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"Wir können Versicherungen nicht trauen"

Von seiner Versicherung Schadenersatz zu erhalten, ist in vielen Fällen gar nicht so einfach. Manche Menschen werden bei den Auseinandersetzungen sogar ruiniert, meint die Unfallopfer-Hilfsorganisation "Subvenio". Das soll sich ändern.

NDR.de: Wie hoch schätzen Sie die Zahl derjenigen, die durch nicht gezahlten Schadenersatz ruiniert sind?

Stefanie Jeske von der Unfallopfer-Hilfsorganisation Subvenio © dpa Fotograf: Horst Galuschka Detailansicht des Bildes Stefanie Jeske und ihre Opferhilfe-Organisation fordern neue gesetzliche Regelungen, um den Verzögerungstaktiken der Versicherungen ein Ende zu bereiten. Stefanie Jeske: Offizielle Statistiken gibt es nur für Verkehrsopfer. Aber Unfälle passieren ja auch in der Freizeit, beim Sport oder durch Hundeattacken und dafür gibt es bis heute keine verlässlichen Zahlen. Wir haben seit es "subvenio e.V." gibt, also Februar 2009, etwa 800 Anfragen von Betroffenen bearbeitet und schätzen die Zahl derer, die mit Versicherungen um ihren Schadenersatz kämpfen, auf etwa zehn Millionen jährlich. Nicht wenige davon werden ruiniert.

NDR.de: Kann ich Versicherungen grundsätzlich gar nicht mehr trauen?

Jeske: Wenn es um Personenschäden geht, eindeutig nein! Ich rede jetzt natürlich nicht von einem verstauchten kleinen Finger, sondern von größeren Personenschäden. Ab 10.000 Euro fängt es dann schon an schwieriger zu werden, eine Schadenregulierung zu erhalten.

NDR.de: Gerade Haftpflichtversicherungen sind essenziell, um nicht finanziell ruiniert zu werden, wenn man selbst einen Schaden verursacht. Mir als Geschädigtem nutzt das jedoch herzlich wenig, wenn der Unfallverursacher zwar auch eine hat, die aber nicht zahlt. Ist das richtig?

Subvenio e.V.

Die Opfer-Hilfsorganisation sieht sich als eine Art Weißer Ring, aber eben für Unfall-, nicht für Gewaltopfer. Stefanie Jeske hat ihn 2009 gegründet, nachdem sie selbst Opfer einer Hundeattacke geworden war. Subvenio berät Betroffene und sieht einen weiteren Teil seiner Aufgabe darin, aufzuklären und gesetzliche Veränderungen zu erwirken. Bisher arbeiten alle Mitarbeiter des Vereins ehrenamtlich.

Jeske: Ganz genau. Ein Beispiel: Jeder Autofahrer ist ja verpflichtet, eine Kfz-Haftpflichtversicherung abzuschließen, damit im Falle eines schweren Unfalls und einer schweren Schädigung meines Gegenübers auch geleistet werden kann. Doch der Gesetzgeber kontrolliert nicht, ob die entsprechenden Haftpflichtversicherungen tatsächlich auch zahlen. Das bedeutet, wenn die Versicherung nicht zahlt, kann ich in den Ruin getrieben werden und der Gesetzgeber guckt zu. Es ist ganz genauso wie in Ihrem Film: Diese Fälle sind keine Einzelfälle.

NDR.de: Wer wendet sich an "subvenio"?

Jeske: Alle, die durch Fremdverschulden in Unfälle verwickelt worden sind, die körperliche oder psychische Schädigung zur Folge hatten. Grob gesagt geht es immer um größere Personenschäden, ab 10.000 Euro aufwärts, bei denen die Versicherungen versuchen zu verzögern. Ein Großteil der Menschen, die sich an uns wenden, kann sich aber Prozesskosten gar nicht leisten. Da geht es um Unsummen. Und die Leute, die es schaffen, vor Gericht zu ziehen, müssen sich auf lange Kämpfe einstellen, ohne vorher Entschädigungen zu erhalten. Manche Menschen, die zu uns in die Beratung kommen, haben bereits weit über hundert Gutachten über sich ergehen lassen müssen, weil die Versicherung jedes einzelne immer wieder anzweifelt. Es gibt Menschen, die kämpfen seit 25 Jahren um ihr Recht. Viele geben natürlich auch irgendwann auf.

