45 Min - Neues vom Biotier
Sven Jaax geht der Frage nach, ob "öko" grundsätzlich artgerechter ist. Und er fragt sich, ob es Kompromisse zwischen ökologischer und konventioneller Haltung gibt.
Wiederholung der Sendung
25.05.2012 06:00 Uhr
Hintergrund
Marcus Girnau, Geschäftsführer Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde
Dr. Marcus Girnau, Geschäftsführer Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde: "Deutschland ist nicht gentechnikfrei, sondern gentechnikkennzeichnungsfrei." Auch bei Bio-Produkten dürfen bis zu 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Zutaten enthalten sein, ohne dass dies gekennzeichnet werden muss. Bis zu dieser Grenze gilt die Gentechnik als eine sogenannte zufällige Verunreinigung. Denn längst kann niemand mehr für gentechnikfreie Nahrungsmittel garantieren. Für alles unterhalb dieses Wertes gibt es keine Kennzeichnungspflicht in Deutschland und damit für den Verbraucher keine Möglichkeit, zu überprüfen, ob und wie viel Gentechnik er da eigentlich jeden Tag indirekt mitisst. Bislang versprechen uns lediglich die Hersteller (von gentechnisch veränderten Organismen, nicht die Lebensmittelhersteller) selbst, dass wir gentechnisch veränderte Lebensmittel oder unter deren Mithilfe entstandene Produkte ohne Bedenken essen können.
Landwirt Peters nimmt sich zumindest Freiheit zu entscheiden, niemals genmanipuliertes Getreide anzubauen. "Die Folgen sind nicht absehbar. Wir sollten nicht diese tiefgreifenden Eingriffe in die Natur machen. Ich halte das für bedenklich, muss ich sagen. Wir haben ja eine Verantwortung für unseren Planeten und die sollten wir auch wahrnehmen."
Kontrolliert werden die Experimente am Erbgut von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Sie wurde zum Schutz der Verbraucher gegründet und soll die Gen-Industrie überwachen. Jedes Unternehmen, das eine neue Genpflanze oder Produkte daraus auf den europäischen Markt bringen will, muss hier bei der EFSA einen Antrag auf Zulassung stellen. Ein Stab von europäischen Wissenschaftlern bewertet dann das Risiko. Sie sprechen allerdings nur eine Empfehlung aus. Am Ende entscheiden die Politiker in Brüssel über die Zulassung.
Nur selten werden Produkte so gekennzeichnet.
Allerdings gibt es Zweifel, auch in Brüssel, an der Unabhängigkeit der Behörde. Jeder Wissenschaftler muss öffentlich erklären, ob er Aktien besitzt, Sitze im Vorstand oder Beratertätigkeiten in der Industrie hat, welche Forschungen er betreibt und wo. Die EFSA entscheidet dann, ob ein Interessenkonflikt besteht. Alle Informationen für die Überprüfung einer gentechnisch veränderten Pflanze liefern die Unternehmen jedoch selbst. Eigene Tests führt die EFSA nicht durch. Ob so allerdings eine umfangreiche Kontrolle möglich ist, ist fraglich. Und doch wird dort bewertet, was die Verbraucher hinterher essen werden. Ob das Fleisch dieser Würstchen von einem Schwein stammt, das Genfutter gefressen hat, werden die Kunden auch in Zukunft nicht erfahren. Eine Kennzeichnungspflicht für tierische Produkte will Brüssel bislang nicht einführen.
Christoph Then gehört zu einer Gruppe von unabhängigen Biowissenschaftlern, die die Entwicklung beim Genfood sehr genau beobachten. Er hat die Internetplattform EFSA-Watch gegründet und aufgedeckt, dass manche EFSA-Mitarbeiter der Industrie offenbar sehr nah sind. Außerdem hält Then die internationalen Richtlinien für zu lasch. Was ihn am meisten stört: Es gibt kaum unabhängige Untersuchungen darüber, welche Auswirkungen die Genpflanzen auf die Tiere und auf uns haben.