Sendedatum: 11.01.2016 22:00 Uhr

Wadim sah nur den Tod als Lösung

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Wadim in Paris: "Es wirkt halt wie Urlaubsfotos, aber innerlich ging's ihm total anders. Das hat ihn Schritt für Schritt immer weiter kaputtgemacht", erinnert sich sein Freund Bartek.

In Deutschland leben gut 110.000 Menschen, die nur geduldet sind. Einer von ihnen war der aus Lettland stammende Wadim K. Nach 13 Jahren in Hamburg wurde er abgeschoben. Jahrelang suchte er vergeblich überall in Europa nach einer Heimat und kehrte immer wieder illegal nach Hamburg zurück. Bis er keine Perspektive mehr für sich sah und Selbstmord beging. Wadim wurde nur 23 Jahre alt.

Am 12. August 1986 kommt Wadim in der lettischen Hauptstadt Riga zur Welt. Seine Eltern gehören zur russischsprachigen Minderheit. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion lehnen sich die Letten gegen die russische Besatzung auf. Wadims Vater Sergej ist bei der sowjetischen Miliz, die nun gegen lettische Demonstranten vorgeht.

Vater fürchtet um Sicherheit der Familie

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Sergej und Viktoria K. mit ihren Söhnen Georg (li.) und Wadim (re.).

1990 erklärt sich Lettland für unabhängig. Der Vater verliert seine Anstellung als Inspektor bei der Miliz. Er fühlt sich politisch verfolgt und fürchtet um seine Sicherheit und die seiner Frau und seiner beiden Söhne. Deshalb verlassen die K.s das Land. "Ich habe beschlossen, für immer aus der ehemaligen UdSSR auszuwandern und in Deutschland um Asyl zu bitten. Mir gefällt der Vielparteienstaat und die ''wirkliche' Demokratie in Deutschland, das gutmütige, zivilisierte, ehrliche Volk. Ich wünsche mir, dass für unsere Familie Deutschland das Vaterland wird." Diese Erklärung hat Wadims Vater dem Asylantrag hinzugefügt. Eine so umfangreiche persönliche Erklärung sei schon ungewöhnlich, erklärt Markus Prottung, der Rechtsanwalt der Familie. 1992 kommen die K.s als Flüchtlinge nach Hamburg. Wadim ist sechs Jahre alt.

Wadim wird Hamburger

Besonders Wadims Mutter ist besorgt, dass die Leute erfahren könnten, dass sie Asylbewerberin ist. Sie setzt alles daran, dass sich vor allem ihre Kinder in Deutschland integrieren. Mit Erfolg: Wadim geht in Hamburg zur Grundschule. Er macht Sport, lernt Klavier und Fagott spielen. Er wird Ministrant und auf dem Gymnasium zum Klassensprecher. Er spricht Deutsch, er hat deutsche Freunde, er fühlt sich als Deutscher. Doch einen deutschen Pass wird Wadim nie erhalten.

Der Asylantrag wird abgelehnt

Bereits nach drei Jahren in Deutschland, 1995, wird der Asylantrag der Familie endgültig abgelehnt. "Ab diesem Moment hatten die K.s nur eine Duldung", erzählt Mieczyslaw Mazurkiewicz, damals der gesetzliche Betreuer der Familie. Diese Duldung wurde kurzfristig verlängert. Sie waren zur Ausreise verpflichtet, aber niemand hat gewusst, drei Jahre lang oder noch länger, in welche Richtung sie fahren sollen. Sie waren doch staatenlos." Lettland erkennt Bürger der russischen Minderheit nicht als Staatsangehörige an. Eine Abschiebung ist für die deutschen Behörden daher nicht realisierbar.

Viktoria und Sergej K. hoffen, dass sie bleiben dürfen, schlagen die Zeit tot und müssen regelmäßig zur Ausländerbehörde, um ihre Aufenthaltsgenehmigung verlängern zu lassen - zunächst "nur" alle zwei bis drei Wochen. Lange Jahre verbringen sie insgesamt zwischen Duldungen, Arbeitsverbot und Sammelunterkünften. Während die Kinder erfolgreich sind, geht bei Wadims Eltern nichts voran. Schließlich brechen sie unter dem Druck zusammen und erkranken beide an Depression. Die Kinder sind von da an mehr und mehr auf sich gestellt.

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Dieses Thema im Programm:

45 Min | 11.01.2016 | 22:00 Uhr