Was ist Litigation-PR und was bewirkt sie?

von Volker Boehme-Neßler, Medienrechtler

Die Öffentlichkeitsarbeit von Verteidigern und Staatsanwaltschaft gewinnt immer mehr an Bedeutung - nicht nur im Fall Kachelmann. Der Medienrechtler Volker Boehme-Neßler erläutert das Phänomen.

Definition

1. Im Zuge der Berichterstattung über den Fall Kachelmann ist immer wieder von einem Begriff zu lesen: "Litigation-PR". Was verbirgt sich dahinter?

Volker Boehme-Neßler © Volker Boehme-Neßler Detailansicht des Bildes Volker Boehme-Neßler Litigation-PR ist prozessbegleitende Öffentlichkeitsarbeit, eingedeutscht Prozess-PR. Es geht  darum, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und, wenn möglich, indirekt darüber auch das Gericht. Erfunden hat die Öffentlichkeitsarbeit zu juristischen Zwecken wohl der französische Schriftsteller Émile Zola mit seinem berühmten Artikel "J'Accuse" im ausgehenden 19. Jahrhundert. Er versuchte damit in der Öffentlichkeit ein wohlwollendes Klima für den jüdischen Offizier Dreyfus zu schaffen, der aufgrund gefälschter Beweise des Geheimnisverrats angeklagt worden war. Zola wollte damit helfen, die Rehabilitation des entlassenen Militärs vor Gericht durchzusetzen.

Neue Dienstleistung von Anwälten

Perfektioniert und systematisiert haben die Methode aber die Amerikaner in den letzten beiden Jahrzehnten. Inzwischen verbreitet sich Prozess-PR auch in Deutschland immer schneller. Der Grund ist einfach: Litigation-PR ist eine neue Dienstleistung, die Anwälte oder andere Dienstleister ihren Mandanten anbieten können. Anwälte erweitern dadurch ihr Leistungsspektrum nach dem Motto: 'Wir verteidigen dich nicht nur im normalen Gerichtshof vor Gericht, sondern wir verteidigen dich auch im Gerichtshof der Öffentlichkeit.' Das hilft nicht zuletzt den Anwälten, sich im harten Konkurrenzkampf untereinander besser zu positionieren.

Wir leben in einer Mediengesellschaft, in der Medien und Öffentlichkeit extrem wichtig sind. Deshalb kann es für Angeklagte gefährlich sein, dass sie ihre Glaubwürdigkeit, ihre Popularität, ihren Prominenz-Status oder ihre Reputation in der Öffentlichkeit verlieren. Das ist der Punkt an dem Prozess-PR ansetzt.

Logo der Sendung 45 Min © NDR
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