Stand: 11.05.2017 13:45 Uhr

"Ein Rennen ist immer mit Angst verbunden"

Bild vergrößern
Dr. Maximilian Pick war früher Rennbahntierarzt. Er sagt, dass Rennpferde seelisch und körperlich unter dem Sport leiden.

Dr. Maximilian Pick ist Fachtierarzt für Pferde und Fachtierarzt für Tierschutz. Viele Jahre arbeitete er als Rennbahntierarzt in München, er war schon damals - in seiner aktiven Zeit - ein Kritiker des Rennsports. Heute ist er als öffentlich bestellter und beeidigter Sachverständiger zur Ermittlung des Handels- und Gebrauchswertes von Pferden tätig. Im Interview mit dem NDR beklagt er Missstände im Galopp-Rennsport.

Sie waren lange als Tierarzt auf der Münchner Rennbahn tätig und waren schon damals ein Kritiker des Galopp-Sports. Was hat Sie dazu bewegt?

Maximilian Pick: Am Anfang, wenn man auf der Rennbahn ist, ist alles wunderschön: schöne Pferde, schöne Mädchen, Jockeys in buntem Dress, alles wunderbar. Irgendwann aber schaut man natürlich genauer hin, was eigentlich mit den Pferden geschieht. Rennpferde werden gut gepflegt und behandelt, das ist sogar manchmal besser als im Amateurreitsport. Aber mit der Zeit sieht man, welchem Stress die Tiere ausgesetzt sind. Sie laufen zehn Mal, zwölf Mal im Jahr und jedes Rennen bedeutet unheimlichen Stress für sie, weil ein Rennen immer mit Angst, oft sogar mit Todesangst verbunden ist. Und das führt dazu, dass Pferde psychisch total am Ende sind, wenn sie ein paar Jahre auf der Rennbahn waren.

Es läuft einfach vieles falsch im Rennsport: Die Pferde laufen zu oft hintereinander, sie werden, obwohl sie ihr Letztes geben, mit der Peitsche gezwungen, noch mehr zu geben. Zudem kommen sie nie auf die Koppel. Ahnungslose behaupten der Koppelgang wäre zu gefährlich. Aber das ist völliger Blödsinn. So wurde ich schon während meiner Zeit als Rennbahntierarzt zum Kritiker der Rennordnung, des sogenannten Trainings, seines Umfelds und der Haltungsbedingungen.

Vom harten Leben eines Galoppers

Die Befürworter des Rennsports sagen, Galopp-Rennen kämen von allen Pferdesportarten der Natur des Pferdes am nächsten. Was sagen Sie dazu?

Pick: Der schnelle Galopp ist immer eine Stress-Situation für die Rennpferde. Je schneller sie laufen, desto größer ist die Angst. Pferde sind Fluchttiere, die in der früheren Zeit von Beutegreifern gejagt wurden: Ihre einzige Rettung war die Flucht. Zwar laufen Pferde auf der Koppel auch mal im Galopp. Aber das ist ein spielerischer Galopp, ein Lust-Galopp. Auf der Rennbahn ist es ein Angst-Galopp. In dem Augenblick vor und in der Startbox ist die Angst schon da. Ohne Angst würden die Pferde gar nicht so schnell laufen. Weder der Jockey ist es, der die Pferde so schnell macht, noch die Peitsche - daher ist diese auch überflüssig.

Sie sagen, dass der Rennsport den Pferden vor allem psychisch zusetzt. Was meinen Sie damit?

Pick: Ich habe ungefähr zehn Pferde von der Rennbahn gekauft oder mir schenken lassen und sie zum Reitpferd umgeschult - da sieht man am ehesten, wie seelisch zerstört ein Pferd ist, wenn es von der Rennbahn kommt. Die körperlichen Schäden wie Sehnenschäden kommen hinzu, aber die kann man in der Regel schnell ausheilen, wenn man die extreme Belastung des Renngalopps wegnimmt. Aber ich habe erfahren, wie lange es dauert, bis diese Angst bei den Pferden wieder abgebaut ist.

