Stand: 20.03.2017 11:00 Uhr

Wir basteln uns ein Steuerschlupfloch

Da wirft die eigene kleine Firma mal 10.000 Euro Gewinn ab und schon rutscht man damit in den höchsten Steuersatz: 42 Prozent Einkommensteuer. So ist es der Journalistin Gesine Enwaldt ergangen, die eine eigene Fernsehproduktionsfirma betreibt. Wäre die Journalistin reich und würde von Zinsen und Dividenden leben, müsste sie nur 25 Prozent Steuern zahlen. Tagtäglich zur Arbeit zu gehen, scheint sich steuerlich also nicht zu lohnen.

Kaum Steuern für die Großkonzerne

Starbucks, die größte Kaffeehauskette der Welt, hat in Deutschland angeblich 14 Jahre lang nur Verluste gemacht. Und musste deshalb keinen Cent Steuern zahlen.
Ikea: Eine Tochter in Luxemburg hat in einem Jahr 2,6 Milliarden Euro Gewinn eingestrichen. Ihr Steuersatz dort: ganze 0,002 Prozent.
Apple: Der Konzern zahlt auf alle Gewinne, die er außerhalb der USA macht, nur einen Steuersatz von durchschnittlich drei Prozent.

Große Konzerne zahlen auf manche Gewinne sogar nur Steuersätze von drei, zwei oder nur einem Prozent. Wie machen sie das? Filmemacherin Enwaldt will es wissen und hat zusammen mit dem Finanzjournalisten Malte Heynen einen Selbstversuch gestartet: Kann sie mit ihrer kleinen Produktionsfirma Steuern sparen - mit ähnlichen Tricks wie die Großkonzerne?

Schritt 1: Beratung von den weltgrößten Wirtschaftsberatungsfirmen einholen

Woher haben die Großkonzerne ihre Tricks? Von wem lassen sie sich beraten? Bei den Recherchen stoßen die Autoren auf die vier größten Wirtschaftsberatungsfirmen der Welt, die in rund 150 Ländern präsent sind: Ernst & Young, Deloitte, KPMG, und PWC. Sie werden auch die Big Four genannt.

Interview
03:31

Wie beeinflussbar sind oberste Finanzbeamte?

20.03.2017 22:00 Uhr

Ist die Nähe der Finanzlobby zur Politik wirklich so groß, wie man ihr nachsagt? Der Grünen-Politiker zeigt empörende Dokumente, die stark darauf hindeuten. Video (03:31 min)

Der Trick: Die Großkonzerne und ihre Berater haben engste Beziehungen zur Politik. Ihre Lobbyisten gehen im Bundestag und in den Ministerien ein und aus. Es gibt Hinweise darauf, dass es ihnen immer wieder gelingt, zu ihren Gunsten Einfluss auf die Steuergesetze zu nehmen. Der grüne Bundestagsabgeordnete Gerhard Schick warnt, dass Ministerien und Abgeordnete inzwischen sogar vom Wissen der Lobbyisten abhängig seien.

Das Experiment: Von den geheimen Steuertricks will auch Fernsehautorin Enwaldt profitieren. Sie bittet PWC um eine Beratung, ganz offen als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern mit zu hoher Steuerlast. Eine Antwort erhält sie nicht. Bei dem Unternehmen Ernst&Young, wo sie sich als vielversprechende mittelständische Unternehmerin ausgibt, erhält sie jedoch einen Telefontermin. Ein Berater sagt ihr, um um weniger Steuern zu zahlen, sei ihre Grundidee richtig, Geschäftszweige ins Ausland zu verlagern.

Das Problem: Die Journalistin verdient viel zu wenig Geld. Erst ab einer Million Euro Gewinn lohne sich eine Steuerberatung bei ihnen, sagt der Berater am Telefon.

Deshalb funktioniert es bei den Großkonzernen: Bei Weltkonzernen geht es um Gewinne von vielen Millionen Euro. Da kann man auch Hunderttausende in entsprechende Steuerberatung investieren.

Schritt 2: Firmensitz in einer Steueroase gründen

Die Steuertricks der Großkonzerne sind hochkomplex. Ein Grundmuster ist aber erkennbar: Die Konzerne haben Tochterunternehmen in Ländern mit extrem niedrigen Steuersätzen.