NDR.de: Was für Folgen hat das Verschleppen noch?

Jeske: Es wird eklatant gegen den Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte verstoßen: Da werden etwa medizinische Daten weitergereicht, ohne das Einverständnis der Geschädigten. Außerdem geht es zu Lasten der Allgemeinheit, wenn Versicherer Leistungen, zu denen sie verpflichtet sind, nicht zahlen: Der Steuerzahler bleibt auf den Folgekosten sitzen, wenn Betroffene nach einem Unfall etwa auf staatliche Leistungen angewiesen sind. Wir arbeiten daran, dass das der Gesellschaft bewusst wird. Wir wollen das abschaffen.

NDR.de: Welchen Anteil hat die Gesetzgebung daran, dass die Versicherungsunternehmen offenbar unbehelligt ihre Verzögerungstaktik fahren können?

Jeske: Die mangelnde Gesetzgebung spielt eine große Rolle. Dass sich die Unternehmen verhalten, wie sie es tun, liegt daran, dass der Gesetzgeber es ihnen gestattet. Deswegen fordern wir auch, dass die Regulierungsverzögerung bei fremdverschuldeten Unfallschäden strafrechtliche Konsequenzen haben muss. Denn die Zeit, während der die Menschen kämpfen müssen, trägt dazu bei, dass sie nicht gesünder, sondern kränker werden: Behandlungen können nicht durchgeführt werden, psychische Erkrankungen werden kleingeredet und dadurch noch größer. An einem solchen Forderungskatalog arbeiten wir gerade. Im ersten Quartal 2012 werden wir mehr dazu sagen können.

NDR.de: Wie ließe sich das Verhalten der Unternehmen noch ahnden?

Jeske: Bevor wir tatsächlich eine strafrechtliche Verfolgung von Regulierungsverzögerungen erreichen, müsste es eine gesetzliche Regelung geben, die empfindliche finanzielle Strafen gegenüber den Versicherungen verhängt. Die würden greifen, wenn ganz klar ist, dass diese Verzögerungen unberechtigt stattfinden.

NDR.de: Was für Hilfestellungen brauchen Unfallopfer genau?

Jeske: Sie müssen wissen, dass es Dinge gibt, die von Anfang an dringend zu beachten sind. Nämlich:

  • Zeugen ansprechen und Kontaktdaten aufschreiben.
  • Ein fremdverschuldeter Unfall, egal welcher Art, sollte zudem immer polizeilich aufgenommen.
  • Dokumentation: Fotos machen und alles aufschreiben, alles belegen.
  • Arztbesuche: Dafür sorgen, dass alle Arztberichte lückenlos sind und sich auf den Unfall beziehen.
  • Dann sollten Sie sich natürlich immer rechtlichen Rat einholen. Nutzen Sie niemals den Service der Versicherungen, die dann behaupten, 'Wir regeln das schon alles für Sie'. Die Versicherung wird niemals alle Schadenpositionen freiwillig nennen, die das Unfallopfer geltend machen kann.

Logo der Sendung 45 Min © NDR
Nächste Sendung: 21.05.2012 22:00 Uhr

45 Min - Neues vom Biotier

Sven Jaax geht der Frage nach, ob "öko" grundsätzlich artgerechter ist. Und er fragt sich, ob es Kompromisse zwischen ökologischer und konventioneller Haltung gibt.

Wiederholung der Sendung

25.05.2012 06:00 Uhr

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Dossier
Ein Mann schaut bedenklich auf geöffnete Briefumschläge. © Fotolia Fotograf: DURIS Guillaume
 

Albtraum Versicherung

17.10.2011 | 22:00 Uhr

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Umfassendes Dossier von Subvenio e.V. mit Hintergrundinformationen und hilfreichen Tipps

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