Was wird in der täglichen Haltung der Rennpferde aus Ihrer Sicht falsch gemacht?

Bild vergrößern
"Das Grundrecht eines jeden Pferdes ist der Weidegang", sagt der Tierarzt.

Pick: Das Grundrecht eines jeden Pferdes ist der Weidegang. Die Weide ist das natürliche Umfeld des Pferdes, und wenn der Weidegang einem Pferd vorenthalten wird, dann widerspricht das dem Tierschutzgesetz, das eine artgerechte Haltung vorschreibt. Der Weidegang ist aber bei Rennpferden nicht so einfach umzusetzen, da 40 Prozent der Pferde Hengste sind. Sie würden sich auf einer gemeinsamen Koppel gegenseitig beißen und schlagen.

Da bedarf es gewisser Kenntnisse, um allen Rennpferden - eventuell getrennt voneinander - einen Weidegang zu ermöglichen. Aber es ist wissenschaftlich erwiesen, dass der Aufenthalt auf der Weide auch trainings- und gesundheitsfördernd ist. Am schlimmsten finde ich Führanlagen, bei denen die Pferde wie in einer Tretmühle im Kreis herumlaufen müssen. Diese Zwangsbewegung wird heute als ganz positiv für die Pferde angesehen, aber das ist ein furchtbarer Unsinn.

Wie sieht der typische Alltag eines Rennpferdes aus?

Pick: Die Pferde stehen 23 Stunden am Tag in der Box, wo sie auch gefüttert und mit Kraftfutter eventuell auch überfüttert werden, wobei die Gefahr der Magengeschwüre besteht. Ungefähr eine Stunde am Tag kommen sie raus, werden meist ein bisschen im Schritt bewegt, kommen kurz auf die Trainingsbahn, werden einmal um die Bahn herumgaloppiert und kommen dann wieder in die Box oder an die Führmaschine. Nur wenige Trainer reiten mit den Pferden auch mal spazieren, was für die Pferde sehr entspannend wäre.

Viele der Pferde haben Probleme mit der Lunge oder den Bronchien, weil sie im Stall ständig Staub aus Stroh und Heu einatmen. Von Training kann man bei den Rennpferden kaum sprechen. Sie werden ungenügend bewegt, die Muskulatur, die Sehnen, Hufe, Herz und Lunge leiden unter dem 23-stündigen Stallaufenthalt. Kein Sportler der Welt würde 23 Stunden in seiner Stube hocken und nur eine Stunde am Tag trainieren. Außerdem sind die Tiere auch seelisch nicht ausgeglichen, sie langweilen sich in der Box. Manchmal haben sie Blickkontakt zu anderen Pferden, aber nur durch Gitter hindurch. Das Pferd leidet unter seiner vielstündigen Boxenhaltung.

Das sagen Befürworter des Pferde-Rennsports:

  • Philipp Hein, Geschäftsführer des Kölner Renn-Vereins, über die Faszination des Rennsports:

    "Neun unglaublich durchtrainierte Vollblüter, die mit fast 65 Stundenkilometern über die Ziellinie gehen, Endkampf bis zum Schluss. Das ist eine Faszination, die man miterlebt. Und am liebsten auch miterlebt auf der Bahn. Wo jeder mitgeht bis zum Ende. Man Emotionen zeigt. Nicht nur als Reiter, als Pferd, sondern auch als Zuschauer. Mit einem Siegschrei, mit einem Jubelschrei. Das macht die Faszination Vollblut aus."

  • Philipp Hein über Vollblüter als Rennpferde:

    "Die Tiere sind so gezüchtet, dass sie Rennen laufen, dass sie sich schnell bewegen. Sie sind Kraftsportler, sie sind Hochleistungssportler. Und denen sollte man auch den Raum geben. Wenn natürlich die Pflege und die Behandlung der Pferde angemessen ist. Aber das ist auf jeden Fall im deutschen Galopprennsport gegeben."