Der Trick: Die Tochterfirmen in Steueroasen machen oft riesige Gewinne und das mit sehr wenigen Mitarbeitern. Manchmal sind es auch reine Briefkastenfirmen ohne Mitarbeiter. Der Verdacht: Die riesigen Gewinne werden gar nicht in der Steueroase erwirtschaftet, sondern lediglich dort verbucht.

Illustration von Gewinnen in Steuerparadiesen. Übergroße Münzstapel neben zwei Hochhäusern. © NDR/Filme und Consorten

Konzerne: Die wundersamen Gewinne in Steueroasen

45 Min -

Manch Unternehmen macht unfassbare Profite - vor allem in Ländern mit niedrigen Steuersätzen. Wie kommt zum Beispiel SAP zu seinen fantastischen Gewinnen in Irland?

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Das Experiment: Eine Firma in einem Land mit Dumping-Steuersätzen zu gründen, ist denkbar einfach. Im Internet gibt es Anbieter dafür. Unsere Autorin entscheidet sich für die Seychellen. Unglaublich: Wenn sie es schafft, ihre Gewinne dorthin zu verschieben, dann zahlt sie auf den Seychellen null Prozent Steuern. Die Firmengründung funktioniert online und kostet nicht viel.

Das Problem: Das Finanzamt könnte misstrauisch werden, wenn eine kleine Firma plötzlich eine Tochterfirma am anderen Ende der Welt gründet.

Wieso klappt es bei den Großkonzernen: Internationale Konzerne wickeln auf der ganzen Welt Geschäfte ab - wenn da auch die eine oder andere Steueroase dabei ist, wundert sich das Finanzamt offenbar nicht.

Schritt 3: Interne Rechnungen produzieren

Wie kann ein Konzern Geld in eine Steueroase verschieben? Eine Möglichkeit: Er schickt sich einfach selbst eine Rechnung. Innerhalb von Weltkonzernen werden ständig Rechnungen hin und her geschickt. So fließt Geld von einer Konzern-Tochter zur anderen, über alle Ländergrenzen hinweg.

Der Trick: Die Rechnung wird von einer Konzerntochter ausgestellt, die in einer Steueroase sitzt. Rechnungsempfänger: eine andere Konzerntochter, in einem Land mit normalem Steuersatz. Diese Rechnung muss dann natürlich bezahlt werden - durch eine Überweisung in die Steueroase. Doch sind alle diese konzerninternen Rechnungen korrekt? Oder werden überhöhte Preise berechnet, um heimlich Gewinne zu verschieben?

In vielen Fällen hat das Finanzamt kaum Chancen, solche internen Rechnungen zu überprüfen. Es kann nicht beurteilen, wieviel ein Patent, ein Rechtsgutachten oder einige Zeilen eines Computerprogramms wirklich wert sind.

Experiment
02:03

Eine undurchsichtige Rechnung produzieren

20.03.2017 22:00 Uhr

Um ihre Steuerlast zu senken, braucht die Produktionsfirma von Fernseh-Autorin Gesine interne Rechnungen. Es wird ein Meisterwerk der Täuschung. Video (02:03 min)

Das Experiment: Gesine Enwaldt will eine Rechnung produzieren, deren Wert das Finanzamt nicht einschätzen kann. Diese Rechnung soll von den Seychellen nach Deutschland geschickt werden. Und zwar so: Der Tonmann des Fernsehteams schreibt ein Marketingkonzept. Es ist in Wahrheit nicht viel wert, aber die Formulierungen wirken professionell.

Der Plan: Für 100 Euro verkauft er es an die Tochterfirma auf den Seychellen. Die wiederum verkauft es für 10.000 Euro zurück an die Produktionsfirma in Berlin. Das deutsche Finanzamt wird nie erfahren, dass die Firma auf den Seychellen das Marketingkonzept so billig eingekauft hat. Es erfährt nur, dass Enwaldt 10.000 Euro aus Deutschland auf die Seychellen überweisen muss - für ein professionell aussehendes Marketingkonzept.

Das Problem: Wenn man Gewinne direkt in eine so obskure Steueroase wie die Seychellen verschiebt, wird das deutsche Finanzamt doch misstrauisch. Und es kann einschreiten, unter anderem mithilfe der sogenannten Quellensteuer.

