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Unser Trinkwasser in Gefahr

Montag, 30. Mai 2016, 22:00 bis 22:45 Uhr

Trinkwasser ist zwar das am besten kontrollierte Lebensmittel in Deutschland, doch es gibt auch besorgniserregende Fakten: Experten messen immer häufiger zu hohe Schadstoffwerte im Grundwasser. Mal findet sich krebserregendes Nitrat, mal giftige Pestizide oder Medikamentenrückstände - und die Liste wird immer länger. Noch sind es vertretbare Mengen, aber die EU mahnt bereits an, dass die Wasserqualität hierzulande zu wünschen übrig lässt.

Gefahr durch Legionellen und andere Keime oft unterschätzt

Legionellen vorbeugen

-Ÿ Duschkopf und das Verteilsieb (Perlator) an Wasserhähnen regelmäßig entkalken. Denn Kalk dient den Keimen als Nährboden.
Ÿ- Boiler alle zwei Wochen auf höchste Stufe heizen und dann das Wasser laufen lassen, bis es kalt wird.
Ÿ- Schon nach wenigen Tagen Abwesenheit Wasser an Waschbecken und in der Dusche eine Weile so heiß wie möglich laufen lassen. Dabei aus dem Raum gehen.

Wasser kann auch jetzt bereits tödlich sein. Das zeigte der jüngste Ausbruch einer Legionellen-Epidemie im März 2016 in Bremen, bei der ein Mann an einer von den gefährlichen Bakterien ausgelösten Lungenentzündung (Legionärskrankheit) starb. Legionellen sind eine oft unterschätzte Gefahr. Sie nisten nicht nur in Klimaanlagen, sondern auch in Wasserleitungen und Duschen. Jede Wohnung kann bei falscher Wartung zum Ausbruchsherd werden. Das Trinken von Legionellen belastetetem Wasser ist ungefährlich, da die Magensäure sie abtötet. Es besteht die Gefahr an der Legionärskrankheit zu erkranken, wenn Legionellen als Wasserbläschen eingeatmet werden.

Fünf Millionen Haushalte in Deutschland haben Tischwasserfilter und versuchen damit ihr Trinkwasser von Kalk und Keimen zu befreien. Jürgen Stellpflug von der Stiftung Öko-Test hält von den Geräten nicht viel und sieht sogar die Gefahr, das Wasser durch die Filter zu verschlechtern. "Denn im Wasser sind Keime, und das Wasser steht im Filter. So können sich die Keime vermehren", warnt der Chefredakteur des Öko-Test-Magazin. Die Verbraucherzentrale Hamburg sieht das genauso.

Nitrat im Grundwasser bedroht Trinkwasser-Förderbrunnen

Gefährlich wird Wasser für uns - womöglich sogar dauerhaft - durch den Anstieg der Nitratbelastung im Grundwasser. Beim Wasser, das wir in Norddeutschland trinken, handelt es sich - je nach Region - fast ausschließlich um Grundwasser; lediglich ein kleiner Teil des Trinkwassers stammt aus Talsperren. Noch sind die hohen Nitratwerte nur selten in den Tiefen von etwa 90 bis 100 Meter gemessen worden, in denen die Förderbrunnen unseres Trinkwassers liegen.

Ursache der Nitratbelastung: Gülle aus der Landwirtschaft

Der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband untersucht aber anhand von Messbrunnen, wie tief Nitrat bisher in die Böden gedrungen ist. Ergebnis: Auf etwa 20 Metern Tiefe ist der Nitrat-Gehalt im Grundwasser jetzt schon besorgniserregend hoch, wenn sich landwirtschaftlich genutzte Flächen in der Nähe befinden. Der Anteil von Nitrat im Trinkwasser sollte den Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter nicht überschreiten. In manchen oberflächennahen Grundwasservorkommen in Deutschland wird das Dreifache gemessen.

Die Ursache für die Nitratbelastung ist vor allem die Landwirtschaft: Es werden immer mehr Tiere gehalten und immer größere Ställe gebaut. So fallen jährlich mittlerweile rund 60 Millionen Tonnen Gülle, Mist und Reste aus Biogasanlagen an. Wie viel gedüngt wird, wird faktisch nicht kontrolliert. Auf diese Weise gelangt deutlich mehr Stickstoff aus dem Dünger in die Erde, als die Pflanzen aufnehmen können. Im Boden wandelt sich er sich zu gefährlichem Nitrat.

