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Hintergrund
Wohin mit dem Müll? Eine wirklich sichere Endlagerstätte ist noch nicht gefunden.
Spätestens 2022 werden in Deutschland die letzten Atomkraftwerke heruntergefahren werden, so sieht es der Ende Mai 2011 von der Bundesregierung beschlossene Atomausstieg vor. Doch selbst wenn der laufende Betrieb bis dahin störungsfrei verläuft, bleibt das große und bisher ungelöste Problem der Lagerung des strahlenden Abfalls, der bei dieser Art Energie-Gewinnung anfällt. Gut zehn Jahre lang wird noch neuer Atom-Müll produziert.
Momentan wird der schwach- bis mittelradioaktive Müll in Lagern wie Schacht Konrad oder dem ehemaligen und maroden Salzstock Asse deponiert. Dabei strahlt radioaktiver Abfall noch für einige tausend bis hunderttausend Jahre. Das sei so, als wäre ein Jumbo gestartet, für den es keine einzige Landebahn auf der Welt gäbe, meinen Atomkraft-Kritiker. Darüber hinaus gibt es weltweit noch kein einziges Endlager, das für hochradioaktiven Müll geeignet wäre. Gleichzeitig wird das Problem der Endlagerung durch den bevorstehenden "Rückbau" der Reaktoranlagen noch verschärft werden. "Damit entstehen Tonnen von verstrahlten Baumaterialien, die irgendwo hin müssen", warnt die Autorin der Dokumentationen "Die Atomlüge" und "Risiko Atomkraft", Gesine Enwaldt.
Zudem kann ein Reaktor nicht einfach abgeschaltet werden wie eine Lampe. Die angestoßene Kettenreaktion kann noch tagelang weiterlaufen. Auch verbrauchte Brennstäbe strahlen weiter. Sie werden daher in mit Wasser gefüllten "Abklingbecken" gelagert, damit sie abkühlen können. "Im abgeschalteten Atomkraftwerk Krümmel liegen die Brennstäbe darin noch drei bis fünf Jahre, bis sie überhaupt in ein Zwischenlager verfrachtet werden können", erläutert Gesine Enwaldt.
Reaktorunglück jederzeit möglich
Während der kommenden gut zehn Jahre kann jederzeit ein Störfall in einem Atomreaktor zu einer tödlichen Gefahr werden. Als GAU (größter anzunehmender Unfall) wird ein Störfall in einem Kernkraftwerk bezeichnet, bei dem radioaktive Strahlung austritt, die die zulässigen Grenzwerte aber nicht überschreitet. Es handelt sich also um einen Unfall, den die Anlage aushalten soll. Bei einem Super-GAU, wie bei den Explosionen im Reaktorkomplex im japanischen Fukushima am 11. März dieses Jahres oder der bis dahin schlimmsten Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl 1986 in der Ukraine, wird die Reaktorhülle zerstört und es kommt zu einer Kernschmelze. Dadurch wird spontan und schnell eine hohe Menge an tödlicher radioaktiver Strahlung freigesetzt. "So ein Super-GAU ist einfach nicht beherrschbar", erklärt Gesine Enwaldt. "Stellen Sie sich vor, ein Reaktorunglück wie in Fukushima wäre im AKW Krümmel passiert, dann hätte auch Hamburg innerhalb weniger Stunden evakuiert werden müssen." Gemessen werden solche Störfälle anhand der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES).
Hauptgefahr: terroristische Anschläge
Deutschland befindet sich zwar nicht in einer geologisch so aktiven Region wie Japan, manche Atomkraftwerke hierzulande stehen aber durchaus auf tektonisch aktiven Erdplatten. "Andererseits ist die Hauptgefahr hier eher ein terroristischer Anschlag auf ein Atomkraftwerk", erklärt Gesine Enwaldt. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist diese erhöhte Gefahr auch bekannt, wie der Kernphysiker Heinz Smital von Greenpeace in "Die Atomlüge" belegt hat. Nur drei Atomkraftwerke in Deutschland hätten die bauliche Auslegung, die einen Absturz, wenn bestimmte Teile nicht getroffen werden, aushalten könnte, so Smital. Und das sei auch mittlerweile seit vielen Jahren bekannt, sagt Gesine Enwaldt: "Diese alten Erkenntnisse wurden nun kurz vor dem Atomausstieg, als nach dem Super-Gau in Fukushima ein unglaublicher Aktionismus in der Politik herrschte, als neu verkauft. Das ist schon abenteuerlich."