Quellensteuer: Waffe gegen Steuertricks

Einnahmen müssen normalerweise versteuert werden. Logisch, denn jede Einnahme erhöht ja den Gewinn. Ausgaben dagegen vermindern den Gewinn und damit die Steuerlast.
Wenn ein deutsches Unternehmen eine Rechnung aus einer sogenannten Steueroase erhält, kommt plötzlich ein Ungleichgewicht hinzu: Das deutsche Unternehmen hat eine Ausgabe und kann damit seine Steuern senken. Gleichzeitig müsste der Zahlungsempfänger seine Einnahme versteuern. Doch da er in einer Steueroase sitzt, zahlt er vielleicht überhaupt keine Steuern.
Um hier Missbrauch zu vermeiden, können Staaten eine sogenannte Quellensteuer erheben. Quellensteuer bedeutet: Diese Steuer wird nicht erst erhoben, wenn die Zahlung beim Empfänger ankommt, sondern bereits an der Quelle. Also dort, wo die Überweisung losgeschickt wird. Und damit, bevor das Geld in einer obskuren Steueroase verschwindet.

Deshalb funktioniert es bei den Großkonzernen: Großkonzerne machen es raffinierter als die Journalistin mit ihrer kleinen Produktionsfirma. Einen ersten Eindruck geben die sogenannten LuxLeaks-Dokumente, die skandalöse Steuerschiebereien in Luxemburg aufdeckten. Die Dokumente zeigen schwer durchschaubare Firmenstrukturen und Geschäftsbeziehungen innerhalb der Konzerne. Zahlungen über Grenzen hinweg für Zinsen, Lizenzgebühren oder interne Warenlieferungen. Angeblich alles ganz legal.

Schritt 4: Zwischenstation für Gewinnverschiebung

Enwaldt will es nun geschickter angehen, um das deutsche Finanzamt auszutricksen. Sie will sich eine Zwischenstation bauen, um die deutsche Quellensteuer auszuhebeln. Und das geht erstaunlich einfach: Eine Briefkastenfirma in den Niederlanden wirkt offenbar Wunder. Mitten in der EU gibt es aber noch weitere Steueroasen: etwa Irland, Malta, Zypern oder Luxemburg.

Hintergrund
01:33

Niederlande: Paradies für Briefkastenfirmen

20.03.2017 22:00 Uhr

Jedes Jahr sollen 4.000 Milliarden Euro durch die Niederlande hindurchfließen. Denn das Land ist für Briefkastenfirmen ungeheuer attraktiv. Zwei Journalisten erklären warum. Video (01:33 min)

Der Trick: Wenn Zahlungen aus Deutschland zum Beispiel an eine Firma in den Niederlanden fließen, wird grundsätzlich keine Quellensteuer erhoben. Selbst wenn das Geld dann aus den Niederlanden in eine obskure Steueroase weiterfließt, wird keine Quellensteuer fällig. Die Niederlande erheben nämlich keinerlei Quellensteuern, wenn das Geld das Land wieder verlässt. Das Land ist deshalb eine beliebte Hintertür, über die man Gewinne aus Europa heraus verschieben kann.

Das Experiment: Für 50 Euro im Monat mietet Enwaldt einen Schreibtisch in einem Gemeinschaftsbüro in Amsterdam an. Mit der Büroadresse und dem Mietvertrag geht es zur Handelskammer. Dort wird die Firma unter dem Namen "Trick Research" eingetragen. Die Formalie dauert nicht einmal zehn Minuten. Auf regelmäßige Anwesenheit der Firmeninhaber wird die Handelskammer nicht achten.

Das Problem: Die einzelnen Schritte - Büroraum mieten und eine Firma ins Handelsregister eintragen lassen - sind legal, auch wenn sie Endwaldts Rechtsempfinden widersprechen.

Deshalb klappt es bei den Großkonzernen: Großkonzerne und ihre Steuerberater nutzen viel raffiniertere Tricks. Und sie treffen sich hinter verschlossenen Türen mit Mitarbeitern der Finanzämter (siehe Schritt 5). Sie lassen sich dabei vorab zusagen, dass ihre Steuertricks akzeptiert werden. Offiziell heißt es dann natürlich nicht Steuertrick, sondern vornehm "Steuergestaltung" oder "Verrechnungspreise".

Schritt 5: Wie sichert man seinen Steuertrick ab?

Großkonzerne lassen sich überwiegend von vier weltgrößten Steuerberatungsfirmen betreuen, den weltgrößten Steuerberater-Firmen. Teil der Beratung: Geheime Absprachen mit den Finanzbehörden. Berühmt-berüchtigt sind die Absprachen zwischen Konzernen und der Finanzverwaltung in Luxemburg. Diese Absprachen sind nur deshalb ans Licht der Öffentlichkeit gekommen, weil zwei Whistleblower auf eigenes Risiko Hunderte interne Dokumente veröffentlicht haben. Dokumente der Steuerberatungsfirma PWC.

