Polystyrol ist der am häufigsten verbaute Dämmstoff in Deutschland, weil er leicht zu verarbeiten und besonders billig ist. Flächendeckend auf die Fassaden geklebt, soll er helfen, die Energiekosten eines Gebäudes zu senken. Die Energieeinsparverordnung sieht vor, dass der Gebäudebestand in Deutschland bis 2050 energetisch klimaneutral sein soll.
Polystyrol ist ein aus Erdöl hergestellter Kunststoff. Da gedämmte Fassaden kühl bleiben, können sich darauf leicht Algen und Pilze bilden. Um das zu verhindern, werden sowohl dem Putz, der auf dem Polystyrol verteilt wird, als auch den Wandfarben sogenannte Biozide beigemengt.
Studien zeigen: Auf den meisten gedämmten Fassaden wachsen nach einigen Jahren dennoch Algen oder Schimmelpilze. Die giftigen Biozide können dies langfristig nicht verhindern.
Biozide sind wasserlösliche Substanzen. Sie werden durch Regen an die Oberfläche gespült. Dort sollen sie ja auch wirken. Aber Niederschläge waschen sie dann ab. Somit können die Giftstoffe in Gewässer gelangen.
In der Schweiz liegen dazu bereits Daten vor: Die Umweltforscherin Irene Wittmer hat festgestellt, dass vor allem kleine Bäche zeitweise hoch mit Bioziden aus Fassaden belastet sind - besonders nach starken Regenfällen.
Dass die Menschen ihre Häuser nachträglich isolieren, freut vor allem Spechte. Sie hacken mühelos Löcher in die Putzschicht und höhlen dann die Polystyrolplatten aus. Spatzen und, wie auf dem Foto zu sehen, Stare ziehen gern in solche bereits ausgebauten Nester.
Bevor die kleinen Löcher zu Folgeschäden führen, müssen sie gut verschlossen werden. Eine Aufgabe für Fassadenkletterer mit Handwerkerausbildung.
Die Vogelhöhle wird mit Mineralwolle verfüllt, das fehlende Stück Dämmschicht samt Putz ersetzt. Das Reparaturstück wird exakt eingepasst und sorgfältig versiegelt.
So eine gedämmte Fassade ist trotz stabilisierender Putz- und Gitternetzschicht (der Armierung) anfällig gegen Schläge und Stöße. Selbst kleine Risse erlauben das Eindringen von Feuchtigkeit. Einige Experten sagen, dass die Dämmleistung dann nicht mehr gegeben ist.
Doch Risse und Löcher im Putz bergen ein weiteres Risiko: "Das sind recht gefährliche Eintrittstellen für Feuer", erklärt der Hamburger Dirk Hückmann vom Berufsverband Feuerwehr e.V.
Eigentlich sollen sogenannte Brandriegel aus nicht brennbarer Mineralwolle die Ausbreitung eines Feuers, etwa bei einem Mülltonnnenbrand, verhindern. Zwei zusätzliche Brandriegel im unteren Bereich einer Fassade sollen aber erst jetzt bei Neubauten und Modernisierungen Pflicht werden.
Reichen Brandriegel aus, um die Ausbreitung eines Feuers in die oberen Etagen zu vermeiden?
Ende 2013 geriet die mit Polystyrol gedämmte Fassade eines Hauses in Hamburg in Brand. Ursache des Feuers: ein Müllltonnenbrand in einem Lichtschacht. Das Feuer schnellte explosionsartig nach oben, wie Anwohner berichten.
Die Feuerwehr hatte Mühe, die eingeschlossenen Bewohner zu retten. Rauchgase verhinderten eine Flucht durchs Treppenhaus. Zum Glück gab es neben dem Gebäude eine Baulücke: So kam die Feuerwehr hinter das Haus und konnte die Menschen mit der Drehleiter von den Balkonen retten.
Das Haus war erst kurz zuvor gedämmt worden. Die Reste der Brandriegel, die ein Überspringen der Flammen verhindern sollten, sind noch zu sehen. Der Kraft des Feuers waren sie offenbar nicht gewachsen.
Ein neues Merkblatt der deutschen Bauminister empfiehlt seit vergangenem Jahr einen Mindestabstand von Mülltonnen zu einer Polystyrol-Fassade. Drei Meter weit weg sollen sie stehen oder in großen Metall- und Betonboxen aufbewahrt werden. Das hier entspreche nicht der vorschriftsmäßigen Lagerung, sagt Feuerwehrmann Dirk Hückmann.
Ende Mai 2012 brannte in Frankfurt die frisch gedämmte, aber unverputzte Fassade eines Wohnhauses - offenbar angeheizt durch Polystyrol. Glücklicherweise war das Haus unbewohnt. Einsatzleiter Prof. Reinhard Ries begutachtete danach die Reste der Polystyrol-Blöcke.
Die Frankfurter Feuerwehr dokumentiert bundesweit Brände, bei denen mit Polystyrol gedämmte Fassaden in Brand geraten sind. Reinhard Ries, Frankfurter Branddirektor, war schon 2012 davon überzeugt, "dass dieser Dämmstoff absolut sofort überprüft werden muss". Das weitere Verbauen halte er zumindest für fraglich, "um nicht zu sagen, eigentlich müsste es gestoppt werden".