Verhalten bei einem Reaktorunglück
Der Katastrophenschutz sei auf einen solchen Super-GAU nicht wirklich vorbereitet: "Nach unseren Recherchen ist es auch gar nicht möglich", meint Autorin Enwaldt. Bei einer durch einen Terrorangriff verursachten Kernschmelze etwa trete die Radioaktivität zu spontan und massiv auf. Dem einzelnen bleibt nach einem Reaktorunglück nicht viel mehr übrig, als im Haus zu bleiben und das Radio anzustellen. "Wer einfach losfährt, um vor der atomaren Wolke zu fliehen, läuft Gefahr, im Chaos stecken zu bleiben", warnt Autorin Enwaldt. Notfallpläne sind für kleinere, beherrschbare Unfälle sinnvoll.
Gesine Enwaldt bei den Dreharbeiten zur Dokumentation "Die Atomlüge".
Nach den Recherchen von Gesine Enwaldt und ihrem Team zu dem Film "Die Atomlüge", "haben wir starke Zweifel an der Sicherheit der AKW im laufenden Betrieb", so die Autorin. Die sogenannte Kikk-Studie zu Kinderkrebs [Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken des Bundesamtes für Strahlenschutz] rund um Atomkraftwerke (AKW) hat herausgefunden, dass das Leukämierisiko für Kinder im Umkreis der Kraftwerke signifikant erhöht ist.
Nach dem Super-GAU in Japan hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Nutzen der Atomkraft nicht die Gefahren, die diese Form der Energiegewinnung mit sich bringt aufwiegt. Von der gesundheitlichen Gefährdung abgesehen, belastet sie auch die Steuerzahler. Denn die kommen letztendlich für die Folgekosten eines nicht beherrschbaren Störfalls auf. Die Haftpflichtversicherung für die AKWs decken eine solche nationale Katastrophe nicht mit ab. Auch die Kosten für die Erkundung von möglichen Endlagern sowie deren Ausbau übernimmt der Staat und nicht die Kraftwerksbetreiber.
"Das ist schon ein Skandal, dass so etwas wie Fukushima passieren muss, damit die Bundesregierung dann doch noch eine Entscheidung trifft, die ja eigentlich unter Rot-Grün längst gefällt worden war. Und so richtig dieser Ausstieg ist, haben wir nach wie vor das Müll-Problem."
"Den Atomausstieg finde ich dahingehend gut, dass er offenbar einen Impuls für die Wirtschaft darstellt, sich auf die erneuerbaren Energien zu stürzen. Wenn man allerdings bedenkt, dass man diesen Schwung schon vor 20, 30 Jahren hätte nutzen können, dann hätten wir heute vielleicht Technologien, um aus Bananenschalen Energie gewinnen zu können. Aber immerhin: Besser spät als nie. Und man kann nur hoffen, dass der deutsche Atomausstieg eine Vorbildfunktion für die anderen europäischen Länder hat. Wenn ich aber beispielsweise an Frankreich denke, bin ich da allerdings skeptisch."
"Natürlich! Die Verdrängungsleistung der Gesellschaft ist ja enorm und das ist ein Stück weit auch richtig so und nachvollziehbar. Mit der ständigen Gefahr im Bewusstsein kann man nicht wirklich leben. Als Privatperson verdränge ich das auch regelmäßig. Aber als Journalistin habe ich auch die Aufgabe, diese Verdrängungsmechanismen immer mal wieder zu durchbrechen, um Argumente für eine politische Diskussion vorzubringen. Manchmal muss man sich damit eben doch auseinandersetzen. Mit unseren Filmen haben wir das offenbar erreicht."
"Die "Atomlüge" und "Risiko Atomkraft" haben wahnsinnig viele Reaktionen ausgelöst. Uns haben sogar Leute geschrieben, die aufgrund des Films tatsächlich ihre Haltung zur Atomkraft geändert haben. Denen war Atomenergie bis dahin egal oder sie waren sogar dafür und nun wollten sie eine andere Form der Energiegewinnung. Die haben uns erzählt, dass ihnen vieles gar nicht klar gewesen ist. Unser Team hat da eine tolle Aufklärungsarbeit geleistet."