Whistleblower Raphael Halet vor dem Luxemburger Finanzamt. © NDR/Filme und Consorten

Luxemburg: So liefen Absprachen mit dem Finanzamt

45 Min -

Steuerliche Sonderbehandlung für Konzerne wie Apple, Amazon oder Ikea? In Luxemburg kein Problem. Der Whistleblower Raphael Halet erklärt, wie das funktionierte.

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Der Trick: Ikea, Apple, Starbucks und Co. haben von den Behörden ein sogenanntes Ruling bekommen. Das heißt: Bestimmte Steuertricks wurden vorab offiziell genehmigt. Das Ergebnis: minimale Steuersätze, manchmal weniger als ein Prozent.

Das Experiment: Gibt es auch in Deutschland geheime Absprachen zwischen Konzernen und den Finanzämtern? Journalistin Gesine Enwaldt ruft bei einem deutschen Finanzamt an und erhält die Auskunft: Ja, auch hier kann sich ein Unternehmen eine bestimmte steuerliche Behandlung vorab absegnen lassen.

Das Problem: Solche Steuerdeals lohnen sich nur für Großunternehmen. Wenn man sich sein Steuermodell vorher absegnen lassen will, muss man mehrere 10.000 Euro Gebühr zahlen. Die Kosten dafür sind sogar in einer Abgabenordnung festgehalten.

Und nicht zuletzt betreiben die großen Beraterfirmen teilweise aggressiven Lobbyismus, um die Steuergesetzgebung zu Gunsten ihrer Kunden zu beeinflussen. Außerdem bedienen sich die Konzerne des immer gleichen Tricks, um Staaten gegeneinander auszuspielen und so eine strengere Steuergesetzgebung zu verhindern: Sie drohen abzuwandern.

Schritt 6: Besser ruhig schlafen und die Solidargemeinschaft unterstützen

Das Experiment hat gezeigt: Wenn man raffinierte Steuerschlupflöcher nutzen will, muss man gewissermaßen zu einem exklusiven Club gehören: dem Club der Konzerne. Für kleine Unternehmen sind die Steuertricks kaum umsetzbar. Allein schon, weil die Kosten für Gebühren und Beratung die Vorstellungskraft von Normalverdienern übersteigen.

Doch vielleicht ist es auch gut, dass dieses Experiment nicht funktioniert hat. Das meint zumindest Frank Wehrheim. Er ist als Abteilungsleiter der Steuerfahndung Frankfurt bekannt geworden: Sein Team wurde ausgebremst, als es ganz großen Steuersündern auf den Fersen war.

Erklär-Clip
00:51

Konzern-Steuern: So müsste das System sein

20.03.2017 22:00 Uhr

Finanzexperten, die nicht den Großkonzernen nahestehen, sagen: Unser Steuersystem ist marode, schon von der Grundidee her. Es muss radikal reformiert werden. Wie geht es besser? Video (00:51 min)

Wehrheim arbeitet heute als Steuerberater - und sagt dennoch, dass man nicht jedes Schlupfloch nutzen solle: "Ich denke, wenn wir das auch noch anfangen, was die großen Konzerne teilweise machen, dann ist Deutschland irgendwann verloren." Wehrheim denkt daran, wie dringend Deutschland Schulen, Straßen und Krankenhäuser braucht.

Es liegt am deutschen Steuersystem, dass den großen Konzernen erlaubt, ihre Gewinne in Steueroasen zu verschieben, sagen Finanzexperten, die nicht den Großkonzernen nahestehen. Dabei könnte es auch anders gehen: wenn das deutsche Finanzamt nämlich die weltweiten Gewinne eines Konzerns betrachten würde.

Gesine Enwaldt hat jedenfalls am Ende des Experiments die Idee mit den Briefkastenfirmen aufgegeben und den ganz normalen Steuersatz gezahlt - und schläft damit ruhiger.

Informationen zur Sendung
mit Video

Steuern? Tricksen wie die Großen!

18.09.2017 22:00 Uhr

Die deutsche Steuerlast? Trägt der Mittelständler. Konzerne wie Apple oder Ikea verschieben ihre Milliardengewinne in Steuerparadiese. Lässt sich das nachmachen? mehr

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 20.03.2017 | 22:00 Uhr