  • Jan Antony Vogel, Geschäftsführer des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen:

    "Man kann natürlich immer in Frage stellen, brauche ich überhaupt den Leistungssport mit Pferden, die sich selber so schlecht dazu äußern können. Dann kann man die gesamte Vollblutzucht infrage stellen. Wenn man sagt: Warum züchtet ihr überhaupt Vollblüter? Ja, kann man alles infrage stellen. Aber ich meine, dass der Galopprennsport, insbesondere der Einsatz der Pferde, eine der Sportarten ist, die dem Pferd am gerechtesten werden."

  • Jan Vogel zur Kritik an Zweijährigenrennen:

    "Wir haben in der Vollblutzucht natürlich ein Zuchtziel. Und das ist schon die Härte des Pferdes, aber auch die Frühreife des Pferdes. Ein Vollblüter in der Altersstruktur von zwei Jahren ist absolut nicht vergleichbar mit einem Warmblüter."

  • Trainer- und Rennstallbesitzer Christian Freiherr von der Recke zu Kritik an der Haltung von Rennpferden:

    "Je mehr Gleichmäßigkeit im Ablauf ist, umso besser findet das Pferd das. Das Pferd ist nicht so sehr daran interessiert, einen Wechsel zu haben."

  • Jan Vogel zum sogenannten Hilfsmittel Zungenband:

    "Geht nicht. Oder sollte eigentlich nicht gehen. Nimmt man Pferde, denen die Zunge festgebunden wird - es sind die wenigsten. (...) Da sind wir auch bei, dass wir das so reglementieren, dass das Anbinden der Zunge so nicht mehr erlaubt ist."

  • Jan Vogel zum Einsatz der Peitsche:

    "Es geht im Grunde genommen darum, dass ich, wenn ich auf der Rennbahn stehe und mir einen Zieleinlauf angucke, diese Bilder nicht sehen will. Und wenn ich sie nicht sehen will, will sie auch kein Besucher sehen. Und demzufolge müssen wir da massiv gegensteuern, dass sich solche Verfehlungen eben nicht nur im Rahmen halten, sondern bestmöglich komplett ausgeschlossen werden. (...) Wir brauchen einfach die Peitsche in Situationen, wo ein Pferd ausbricht und wegbricht. Auch mal, wo ein Pferd sich hängen lässt. Das ist wie in jedem anderen Sport auch so, dass es mal eine Aufmunterung braucht. Dafür brauchen wir die Peitsche. Selbst dieses hässliche Derby (2016 in Hamburg, Anm. der Redaktion) hat bei den Pferden ja keinerlei Verletzungen hervorgerufen. Uns geht es darum, dass diese Bilder einfach unschön sind. Und die Pferde nicht über Gebühr entsprechend motiviert werden müssen."

  • Christian von der Recke zum Schicksal der Rennpferde nach dem Ausscheiden aus dem Sport:

    "Wir haben ja auch eine Verantwortung ihnen gegenüber. Und wir gehen wirklich hin und kümmern uns auch da drum. Wir wollen ja auch im Sinne des Pferdes und der Besitzer, dass die Pferde gut versorgt sind."

zurück
1/4
vor

 

Und was läuft bei den Rennen selbst schief?

Pick: Das sichtbarste Beispiel ist die Peitsche. Laut Paragraf 1 des Tierschutzgesetzes ist es verboten, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Und es ist geradezu widersinnig, ein Pferd, das im Rennen ohnehin schon so schnell läuft wie es kann, auch noch zu schlagen - es besteht ein Verbot gemäß §3 des Tierschutzgesetzes. Die Peitsche wurde in den vergangenen Jahren immer weiter reglementiert, aber die Verantwortlichen haben nie den Mut gehabt, sie ganz zu verbieten. Dabei wäre das das Einfachste der Welt. Die Peitsche ist das Symbol des Rennsports, aber sie ist auch ein Symbol für Tierquälerei.