Links

Belastungen des Grundwassers

Ausführlicher Hintergrundartikel des Umweltbundesamtes. (18.03.2015) extern

Das Grundwasser droht durch den Anstieg der Nitratbelastung für immer zu versalzen. Gerät der Schadstoff ins Trinkwasser, kann das gesundheitsschädlich sein, weil sich Nitrat im Körper in gefährliches Nitrit umwandeln kann, das beispielsweise den Sauerstofftransport im Blut blockiert. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt schon lange vor geringen Aufnahmemengen. Das Problem: Das gesundheitsgefährdende Nitrat lässt sich in heutigen Wasserwerken meist nicht wieder herausfiltern.

Auch Medikamentenrückstände belasten das Trinkwasser

Und noch etwas bedroht unser Trinkwasser: Medikamentenrückstände. Sie landen mit dem Urin der Patienten im Abwasser. Es gibt so viele Tausende verschiedener Stoffe, dass man nicht nach einzelnen suchen kann. Prof. Michael Bau von der Bremer Jacobs University hat ein chemisches Element gefunden, das nach seinen Forschungen ein Indiz für viele Medikamente im Trinkwasser sein kann: Gadolinium. Dabei handelt es sich um eine seltene Erde. Der Stoff wird als Kontrastmittel in der Kernspintomografie verwendet. Befindet sich Gadolinium im Trinkwasser, dann sei das eine erste Spur dafür, dass auch andere Medikamente im Wasser vorhanden sein könnten und eine genauere Suche sinnvoll ist, so das Forschungsergebnis des Professors.

Können wir unser Wasser schützen?

Trinkwasserverordnung

Wasser für den menschlichen Gebrauch
- muss frei von Krankheitserregern, genusstauglich und rein sein.
- darf keine Krankheitserreger in Konzentrationen enthalten, die eine Schädigung der menschlichen Gesundheit besorgen lassen.
- darf keine chemischen Stoffe in Konzentrationen enthalten, die eine Schädigung der menschlichen Gesundheit besorgen lassen.

Quelle: Gesetzestext im Wortlaut auf www.gesetze-im-internet.de/trinkwv_2001/index.html

In Zukunft könnten neue teure Filteranlagen erforderlich werden. Die wären dann auch in der Lage etwa Nitrat aus dem Wasser zu filtern. Das wiederum würde für den Verbraucher die Wasserpreise nach oben treiben. Vor allem ist es aber dringend erforderlich, die Düngemengen in der Landwirtschaft zu kontrollieren und zurückzufahren. Auch moderne Landmaschinen helfen, den Dünger dosierter auf die Äcker zu bringen, indem sie die Gülle nicht großflächig versprengen, sondern in Bahnen direkt auf die Erde auftragen. Außerdem sollten Felder im Herbst und Winter nicht brachliegen. Einfache Graspflanzen binden bereits den Stickstoff im Boden. So kann weniger Nitrat entstehen. Auch ehemalige Ackerflächen dienen dem Trinkwasserschutz, wenn sie aufgeforstet werden.

Zurzeit werden neue Brunnen im Norden einfach tiefer gebohrt, denn das Grundwasser der ersten Schicht ist vielerorts nicht mehr zu verwenden. Bis in eine Tiefe von 200 Meter und mehr reichen die Förderbrunnen nun. Eine Lösung ist das nicht. Dadurch gewinnen wir nur Zeit.

So gefährden Nitrat und Keime das Trinkwasser

Anmerkung der Redaktion zu den User-Kommentaren: Wir haben einige ausführliche, auch mit Quellenangaben versehene, kritische Kommentare erhalten. Um ebenso ausführlich antworten zu können, haben wir die wichtigsten Kritikpunkte aufgenommen und unsere Rechercheergebnisse in einem Kommentar zusammengefasst.

Redaktion
Sabine Reifenberg
Regie
Andreas Orth
Autor/in
Andreas Orth
Redaktionsleiter/in
Jochen Graebert
Produktionsleiter/in
Andy Kaminski

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