwischen ökologischer und konventioneller Haltung gibt.

Wiederholung der Sendung

25.05.2012 06:00 Uhr

Zur Sendungsseite
Dossier

Schmutzige Schokolade

07.05.2012 | 22:00 Uhr

Der Film zeigt die menschenunwürdigen Bedingungen der Kakaoernte. mehr

Links

Das Forum Fairer Handel informiert.

Link in neuem Fenster öffnen

Übersicht der Veröffentlichungen des Südwind-Institutes.

Link in neuem Fenster öffnen

Informationen auf einer umfrangreichen privaten Homepage.

Link in neuem Fenster öffnen