Es gibt ja auch schon Zweijährigenrennen mit dem Ziel, potenzielle Derby-Kandidaten für das nächste Jahr zu finden. Was halten Sie davon?

Pick: Jedes Pferd, egal ob Pony oder Vollblüter, ist mit etwa fünf Jahren ausgewachsen. Dann ist das Knochengerüst so weit gefestigt, dass es voll belastet werden kann. Wenn Pferde mit zwei Jahren ein Rennen laufen, wurden sie mit etwa eineinhalb Jahren eingeritten - da sind sie noch kleine Kinder, vergleichbar mit einem Menschen, der etwa sieben oder acht Jahre alt ist. Das heißt nicht, dass alle Tiere mit drei Jahren körperlich oder seelisch kaputt sind. Aber trotzdem halte ich persönlich es für zu früh, ein Pferd mit eineinhalb Jahren einzureiten und es mit zwei Jahren Rennen gehen zu lassen.

Warum gibt es überhaupt solche Rennen?

Pick: Ein Pferd kostet für seinen Besitzer viel Geld, egal ob man es kauft oder selbst aufzieht. Und je länger man es im Stall oder auf der Koppel hat, umso mehr Geld kostet es und man will endlich mal einen Gewinn sehen. Das ist einfach ein finanzielles Problem. Es geht immer nur um Geld, um Gewinnsummen und darum, erfolgreiche Pferde für die Zucht zu bekommen. Die Erkenntnis, dass es den Pferden dabei nicht gut geht, setzt sich natürlich bei den Leuten am schlechtesten durch, die davon leben oder für diesen Sport Geld ausgeben - den Pferdebesitzern, Jockeys und Trainern.

Was sind die häufigsten Verletzungen, unter denen Rennpferde leiden?

Pick: Das sind Sehnenschäden. Sehnenschäden in der Vorderhand, weil sich im schnellen Galopp der ganze Schwung über einen der Vorderfüße abwickelt und dann für kurze Zeit das gesamte Gewicht auf diesem Bein liegt. Daneben gibt es alle möglichen anderen Verletzungen. Schlimm sind Brüche, zum Beispiel Splitterbrüche, die fast immer tödlich enden, weil sie nicht geheilt werden können. Die Pferde werden dann an Ort und Stelle eingeschläfert. Die meisten Verletzungen passieren aber nicht beim Rennen, sondern im Training.

Was stört Sie am Rennsport am meisten?

Pick: Ich bin eigentlich kein Gegner des Rennsports, aber mich regt die Ignoranz der Verantwortlichen auf. Nicht einzusehen, dass die Peitsche etwas Negatives für die Pferde ist, nicht einzusehen, dass man die Situation an den Startboxen ändern müsste, in die die Tiere nicht hineingehen wollen. Und nicht einzusehen, dass man am Training und der Pferdehaltung etwas ändern muss. Das Direktorium (Direktorium für Vollblutzucht und Rennen, Oberste Verwaltungsstelle für die Zucht von Vollblutpferden und für die Galopprennen in Deutschland, Anm. der Redaktion) hätte es in der Hand, durch verschiedene Maßnahmen das Ansehen und die Bedingungen des Rennsports zu verbessern.

Letztendlich muss das Tierschutzgesetz und müssen die Leitlinien zum Pferdesport beachtet und auch im Rennsport umgesetzt werden. Man müsste vieles ändern, aber es passiert nichts. Und ich sehe, dass der Rennsport dadurch einen Niedergang erleidet. Schuld an dem Untergang haben nicht etwa die Kritiker, sondern die Verantwortlichen im Rennsport.

Das Interview führten Antonia Coenen und Wilm Huygen, 45 Min.

Mehr zum Thema
mit Video

Das kurze Leben der Rennpferde

15.05.2017 22:00 Uhr

Nur Fußball ist noch attraktiver: Galopprennen sind prestigeträchtige Groß-Events mit rund einer Million Zuschauer pro Jahr. Und die Pferde? Werden oft zugrunde geritten. mehr

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 15.05.2017 | 22:00 Uhr